Filmkritik "Rohbau": Wenn der Schwarzarbeiter auf der Baustelle stirbt

Am 26. September bringt Regisseur Tuna Kaptan das Bauhandwerk auf die große Leinwand: Er erzählt von einem Unfall auf der Baustelle, bei dem ein illegal beschäftigter Albaner zu Tode kommt. Lohnt sich der Kinobesuch?

In der Zwickmühle: Bauleiter Lutz (Peter Schneider) hat einen folgenschweren Fehler begangen und droht aufzufliegen. - © Miriam Stanke/Wood Water Films

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Der Bauleiter eines Luxusprojekts heuert ohne das Wissen seiner zahlungskräftigen Auftraggeber illegale Arbeiter aus Albanien an, um seine Personalkosten zu drücken, den Profit zu maximieren und die Investoren damit zu beeindrucken. Auf der Baustelle passiert aber ein tragischer Unfall und einer der Schwarzarbeiter kommt dabei zu Tode. In seiner Panik lässt der Bauleiter die Leiche in derselben Nacht verschwinden. Doch am nächsten Morgen steht plötzlich die minderjährige Tochter des Verstorbenen auf der Matte und erkundigt sich nach ihrem verschwundenen Vater…

Genau diese Geschichte erzählen Regisseur Tuna Kaptan und Drehbuchautorin Fentje Hanke in ihrem beklemmenden Migrationsdrama "Rohbau". Der Film startet am 26. September 2024 im Kino und war schon auf mehreren Filmfestivals zu sehen. In Kaptans erstem Langfilm, der vom SWR, BR und Arte coproduziert wurde und deshalb auch sicher den Weg ins Fernsehen und in die Mediathek findet, schlüpfen der bekannte "Polizeiruf 110"-Kommissar Peter Schneider und die Nachwuchsschauspielerin Angjela Prenci in die Rollen als Bauleiter und Tochter. Sehenswert ist der in tristen herbstlichen Bildern eingefangene Film allein schon wegen der tollen Performance der beiden Hauptdarsteller. Das Drehbuch aber ist nicht ganz frei von Schwächen.

So dramatisch startet "Rohbau"

Der Film beginnt mit einer nächtlichen Autofahrt, bei der wir als Zeugen auf dem Beifahrersitz sitzen. Der ehrgeizige Hamburger Bauleiter Lutz Dietrich (Peter Schneider) fährt seinen alten Transporter in eine düstere Hafenstraße. Dort warten neben einigen Prostituierten auch illegal aus Osteuropa eingewanderte Arbeiter auf potenzielle Arbeitgeber. Sein Mittelsmann Boris (Kasem Hoxha) vermittelt Lutz sechs Handwerker. Sie steigen bereitwillig ein und packen nach einer kurzen Fahrt direkt auf einer großen Baustelle in der Hafencity mit an. Gerüste werden erklommen, Dämmplatten verlegt und Wände verputzt. Doch es kommt zu einem tödlichen Drama: Der albanische Bauarbeiter Endri verunglückt und stirbt an Ort und Stelle.

Hartnäckig: Die 14-jährige Irsa (Angjela Prenci) lässt sich auf der Suche nach ihrem verunglückten Vater nicht so leicht abwimmeln. - © Miriam Stanke/Wood Water Films

Schon dieser tragische Schlüsselmoment ist allerdings die erste große Leerstelle im Drehbuch. Der Unfall auf der Baustelle findet nicht etwa vor der Kamera, sondern in unserem Kopf statt. Denn während wir Bauleiter Lutz fernab des Geschehens sehen, hören wir plötzlich ein lautes Geräusch, den Schrei eines Handwerkers und schließlich ein Wort, das erahnen lässt, dass etwas Schlimmes passiert sein muss: "Scheiße". Was genau geschehen ist, bleibt lange Zeit dem Kopfkino überlassen. Auch der konkrete Ablauf der nächtlichen Stunden danach, in denen Lutz eine folgenschwere Entscheidung trifft, bleibt bis in die zweite Filmhälfte hinein offen.

Kritische Investoren und argwöhnische Zollbeamte

Wir wissen dennoch früh, dass tatsächlich ein Todesfall zu beklagen ist. Als die 14-jährige Irsa (Angjela Prenci), die mit ihrem Vater illegal nach Deutschland eingereist ist, am Baustellenzaun aufschlägt, ist Lutz tunlichst darauf bedacht, das neugierige Mädchen nicht in die Nähe des titelgebenden Rohbaus zu lassen. Die lässt sich aber nicht abwimmeln und rückt ihm hartnäckig auf die Pelle. Das bleibt seinen Angestellten nicht lang verborgen: "Hey Chef, da sitzt was im Bagger!". Erst wollen Lutz' Chef Massenbach (Michael Kranz) und das kritische Investorenpaar Perlbauer (Janina Elkin und Beat Marti) besänftigt werden. Später steht plötzlich der Zoll auf der Matte und stellt Lutz bohrende Fragen nach Nachteinsätzen und Subunternehmern. Situationen, die nicht vergnügungssteuerpflichtig sind und die wohl jeder Bauleiter schon erlebt hat.

Größte Antriebsfeder des Films, der die Themen Fachkräftemangel und Überstunden streift und sich zum waschechten Roadmovie wandelt, ist in der Folge die Frage, ob es Lutz wohl gelingt, die tragische Wahrheit vor Irsa zu verheimlichen. Welche Rolle hat er selbst beim Vertuschen des Unfalls gespielt? Anfangs tut uns der von seiner Frau verlassene und von seinem Chef getadelte Workaholic, der schon mal selbst eine Wand einreißt und abwechselnd in seinem Transporter, einem Baucontainer oder einer Musterwohnung nächtigt, vor allem leid. Als von Gewissensbissen geplagtes Stehaufmännchen wächst er uns aber schnell ans Herz. Als die Kamera schließlich zeigt, was genau in der Unfallnacht geschehen ist, wird unsere Sympathie für Lutz allerdings auf eine harte Probe gestellt. Auch bei einer Parkplatzsequenz, deren unmittelbare Folgen das Drehbuch später unlogisch revidiert, sammelt der Handwerker keine Sympathiepunkte.

Roadtrip im Transporter: Lutz (Peter Schneider) bringt die widerspenstige Irsa (Angjela Prenci) auf eigene Faust zurück nach Albanien. - © Miriam Stanke/Wood Water Films

Ein Roadmovie mit Herz – und eigenwilligem Ende

Zu diesem Zeitpunkt sind die von Peter Schneider und Newcomerin Angjela Prenci stark gespielten Lutz und Irsa, zwischen denen sich eine von Schuld und Verantwortung geprägte, zarte Freundschaft entwickelt, bereits über Süddeutschland und Italien nach Albanien unterwegs. Um sie ins Auto und weg von seiner Baustelle zu kriegen, behauptet Lutz einfach, Irsas Vater sei verhaftet und in ein Flugzeug gen Heimat gesetzt worden. Grenzbeamte wollen überlistet, LKW-Fahrer bestochen und Tankstellen angefahren werden. Hier brechen sich im Film, der zu großen Teilen in untertitelten Dialogen auf Englisch erzählt wird, klassische Roadmovie-Elemente Bahn. Erst streikt der Motor, dann lernen wir Einheimische und ihre (trinkfreudigen) Bräuche kennen. Solche leichten (aber meist sehr kurzweiligen) Momente hat es im Kino schon oft gegeben.

Besonders ein verkaterter "Morgen danach" zählt unterm Strich zu den amüsantesten und warmherzigsten Momenten des Films – der zugleich einer jener umstrittenen Sorte ist, bei dem am Ende mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gegeben werden. Ein Happy End scheint früh unmöglich, das Zerbrechen der Freundschaft vorprogrammiert. Doch ist die Katze erst mal aus dem Sack und die Beziehung von Lutz und Irsa an ihrem Wendepunkt angekommen, lassen die Filmemacher ihre Figuren und ihr Publikum mit den Folgen allein. Eine pragmatische, aber nicht ganz zufriedenstellende Auflösung. Reichlich Stoff zum Nachdenken bleibt dadurch allemal – und auf die Idee, auf seiner Baustelle illegal eingereiste Migranten zu beschäftigen, wird spätestens nach diesem Film garantiert kein Handwerker mehr kommen.

Hier den Trailer von "Rohbau" anschauen: