Kolumne Schwierige Azubis? So werden Ausbilder zu Konfliktmanagern

Der Azubi ist bei der Arbeit unmotiviert und die Leistungen in der Berufsschule nehmen ab? In diesen Fällen ist eine Abmahnung nicht immer die beste disziplinarische Maßnahme, sagt Ausbildungsberater Peter Braune. Wie Ausbilder bei Problemen mit Azubis reagieren sollten und warum es sich lohnt, ein "Kümmerer" zu werden.

Zeugnis Berufsschule, schlechte Noten.
Wenn die Leistungen des Azubis abnehmen, sollte sich der Ausbilder die Zeit nehmen, den Ursachen dafür auf den Grund zu gehen. - © Andre Bonn - stock.adobe.com

Die Situation

Ein junger Mann lernt den Beruf der Fachkraft für Metalltechnik. Eines Tages bittet der Meister ihn in sein Büro. Ihm sei aufgefallen, wie gereizt der Junge auf die Arbeitsanweisungen der Gesellen reagiert. Außerdem verursache der Auszubildende viele kleine Fehler. Der Meister will wissen, was die Ursachen sind und bittet ihn um eine Stellungnahme.

Der Lehrling blockt ab. Die anderen Mitarbeiter würden ihn genau beobachten, um seine Fehlverhalten festzustellen. Außerdem würden sie ihn andauernd kritisieren, ständig hätten sie etwas zu meckern und würden ihn schikanieren.

Die Frage, ob er in den letzten Wochen öfter nicht in der Berufsschule erschienen wäre, bejaht der Lehrling. Der Meister will eine Erklärung von ihm. Der Auszubildende druckst ein wenig herum, schließlich findet sich ein Ansatzpunkt für das weitere Gespräch. Gemeinsam versuchen sie herauszufinden, wie der Unterricht verläuft und wie der Lehrling mit den Lehrerinnen und Lehrern klarkommt. Nun beginnt er zu erzählen. Allmählich wird klar, dass er sich überfordert fühlt und dem Unterricht nicht folgen kann.

Die Lösung

Schließlich kommen die zwei auf die Probleme im Betrieb zurück. Es entsteht langsam der Eindruck, dass der Junge das Gefühl hat, nicht schnell und ordentlich genug zu arbeiten. Der Meister sagt zu, sich gemeinsam mit der Berufsschule darum zu kümmern, dass sein Lehrling zukünftig ausbildungsbegleitende Hilfen in Anspruch nimmt. Diese werden von der Arbeitsagentur finanziert und sollen dabei helfen, Wissenslücken aufzuholen.

An Ende des Gespräches wird zudem ein Geselle geholt, der von den Aussagen des jungen Mannes überrascht ist. Er meint, dass der Azubi seinen Tonfall nicht so ernst nehmen soll, er würde mit jedem so reden. Schließlich wird vereinbart, dass sich der Geselle künftig zurückhält und den Jungen besser in die Aufgaben einweist. Dem Jungen wird geraten, dass er immer nachfragen soll, wenn er etwas nicht verstanden hat.

Der Vorgang macht deutlich: der Meister ist ein "Kümmerer": So wie es in einer Ausbildung sein sollte.

Das macht einen "Kümmerer" aus

Droht ein Abbruch der Beziehung, nutzt der "Kümmerer" nicht sofort die Abmahnung als disziplinarische Maßnahme. Er wedelt auch nicht mit einem Aufhebungsvertrag oder droht mit einer außerordentlichen Kündigung. Ihm ist klar, das sind negative Erziehungsmittel.

Er reagiert richtig bei Konzentrationsschwächen oder unruhigem Verhalten. Wenn ein Lehrling häufig ohne ersichtlichen Grund aufbraust oder angriffslustig ist, kann das mehrere Gründe haben. Manche reagieren schneller und negativ auf Reize und Belastungen. Regelmäßige Gespräche sind hier richtige Heilmittel.

Ab und zu droht auch ein Abbruch der Ausbildung. Der "Kümmerer" weiß er, dass es sich hierbei nicht um ein plötzlich eintretendes Ereignis handelt. So etwas kündigt sich durch schwache Signale an. Dazu gehören hohe Fehlzeiten, schlechte Schulnoten, mangelhafte Arbeitsergebnisse, Unpünktlichkeit, zunehmende Aggressivität, Unzufriedenheit, Zurückgezogenheit, Leistungsabfall und ein verändertes Verhalten des Azubis.

So löst der "Kümmerer" Probleme mit Auszubildenden

1. Drogen: Mögliche Anzeichen von Alkoholmissbrauch sind eine Alkoholfahne, Schwanken, unkoordiniertes Sprechen und Handeln, gerötete Augen und eine vernachlässigte Erscheinung. Bei begründetem Verdacht lässt der "Kümmerer" die Lehrlinge nicht im Betrieb. Er schickt sie notfalls mit Begleitung nach Hause, um so seiner Führsorgepflicht gerecht zu werden.

In den regelmäßigen Treffen mit seinen Kolleginnen und Kollegen diskutiert er auch über deren Problemfälle. Bei einem Azubi gab es einen Verdacht auf Drogenkonsum. Einer Meisterin waren ein Leistungsabfall, Unzuverlässigkeit, regelmäßige Verspätungen, Gereiztheit und Verweigerungshaltung aufgefallen. Auch körperliche Erscheinungen wie verkleinerte Pupillen, Teilnahmslosigkeit, Schweißausbrüche und geringe Belastbarkeit betätigten ihren Verdacht. Der "Kümmerer" konnte ihr mit seinen Kontakten zu externen Fachleuten helfen.

2. Falsche Berufswahl: Der Nachbar des "Kümmerers" hat einen Lackierbetrieb. Der Kollege hatte den Verdacht, dass sein Lehrling die falsche Berufswahl getroffen hat. Es kommt nicht selten vor, dass Jugendliche sich aufgrund fehlender Schulabschlüsse, mangelnder Unterstützung durch die Eltern oder aufgrund einer unvollständigen Ausbildungsreife übereilt für den falschen Beruf entscheiden. Er gab ihm den Rat, noch einmal genau darauf zu achten, ob die schlechten Leistungen zunehmen, es mangelnde Interesse an fachlichen Inhalten und eine starke Zunahme an Fehlzeiten gibt.

3. Schlechte Leistungen in der Berufsschule: Wenn einer der Lehrlinge des "Kümmerers" längere Zeit nur Misserfolge in der Berufsschule hatte, sinken seine Motivation und das Selbstvertrauen. Es wird unmöglich, die Lücken auszugleichen. Haben Jugendliche erst einmal ein negatives Selbstbild, fällt das schulische Lernen immer schwerer. Die Anzeichen können eine ausgeprägte Unlust zum Berufsschulbesuch und damit verbundene Fehlzeiten sein. Daher pflegt der "Kümmerer" einen guten Kontakt zu den Lehrkräften der Berufsschule und kontrolliert regelmäßig die Noten der Klassenarbeiten.

4. Private Probleme: Ganz schlimm waren die Erlebnisse des "Kümmerers" mit einer Auszubildenden, die häuslicher Gewalt ausgesetzt war. Sein gesundes Vertrauensverhältnis zu ihr und die Kenntnis der Lebensumstände waren die besten Mittel, um das zu erkennen. Daher spricht er immer mit den Lehrlingen auch über Themen, die nichts mit der Lehrzeit zu tun haben. Das sorgt für eine Lernumgebung, in der die Lehrlinge im Zweifel und bei Problemen zu ihm kommen und um Rat fragen.

Ihr Ausbildungsberater Peter Braune

Peter Braune hat Farbenlithograph gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.