Auftrag erledigt, Rechnung gestellt – und dann wochenlang warten. Factoring kann ein Baustein sein, um den Liquiditätsengpass zu lösen. Michael Ritter, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Factoring für den Mittelstand, erklärt im Interview, warum der Forderungsverkauf trotz wachsendem Volumen wenig bekannt ist und warum er vor allem für kleinere Betrieb interessant ist.

Auftrag ausgeführt, Rechnung verschickt. Doch das Geld lässt auf sich warten. Säumige Kunden setzen Betriebe teils massiv unter Druck. Ein Instrument, um den Druck zu mildern, ist das sogenannte Factoring. Immer mehr Betriebe setzen auf den Forderungsverkauf, doch bei vielen ist Factoring eine noch unbekannte Option in der Finanzierung.
Im Interview erklärt Michael Ritter, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Factoring für den Mittelstand (BFM), warum sich Vorurteile beim Factoring halten und weshalb auch Banken das Instrument aus seiner Sicht zu selten empfehlen – auch und gerade bei kleineren Unternehmen. Zudem zeigt er, warum Factoring angesichts digitaler Prozesse, zurückhaltender Kreditvergabe und steigenden Liquiditätsbedarfs weiter an Bedeutung gewinnen dürfte.
Herr Ritter, welche Bedeutung hat Factoring heute für den Mittelstand?
Michael Ritter: Factoring ist für viele Betriebe mittlerweile zum festen Bestandteil in der Finanzierung geworden. Die Unternehmen müssen heute viel aktiver für Liquidität sorgen als früher. Banken tun sich mit der Kreditvergabe immer schwerer. Außerdem können sie Sicherheiten wie das Umlaufvermögen nicht nutzen, da beispielsweise Forderungen nicht in die klassische Bewertungslogik passen. Factoring setzt genau dort an. Es macht offene Forderungen zu Liquidität und verschafft Unternehmen so mehr Handlungsfähigkeit und Planungssicherheit.
Was mich besonders freut: Es ist längst kein Instrument nur für große Unternehmen. Rund 90 Prozent der Factoring-Nutzer haben laut dem Deutschen Factoring Verband nicht mehr als zehn Millionen Euro Jahresumsatz. Gerade kleine und mittlere Unternehmen nutzen es, um ihr Wachstum zu finanzieren, größere Aufträge anzunehmen oder sich besser gegen Zahlungsausfälle abzusichern.
Wenn Sie auf 25 Jahre BFM zurückblicken: Wie hat sich der Factoring-Markt in dieser Zeit verändert?
Enorm! Vor 25 Jahren war Factoring ein Nischenprodukt, das viele Unternehmen kaum kannten oder mit Vorbehalten sahen. Heute sprechen wir laut Statista über ein Marktvolumen von knapp 400 Milliarden Euro. Damit werden inzwischen mehr als neun Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts über Factoring abgewickelt.
Verändert hat sich aber nicht nur die Größe des Marktes, sondern auch das Bild vom Factoring. Früher galt es als teuer, undurchsichtig oder als die letzte Möglichkeit einer Finanzierung. Heute wird es viel stärker als strategischer Finanzierungsbaustein gesehen. Dazu haben die Professionalisierung der letzten Jahrzehnte, mehr Transparenz und auch die Regulierung beigetragen. Dass Factoring seit 2009 durch BaFin und Bundesbank beaufsichtigt wird, hat für zusätzliche Seriosität und Stabilität gesorgt. Es ist für uns wie ein Gütesiegel.
Warum haben viele Mittelständler den Ansatz trotzdem noch nicht auf dem Schirm?
Viele denken noch immer, Factoring ist nur etwas für große Unternehmen, für den Krisenfall und teuer. Das stimmt aber nicht. Factoring kann in guten Zeiten Wachstum finanzieren und in angespannten Phasen Liquidität sichern. Daneben bewegen sich die Kosten heute eher im Skonto-Bereich, also bei zwei bis drei Prozent des Umsatzes. Das zeigt uns: Factoring ist eine Erfolgsgeschichte, aber kein Selbstläufer. Hier weiter für Aufklärung zu sorgen, darin liegt für uns als Verband die zentrale Aufgabe.
Nachholbedarf sehe ich auch bei Banken. Idealerweise würde ein Bankberater Factoring als externe Lösung empfehlen, wenn er mit einem klassischen Kredit nicht weiterkommt. Das wäre auch im Sinne seiner langfristigen Kundenbindung. In der Praxis passiert das aber selten. Wir müssen also nicht nur Unternehmen, sondern auch Finanzierer weiter sensibilisieren.
Und welche Rolle spielen die Medien beim Thema Finanzierung?
Eine wichtige. Über Mittelstandsfinanzierung wird insgesamt kaum berichtet. Wenn wir mit Medien sprechen, heißt es, solche Themen bringen nicht genug Reichweite. Aber wenn Unternehmerinnen und Unternehmer nie von bestimmten Finanzierungsmöglichkeiten hören, wie sollen sie diese dann für sich prüfen?
Deshalb müssen wir mehr Geschichten aus der Praxis erzählen: über Mittelständler, die mit Factoring wichtige Aufträge gestemmt oder ihr Forderungsmanagement verbessert haben. Solche Beispiele machen das Thema greifbarer als jede Produktbeschreibung.
Arbeiten Sie auch mit anderen Verbänden zusammen?
Natürlich, denn Unternehmensfinanzierung ist keine Insel. Wir arbeiten dabei etwa mit dem Bundesverband Deutscher Leasing-Unternehmen, dem Verband der Bürgschaftsbanken, dem Franchiseverband und weiteren Partnern zusammen. Unser Gedanke ist: Gemeinsam können wir alternative Finanzierungen für den Mittelstand noch sichtbarer und vor allem greifbarer machen. Factoring spielt hier gut mit anderen Finanzierungslösungen zusammen. Nicht als Ersatz für die Bank, sondern als Ergänzung.
Auch in Sachen Regulatorik gehen wir als BFM in die Spur. Kleine und mittlere Factoring-Gesellschaften haben nicht immer die Kapazitäten, Themen wie die neueste MaRisk-Novelle noch neben dem Tagesgeschäft zu bearbeiten. Hier bündeln wir Wissen, ordnen Entwicklungen ein und bringen die Perspektive unserer Mitglieder auch gegenüber BaFin, Bundesbank und anderen finanzpolitischen Akteuren ein.
Nun blicken Sie einmal nach vorn: Welche Bedeutung wird Factoring in 25 Jahren haben?
Es wird weiterwachsen. Mittelständler werden künftig wohl noch stärker auf direkte Liquidität, Flexibilität und ausreichend Working Capital achten müssen. Gleichzeitig dürfte die Kreditvergabe der Banken zurückhaltend bleiben. Technologie wird das Factoring dabei weiter vereinfachen: digitale Schnittstellen, Automatisierung, KI und E-Rechnungen werden Prozesse beschleunigen und Kosten senken. Dadurch wird Factoring gerade für kleinere Unternehmen noch zugänglicher. dhz
