Interview mit BIBB-Präsident zu Aufstiegen im Handwerk Friedrich Hubert Esser: Vom Bäcker zum Präsidenten

Das Handwerk ringt um Fachkräfte. Professor Friedrich Hubert Esser, gelernter Bäcker und Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung, über Karrierewege, Attraktivität der Ausbildung und die Durchlässigkeit des deutschen Bildungssystems.

Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung
Friedrich Hubert Esser setzt sich dafür ein, dass berufliche und akademische Bildung vergleichbar sind. - © BIBB

Von Barbara Oberst

Herr Professor Esser, Ihr eigener Werdegang zeigt, wie weit eine Ausbildung im Handwerk führen kann. Wie kam es dazu?

Friedrich Hubert Esser: Das alles war nicht geplant. Ich stamme aus einer Handwerkerfamilie, meine Eltern hatten eine Fleischerei, die mein älterer Bruder übernommen hatte. Ich wollte lieber in die Bäckerlehre gehen. Als Jugendlicher hatte ich die Idee, später einmal beide Betriebe zu verbinden.

Aber dazu kam es nicht...

In der Berufsschule sagten mir meine Lehrer, ich solle doch weitermachen, es würden dringend Berufsschullehrer gesucht. Also habe ich nach der Lehre auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nachgeholt – um hinterher zu erfahren, dass wohl bis zu dem Zeitpunkt, wenn ich fertig mit dem Lehramtsstudium wäre, schon wieder zu viele Lehrer auf dem Markt sein würden. Also studierte ich stattdessen Wirtschaftswissenschaften und Wirtschaftspädagogik.

War das Handwerk Ihnen dabei von Nutzen?

Als mein damaliger Professor Twardy am Forschungsinstitut für Berufsbildung im Handwerk (FBH) erfuhr, dass ich gelernter Bäcker bin, wurde ich studentische Hilfskraft an seinem Institut. Nach dem Diplom stieg ich dann als wissenschaftlicher Assistent am FBH in Köln ein, habe nebenher promoviert und wurde später Geschäftsführer und schließlich stellvertrender Direktor des Instituts. Nach 13 Jahren wechselte ich zum Zentralverband des Deutschen Handwerks, wo ich die Abteilung Berufliche Bildung leitete. Dort blieb ich, bis ich 2011 ans Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) gerufen wurde.

Ihren Weg könnte man als Musterkarriere bezeichnen – oder als ein Beispiel dafür, dass Handwerksbetriebe durch solche Aufstiege ihre klügsten Köpfe verlieren. Wird das Handwerk durch Aufstiegsmöglichkeiten attraktiver oder blutet es aus?

Ich verstehe es so: Um die guten Leute zu halten, müssen wir sie erst einmal ins Handwerk holen. Die Erkenntnis, dass das Handwerk keine Sackgasse ist, dass man mit einer handwerklichen Qualifikation auch noch andere Wege gehen kann – in andere Betriebe, aber auch in andere Berufe – das ist eine ganz wichtige Botschaft für Schulabgänger...

...von denen derzeit mehr als die Hälfte eines Jahrgangs an die Universitäten drängt.

Wir müssen die jungen Leute, vor allem aber auch ihre Eltern, davon überzeugen, dass es im Handwerk attraktive Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten gibt. Der Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR) ist dafür ein Baustein. Berufliche Bildung wird darüber mit akademischer vergleichbar. Ein Meister ist hier zum Beispiel mit einem Bachelor und ein Betriebswirt des Handwerks mit einem Master vergleichbar.

Bei aller Gleichwertigkeit auf dem Papier findet die Arbeit aber immer noch im Betrieb statt. Für viele scheint das keine Option zu sein.

Das liegt unter anderem daran, dass die modernen Handwerksberufe zu wenig bekannt sind. Nehmen Sie zum Beispiel den Anlagenmechaniker SHK. Ein fantastischer, zukunfts- und technologieorientierter Umweltberuf, der alles hat, was junge Leute interessiert. Vielfach können die Berufe zum Beispiel die alten Klischees noch nicht abklopfen.

Aber wie werden sie die alten Klischees los, wie werden die Ausbildungsberufe attraktiver?

Das sind zwei Stränge. Wir im BIBB arbeiten an den Aus- und Weiterbildungswegen, damit es für jede Lernvoraussetzung passende Lösungen gibt: Wege für junge Leute, die fleißig, aber nicht ganz so gut im Lernen sind, genauso wie Wege für die Ehrgeizigen, die studieren wollen. In einem Berufslaufbahnkonzept finden sich dazu Abstufungen von der Gesellen- bis zur Meister Plus-Ebene.
Der zweite Strang sind die Beschäftigungsmöglichkeiten in den Betrieben. Was nützen die schönsten Abschlussbezeichnungen, wenn sie sich in der handwerksbetrieblichen Wirklichkeit nicht wiederfinden? Kann ich als Unternehmer keine attraktiven Stellen bieten, muss ich akzeptieren, dass so ein Mitarbeiter in die Industrie abwandert. Auch das ist Marktwirtschaft.

Das ist für den einzelnen Unternehmer bitter und auch für die ganze Branche wäre es befriedigender, wenn sich aufstrebende Kräfte wenigstens im Handwerk selbstständig machen würden.

Stimmt. Ich halte die Karrieremöglichkeit der Selbstständigkeit für das stärkste Pfund des Handwerks. Aber es wird immer schwieriger ein Unternehmen zu gründen. Als Bäcker oder Fleischer kann man heute kaum klein starten, die finanziellen Anforderungen schon zum Start sind enorm. Hinzu kommt die bürokratische Belastung. Mir fehlen hier neue Geschäftsmodelle; Modelle, wie man Unternehmensgründungen erleichtern, bezuschussen kann; oder auch Unterstützung, damit Gründer stärker kooperativ agieren können.

Kooperationen nur für Gründungen oder auch für Aus- und Weiterbildung?

Gerade auch für Aus- und Weiterbildung. Industriebetriebe haben eigene Personalentwicklungsabteilungen, um Nachwuchskräfte zu gewinnen. Wenn das Handwerk seine Potenziale miteinander verbindet, kann es eine ähnliche Marktmacht entwickeln. Die Innungen könnten diese Aufgabe übernehmen: eine strategische Allianz von Wettbewerbern, die gemeinschaftlich einen berufsbezogenen Arbeitsmarkt ausgestalten. Alle investieren in einen Pool von Arbeitskräften, qualifizieren sie zusammen und alle dürfen daraus Arbeitskräfte schöpfen. Dafür wäre es aber nötig, die bisherigen Strukturen weiterzuentwickeln. Begriffe wie „Lehrlingswart“ erscheinen mir wenig zeitgemäß – und das sage ich in dem Wissen, wie wichtig die Rolle der Ehrenamtlichen für die Qualität des Handwerks ist. Mit ihnen gemeinsam würde ich gerne einmal überlegen: Was brauchen die Betriebe heute, damit Ausbildung attraktiv ist?