Kolumne Reformpädagogik: Wie praxistauglich wäre sie in der Ausbildung?

Was würde passieren, wenn sich die Berufsausbildung stärker an der Reformpädagogik orientieren würde? Ausbildungsberater Peter Braune hat sich Gedanken gemacht.

Kompass
Kann ein Lernkompass strikte Anweisungen ersetzen? - © alekseyliss - stock.adobe.com

Sonntags habe ich Zeit zum Lesen. Zuletzt weckte ein Aufsatz mein Interesse, in dem es darum ging, dass Lernende keine Aktenordner seien. Die Autoren waren der Meinung, dass unser Bildungssystem für eine Wirtschafts- und Gesellschaftsform entwickelt wurde, die es nicht mehr gebe. Die Zeiten, in denen das Wissen wie durch einen Schwamm aufgesaugt und unter dem Prüfungsdruck wieder abgegeben werde, seien endgültig vorbei. Soweit die Meinung der zwei Autoren.

Ich hatte zunächst angenommen, dass beide aus der Praxis kommen und wissen, worüber sie schreiben. Denn die Menschen in meinem Umfeld, die sich in diesem Zusammenhang äußern, haben eine abgeschlossene Berufsausbildung und langjährige Berufspraxis. "Na ja, mal sehen ob mein Verdacht zutrifft", dachte ich, und googelte ihre Namen. Das Ergebnis hat mich überrascht: Einer der beiden ist Fachleiter an einem Studienseminar für berufliche Schulen. Sein Schwerpunkt ist die Schul- und Unterrichtsentwicklung auf Basis der Reformpädagogik. Der andere hat Erziehungswissenschaft studiert. Heute ist er akademischer Rat an einer pädagogischen Hochschule.

In die Praxis übersetzt

Da ich nur eine duale Berufsausbildung und danach eine Weiterbildung zum Ausbildungsmeister absolviert habe, muss ich solche Beiträge erst in meine Sprache übersetzen. Dann versuche ich das Ergebnis auf den Lernort Betrieb sowie ein oder zwei Ausbildungsberufe zu übertragen. In diesem Fall sind mir ein Bäcker und eine Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk eingefallen.

Nach den schriftlichen Niederlegungen der zwei praxisbezogenen Fachleutchen müssten sich beide schnell in neue Aufgabenbereiche einarbeiten. Außerdem müssten sie wichtige Entscheidungen treffen, ohne die dafür nötigen Informationen zu haben. Diesen hohen Anforderungen könnten sie nur gerecht werden, wenn sie im Besitz der erforderlichen Kreativität wären und kritisch denken könnten. Darüber hinaus bräuchten sie kommunikativen Fähigkeiten, um mit den Angestellten und Vorgesetzten über Probleme im Umgang mit der Kundschaft reden zu können. Hier beende ich die Aufzählung der reformpädagogischen Forderungen, denn sonst wird die Kolumne zu lang.

Lernkompass statt klaren Anweisungen?

Nun stellen die beiden Autoren die Frage, wie Bildungseinrichtungen, also zum Beispiel Lehrbetrieb und Berufsschule, junge Menschen im Sinne der Reformpädagogik auf die Anforderungen der Wirtschaft und Gesellschaft vorbereiten können. Als Lösung wird die Kompetenzorientierung vorgeschlagen. Die Fachkräfte der Zukunft bräuchten mehr als nur Faktenwissen. Sie müssten ihren Wissensschatz widerspiegeln und durch ihre Arbeit zeigen, dass sie ihn anwenden können. Das sei nicht durch stupides Auswendiglernen für die Abschlussprüfung oder sinnloses Aneinanderreihen von Methoden erreichbar. Als Hilfsmittel empfehlen die Autoren einen Lernkompass. Das Problem stehe im Norden und bilde den Orientierungspunkt für die Gestaltung der Ausbildungszeit.

In meine Gedanken versunken stellte ich mir einen Lehrling vor, der in der Bäckerei Brötchen backt und eine Fachverkäuferin, die im Lebensmittelhandwerk an der Kasse arbeitet. Sobald diese Lernenden den persönlichen Bezug zur Backstube und zum Laden erfasst hätten, wäre ihre Neugierde geweckt und die Motivation entfacht - gemäß Reformpädagogik. Wie kommt man dorthin?

Fazit

Ich möchte den Text weiter in den Alltag übersetzen. Stellen sie sich vor, Sie wollen drei Sesambrötchen kaufen. Leider gibt es heute keine, weil der Lehrling nicht weiß, wie man sie backt. Die Versuche, selbständig ein Ergebnis zu erzielen, halten aber an. Möglicherweise dauert es noch ein paar Tage. Im nächsten Laden wurden, laut Kundin, zwei Brötchen mit einen 100-Euro-Schein bezahlt. Nach ihrer Darstellung bekam sie nicht genug Wechselgeld zurück. Die angehende Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk kommuniziert bereits mehr als eine halbe Stunde mit der Kundin und beharrt auf ihren eigenen Standpunkt. An der Kasse hat sich inzwischen eine meterlange Schlange gebildet.

Für alle die nicht im Bäckereihandwerk arbeiten oder im Verkauf tätig sind: Für die Herstellung der Sesambrötchen gibt es ein Rezept und für den Kassensturz eine Arbeitsanweisung.