Krise erkennen, Insolvenz vermeiden Pleite muss nicht sein – aber die Zeit läuft ab

24.064 Unternehmen rutschten 2025 in die Insolvenz – für 2026 wird ein weiterer Anstieg erwartet. Dabei gibt es eine Stufenleiter von Rettungsoptionen, von der Neuverhandlung von Zahlungszielen bis zum StaRUG-Verfahren. Das Problem: Viele Inhaber kennen sie nicht, und wer zu lange wartet, verliert eine Tür nach der anderen.

Die meisten Inhaber kennen nur einen Ausweg aus der Unternehmenskrise: die Regelinsolvenz. - © kristina rütten - stock.adobe.com

In Krefeld enden 102 Jahre Unternehmensgeschichte: Die Autohausgruppe Preckel Automobile musste im Zuge einer Insolvenz ihren Geschäftsbetrieb vollständig einstellen. Die acht Standorte des in vierter Generation inhabergeführten Traditionsunternehmens werden geschlossen, über 200 Beschäftigte verlieren ihre Arbeitsplätze.

Der Fall ist Teil einer Insolvenzwelle, die die deutsche Wirtschaft gerade heimsucht: 24.064 Unternehmen rutschten laut einer Erhebung des Kreditversicherers Allianz Trade 2025 in die Pleite, für dieses Jahr wird nochmal ein Anstieg um zwei Prozent auf 24.600 Fälle erwartet. "Bauwesen, Handel und Dienstleistungen sind die am stärksten gefährdeten Sektoren", sagt Maxime Lemerle, leitender Analyst für Insolvenzforschung bei Allianz Trade. Zu den Hauptursachen gehören eine anhaltende Kaufzurückhaltung der Kunden sowie hohe Kosten für Energie und Personal.

Hinter jeder Insolvenz steckt ein mittelschweres Drama: Mitarbeiter, die ihre Arbeitsplätze verlieren – und Inhaber, deren Lebenswerk sich buchstäblich in Luft auflöst. Doch es muss nicht so weit kommen, wenn man rechtzeitig gegensteuert. "Wenn der Unternehmer rechtzeitig die Zeichen der Zeit erkennt, gibt es eine Leiter von minimalinvasiven Möglichkeiten", sagt Ulrich Kammerer, Gründer und Vorstand der UKMC eG, der seit über einem Jahrzehnt Unternehmen in Eigenverwaltungs-, Schutzschirm- und Restrukturierungsverfahren betreut. Viele Inhaber kleiner und mittelständischer Unternehmen würden die unteren Sprossen dieser Leiter gar nicht kennen. Diese reichen von der Neuverhandlung von Zahlungszielen und der konsequenten Eintreibung offener Posten über Vergleiche mit den größten Gläubigern und den Rangrücktritt eines Gesellschafterdarlehens über die Restrukturierung nach dem Unternehmensstabilisierungs- und -restrukturierungsgesetz (StaRUG) und dem Schutzschirmverfahren bis zur Insolvenz in Eigenverwaltung. "Nur wenn das alles nicht funktioniert, muss es zu einer Regelinsolvenz mit Insolvenzverwalter kommen", so der Experte.

Die überwiegende Mehrheit der Unternehmer, die mit ihrem Betrieb in eine Krise geraten, würden aber die Regelinsolvenz wählen. "Nicht, weil sie die beste Lösung wäre, sondern weil sie die einzige Option ist, die viele kennen", so Kammerer. Noch schlimmer: "Manche entscheiden sich, den Kopf in den Sand zu stecken und solange zu warten, bis das Finanzamt oder die Krankenkasse einen Insolvenzantrag stellen und damit das Ende des Unternehmens besiegeln."

Volle Auftragsbücher und leere Kassen sind kein Widerspruch

Volle Auftragsbücher und leere Kassen sind im Handwerk dabei kein Widerspruch. Sie seien vielmehr das klassische Bild einer Liquiditätskrise, sagt Kammerer: "Material wird vorfinanziert, die Löhne laufen kontinuierlich weiter, auf eine Anzahlung wird verzichtet und die Rechnungsstellung gerät im Tagesgeschäft in den Hintergrund." Und wenn dann noch der Kunde die Schlussrechnung kürzt, gerät die ohnehin knappe Liquidität endgültig unter Druck.

Es gibt dem Experten zufolge einige Alarmsignale, die Unternehmern die schwierige Lage verdeutlichen und sie zum Gegensteuern bewegen sollten – nämlich Veränderungen im Zahlungsverhalten: "Lieferanten werden nicht mehr nach Fälligkeit, sondern nach ihrer subjektiven Wichtigkeit bezahlt. Die Umsatzsteuervoranmeldung wird zwar fristgerecht abgegeben, die eigentliche Zahlung jedoch aufgeschoben. Auch Sozialversicherungsbeiträge werden von Monat zu Monat verschoben und gedanklich zur Verhandlungsmasse – obwohl das Vorenthalten von Arbeitnehmeranteilen eine Straftat darstellt. Gleichzeitig ist der Kontokorrentkredit bereits zu Beginn des Monats vollständig ausgeschöpft und nicht erst gegen Monatsende", zählt Kammerer auf.

Wer in einer solchen Situation abwartet, verliert Möglichkeiten – eine nach der anderen. Zuallererst die stille Lösung, die Restrukturierung des Unternehmens im Rahmen des StaRUG-Verfahrens. "Das StaRUG setzt drohende Zahlungsunfähigkeit voraus – die Liquiditätslücke muss innerhalb der nächsten 24 Monate absehbar sein, darf aber heute noch nicht eingetreten sein", erläutert Kammerer. "Ist die Zahlungsunfähigkeit schon eingetreten, ist diese Tür in der Regel zu."

Präventive Restrukturierung zur Insolvenzvermeidung

Eine präventive Restrukturierung im Rahmen des StaRUG-Verfahrens ist für Unternehmen in Liquiditätskrisen eine elegante Möglichkeit, die Zahlungsfähigkeit dauerhaft wiederherzustellen und eine Insolvenz zu vermeiden. "Insbesondere können Restrukturierungspläne mit den nötigen Sanierungsmaßnahmen ausgehandelt werden, über die die Gläubiger nach dem Mehrheitsprinzip abstimmen", sagt Alexandra Schluck-Amend, Leiterin des Bereichs Restrukturierung & Insolvenz bei der Wirtschaftskanzlei CMS. Im Unterschied zur Insolvenz bleibt der Unternehmer bei einer Restrukturierung nach neuem Recht Herr des Verfahrens. Zudem werden ihm im Interesse einer Unternehmensfortführung und zu Lasten seiner Gläubiger weitreichende Schutzmaßnahmen eingeräumt.

Auf diese Weise behält der Schuldner – anders als im Insolvenzrecht – grundsätzlich die Kontrolle über sein Unternehmen und dessen Vermögen. "Den Gläubigern wird die Entscheidung über die Annahme oder Ablehnung eines Restrukturierungsplans zugewiesen", betont CMS-Expertin Schluck-Amend. "Sie haben also großen Einfluss, müssen sich dafür aber mit den neuen Gegebenheiten auseinandersetzen, um ihre Interessen aktiv wahren zu können." Geht es neben der Bewältigung von Altlasten auch um Personalabbau, die Beendigung langfristiger Verträge oder tiefgreifende strukturelle Veränderungen, kann ein Schutzschirmverfahren der richtige Weg sein – auch dieses setzt jedoch voraus, dass die Zahlungsunfähigkeit noch nicht eingetreten ist.

Für eine erfolgreiche Sanierung müssen laut Restrukturierungsexperte Kammerer drei Dinge gegeben sein: Zum einen ein Geschäftsmodell, das trägt, wenn man sich von den Altlasten befreit. Außerdem ein valides Zahlenwerk, das eine solide Liquiditätsplanung ermöglicht. Und nicht zuletzt einen Unternehmer, der bereit ist, harte Einschnitte vorzunehmen. "Eine erfolgreiche Sanierung setzt vor allem voraus, dass die Krise frühzeitig erkannt und rechtzeitig gehandelt wird", betont Kammerer. Viele finanzielle Schwierigkeiten würden sich dann noch außerinsolvenzlich bewältigen lassen. "Je früher ein Unternehmen reagiert, desto größer ist der Handlungsspielraum."