Im kommenden Sommer wird Friedrich Hubert Esser nach 15 Jahren an der Spitze des Bundesinstituts für Berufsbildung (Bibb) in den Ruhestand gehen. Was der gelernte Bäcker dort bewirkt hat und warum manche Bretter zu dick waren, um sie in seiner Amtszeit zu bohren.

Herr Prof. Esser, 15 Jahre lang haben Sie als Bibb-Präsident dafür gekämpft, die Berufsbildung in Deutschland voranzubringen. Was waren Ihre wichtigsten Themen?
Friedrich Hubert Esser: Zunächst sind die Standardaufgaben zu nennen, auf die ich immer ein Auge hatte, denn sie tragen dazu bei, das Gesamtsystem der Berufsbildung am Laufen zu halten. In meiner Amtszeit wurden bislang 152 Ausbildungen sowie 85 Fortbildungen modernisiert. Besonders wichtig waren mir zudem die Entwicklung des Portals zur Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen, die Weiterentwicklung internationaler Berufsbildungsinitiativen durch die Gründung des German Office for International Cooperation in Vocational Education and Training, kurz GOVET, unsere Initiative Berufsbildung 4.0 und natürlich die Arbeit an der Reputation des Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR).
Dieser DQR macht berufliche Bildung vergleichbar mit internationalen Bildungsgängen, aber auch mit akademischen Laufbahnen. Eine duale Berufsausbildung steht auf derselben DQR-Niveaustufe wie ein Abitur, ein Handwerksmeister hat dieselbe Niveaustufe wie ein Akademiker mit Bachelor-Abschluss. Bisher gibt es dafür aber keinen Rechtsanspruch, für die Menschen sind akademischer und beruflicher Abschluss nicht gleichwertig. Was läuft da falsch?
Diese Schieflage ist über Jahrzehnte gewachsen. In den 1970er-Jahren nahm in Deutschland die politisch getriebene Idee von "Aufstieg durch Bildung" Fahrt auf. Man wollte mehr Menschen raus aus dem Blaumann, hin zu Weiße-Kragen-Berufen bringen. Jetzt ist die Politik erneut gefragt, um diesen anhaltenden Trend wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Nur über die Verrechtlichung des DQR kommt die Gleichwertigkeit in den Schulen und damit auch in den Köpfen der Menschen an.
Die Verrechtlichung des DQR ist im Koalitionsvertrag vorgesehen. Gibt es Konkretes?
Das zuständige Bundesministerium hat ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, auf dessen Basis dann weitere Entscheidungen folgen sollen. Ich hoffe, dass wir in dieser Legislaturperiode die Verrechtlichung dann endlich umsetzen. Ich hätte nicht erwartet, dass man sich in Deutschland, dem Land des dualen Systems und der beruflichen Bildung, mit der Verrechtlichung so schwertut.
Woran hakt es denn?
Es gibt mächtige Gruppen, die eine Verrechtlichung nicht unterstützen und damit die gesetzlich verbriefte Gleichwertigkeit nicht wollen. Vor allem die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände befürchtet Folgen für die Tarifpolitik; in Österreich und der Schweiz sieht man aber, dass der Qualifikationsrahmen keine tarifpolitischen Konsequenzen hat. Außerdem sind vor allem die Kultus- und Hochschulseite nicht begeistert von der Idee, sich das Feld hochrangiger Bildung mit der beruflichen Bildung teilen zu müssen.
…zumal Studenten und Azubis ja auch beispielsweise um Wohnheimplätze konkurrieren?
Da haben wir auf jeden Fall noch Nachholbedarf, sowohl bei Azubiwohnheimen als auch beim Azubiticket, mit dem Auszubildende bundesweit den öffentlichen Nahverkehr nutzen dürften. Beides hilft, die Mobilitätsbereitschaft der jungen Menschen zu stärken und damit auch die Passungsprobleme zu verringern, die das Zustandekommen von Ausbildungsverträgen behindern. Eine wesentliche Verbesserung haben wir immerhin im Aufstiegs-Bafög erreicht. Seit der Novelle des Berufsbildungsgesetzes wird auf allen drei Fortbildungsstufen, also zum Geprüften Berufsspezialisten, zum Bachelor Professional sowie zum Master Professional gefördert.
Stichwort Hochschulen: Immer mehr Akademiker werden arbeitslos, wegen der Wirtschaftslage und weil ihre Jobs von KI erledigt werden. Spielt das dem Handwerk in die Karten?
Ja, die Wirtschaftslage trägt dazu bei, dass die Angebote der beruflichen Bildung wieder eine erhöhte Aufmerksamkeit bekommen. Wir sollten deshalb jedoch nicht ins Hochschulbashing verfallen. Unsere Volkswirtschaft braucht sie alle: gute Handwerker, Facharbeiter und Akademiker. Vor allem Handwerksberufe können breitflächig über alle Gewerbebereiche von der Anwendung von KI profitieren. In der Folge wird es weniger körperlich schwere Arbeit geben, aber mehr digitale Anwendungen, was die Berufe attraktiver machen wird.
Nicht erst die Einführung der KI hat die Arbeits- und Ausbildungswelt massiv verändert. Wie haben sich Digitalisierung und der demografische Wandel ausgewirkt?
Wir haben am Bibb seit 2014 die Initiative Berufsbildung 4.0 vorangetrieben, indem wir insbesondere die neuen transformatorischen Entwicklungen in die Curricula der Berufsbildung übersetzt haben. Digitalisierung, Dekarbonisierung und Demografie sind Themen, die mich in diesem Zusammenhang besonders beschäftigt haben. Der Fachkräftemangel wird jeden Tag spürbarer. Genau deshalb müssen wir die berufliche Bildung flexibler, inklusiver und exzellenter machen.
Was meinen Sie damit?
Die demografische Entwicklung erfordert, alle möglichen Potenziale für den Arbeitsmarkt zu heben. Vor allem auch diejenigen, die vermeintlich Probleme bei der Integration mitbringen, wie zum Beispiel Studienabbrecher, Geflüchtete oder Langzeitarbeitslose. Bisher gelingt es nicht, sie alle auf dem Weg der Qualifizierung in den Arbeitsmarkt mitzunehmen. Wir brauchen deshalb neben mehr Auswahl im System auch Angebote, die unterhalb der Ausbildung angelegt sind. Das können Teilqualifizierungen oder Ausbildungsbausteine sein, die beispielsweise Geflüchteten ermöglichen, im Wechsel Geld zu verdienen und sich formal zu qualifizieren. Für Menschen, die berufliche Qualifikationen aus dem Ausland mitbringen, haben wir das Anerkennungsportal entwickelt und eingeführt. Auch hier ist es unser Anliegen, die Anerkennungsverfahren für die Zukunft insbesondere durch Bürokratieabbau zu verschlanken und effizienter zu machen.
Und was hat es mit "mehr Exzellenz" in der beruflichen Bildung auf sich?
Das bezieht sich auf Angebote für diejenigen, die besonders leistungsfähig sind. Bereits in der Ausbildung sollten wir ihnen unter anderem Fortbildungen anbieten, die auf die Meisterqualifizierung und das Unternehmertum abstellen. Wir müssen viel mehr tun für das Berufsziel Unternehmer. Dazu gehört auch, dass wir Existenzgründungen und Betriebsübernahmen finanziell und risikotechnisch besser absichern. Nehmen Sie das Nahrungsmittelhandwerk. Wenn hier ein junger Mensch einen Betrieb gründen oder übernehmen will, muss er mehrere hunderttausend Euro investieren. Als angestellter Akademiker würde er aber direkt Geld verdienen, und das bei geregelten Arbeits- und Urlaubszeiten. Das sind die eigentlichen Hinderungspunkte für eine Gründungsoffensive in Deutschland.