Kolumne "Selbst schuld, jetzt wartet ihr 8 Monate auf den Handwerker"

Jahrelang sollten alle studieren – jetzt sollen Akademiker spüren, was sie davon haben. Nach Jahrzehnten der Geringschätzung macht diese Genugtuung die Runde in Handwerksbetrieben, und sie ist menschlich. Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg versteht den Impuls. In ihrer DHZ-Kolumne erklärt sie, warum das Handwerk mit dieser Haltung jedoch einen alten Fehler neu begeht.

Auf Social Media und in WhatsApp-Statusmeldungen kursieren derzeit wieder massenhaft KI-generierte Videos, die das Handwerk als einzig wahren Berufsweg feiern. Kolumnistin Kathrin Post-Isenberg warnt: Wer jetzt die alte Rangliste einfach umdreht, wiederholt denselben Fehler. - © peopleimages.com - stock.adobe.com

Jahrelang sollten alle studieren, jetzt wartet ihr acht Monate auf den Handwerker. Seht ihr mal, was ihr davon habt. Wir sind eben die Geilsten. Sätze wie diese höre ich gerade erstaunlich oft.

Ich bin Steinmetzmeisterin. Ich liebe das Handwerk und ich kämpfe seit Jahren dafür, dass berufliche Bildung endlich die Wertschätzung bekommt, die sie verdient. Trotzdem geht mir genau diese Haltung gegen den Strich. Denn wir machen gerade denselben Fehler noch einmal. 

Wie das Studium zum Aufstieg wurde – und das Handwerk zur Notlösung

Über viele Jahre haben wir jungen Menschen vermittelt, es gebe einen Bildungsweg nach oben und einen nach unten. Wer gut lernt, gute Noten schreibt und sich im Unterricht problemlos einfügt, soll möglichst Abitur machen und studieren. Wer mit Schule weniger anfangen kann, nicht lange stillsitzt oder lieber praktisch arbeitet, für den gibt es ja noch das Handwerk. 

Diese Denkweise war falsch. Nicht weil ein Studium schlecht wäre, sondern weil wir aus unterschiedlichen Bildungswegen eine Rangliste gemacht haben.

Wer die Wippe umdreht, löst nichts

Jetzt stellen sich Teile des Handwerks hin und drehen diese Rangliste einfach um. Plötzlich ist das Studium angeblich überbewertet und das Handwerk der einzig wahre Weg. Akademiker sollen gefälligst merken, was sie von ihrer Entscheidung haben, wenn kein Elektriker kommt, das Dach undicht bleibt oder die Heizung ausfällt. Das mag sich nach jahrzehntelanger Geringschätzung kurz ziemlich gut anfühlen. Klüger wird es dadurch nicht. 

Wir brauchen beides – und das ist keine Schwäche

Eine Gesellschaft funktioniert nicht, wenn wir ihre Bildungswippe alle paar Jahrzehnte mit voller Kraft auf die andere Seite kippen. Jahrelang hing das Handwerk in der Luft, jetzt drohen wir aus der Not heraus einfach die Gewichte zu verschieben. Genau das ist mir zu kurz gedacht. Bildungspolitik darf nicht immer erst dann reagieren, wenn es irgendwo schmerzhaft fehlt. Sie muss mit Sinn und Verstand vorausdenken, statt den aktuellen Mangel zum Kompass für die nächsten Jahrzehnte zu machen. 

Kathrin Post-Isenberg KPI
Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg führte jahrelang ihren eigenen Handwerksbetrieb. Heute ist sie Speakerin, Host des Podcasts "Nach fest kommt ab" und treibt die Diskussion rund um Arbeitgebermarke, Führung und Fachkräftesicherung im Handwerk voran. - © Markus Zielke

Wir brauchen Menschen, die Häuser bauen, Heizungen installieren, Haare schneiden und Straßen pflastern. Wir brauchen genauso Pflegekräfte, Erzieher, Ingenieurinnen, Wissenschaftler, Ärzte und Menschen in Berufen, die wir heute vielleicht noch gar nicht kennen. 

Die richtige Frage: Was steckt in diesem Menschen?

Die Frage darf deshalb nicht lauten: Studium oder Handwerk, was ist besser? Die Frage müsste viel früher lauten: Was steckt eigentlich in diesem jungen Menschen? 

Dafür müssten wir Schule grundlegend anders denken. Nicht erst in der neunten Klasse einen Berufsorientierungstag veranstalten, an dem Jugendliche einmal an zehn Ständen vorbeilaufen. Wir müssten viel früher beobachten, ausprobieren und sichtbar machen, wofür ein Kind Interesse entwickelt, woran es freiwillig lange arbeitet, wie es Probleme löst, was ihm leichtfällt und wo es bereit ist, sich durchzubeißen. 

Was Schulen und Politik jetzt anders machen müssten

Dafür brauchen wir gute Diagnostik, mehr praktische Erfahrungen und eine Berufsorientierung, die diesen Namen verdient. Ein Kind darf nicht deshalb Richtung Universität geschoben werden, weil es gute Noten schreibt. Ein anderes darf genauso wenig im Handwerk landen, weil es im Unterricht nicht lange stillsitzen kann. 

Vielleicht wird aus dem Einserschüler ein hervorragender Tischlermeister. Vielleicht gehört das Kind, das ständig Dinge auseinanderschraubt, irgendwann in die Forschung. Vielleicht entdeckt jemand sein Talent in der Pflege, in der Technik, in der Gestaltung oder in einem Beruf, den die Eltern bisher überhaupt nicht auf dem Schirm hatten. 

Wertschätzung heißt nicht, das Studium kleinzureden

Genau dafür müsste Bildung da sein: Möglichkeiten sichtbar machen, statt Menschen möglichst früh in Schubladen zu sortieren. 

Das wäre auch eine Aufgabe für Bildungspolitik. Nicht die nächste Kampagne, die jungen Menschen erklärt, welcher Beruf gerade besonders dringend gebraucht wird. Nicht das nächste Plakat mit der Botschaft, dass Ausbildung jetzt mindestens genauso cool ist wie Studium. Wir brauchen ein System, das nicht vom aktuellen Fachkräftemangel rückwärts auf die Bildungsentscheidung eines 15-Jährigen schließt. 

Denn wir entscheiden heute über Berufswege, deren Auswirkungen wir noch in Jahrzehnten spüren werden. Wenn wir jetzt aus lauter berechtigtem Ärger über die jahrzehntelange Geringschätzung beruflicher Bildung anfangen, akademische Bildung kleinzureden, haben wir nichts gelernt. Dann haben wir die Wippe nicht ausbalanciert. 

Wir haben nur die Seiten gewechselt. Und was uns dann in 20 bis 30 Jahren erwartet, wissen wir jetzt schon. Das Handwerk braucht keine Abwertung des Studiums, um seinen eigenen Wert zu beweisen. Es braucht ein Bildungssystem, das endlich aufhört, Menschen nach vermeintlich höheren und niedrigeren Bildungswegen zu sortieren. Vielleicht wäre genau das echte Wertschätzung. 

Die Kolumne "Aus dem Handwerk, für das Handwerk" von Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erscheint jeden Donnerstag exklusiv in der Deutschen Handwerks Zeitung (DHZ). Melden Sie sich für den kostenlosen DHZ-Newsletter an, um keine Ausgabe zu verpassen.