Betrachtet man allein die Kosten für die Stromerzeugung durch erneuerbare Energien, so dürften die Preise durch die Energiewende pro Kilowattstunde nur um 0,6 Prozent steigen. Denn Wind und Sonne sind kostenlos und die Investitionen in neue Anlagen schnell amortisiert. Doch die Entlastungen der Industrie und die Kosten für den Netzausbau lassen die Strompreise explodieren. Die Energiekonzerne rechnen damit, dass sie noch um ein Drittel steigen.

Wieder und wieder sind es die Stromkosten, die die gesamte Energiewende in die Kritik bringen. Unaufhörlich schnellen sie in die Höhe und belasten vor allem die kleinen Betriebe und die Haushalte. Die Großverbraucher werden dagegen entlastet – das sind etwa 600 Unternehmen in Deutschland, die rund 20 Prozent des Gesamtstroms verbrauchen und von der sogenannten EEG-Umlage befreit sind. Doch es ist nicht der grüne Strom an sich, dessen Produktion teurer ist als der herkömmliche Strom und auch nicht die Umstellung auf neue Anlagen alleine. Es sind Abgaben, Steuern und Gebühren für die Nutzung des Stromnetzes, die die Preise verteuern.
Nicht ganz ohne Aufpreis
Nach einer Studie der Energietechnischen Gesellschaft im Verband der Elektrotechnik (VDE) aus der die Wochenzeitung "Die Zeit" zitiert, müsste der Strom aus erneuerbaren Energien die Energiepreise langfristig gesehen sogar sinken lassen. Wenn viel weniger Brennstoffe wie Uran, Kohle oder Gas zur Stromerzeugung verwendet werden, die erst einmal bezahlt werden müssen, dann sinken die Investitionskosten und der Strom wird billiger – so die vereinfachte Darstellung. Da aber für die Umstellung auch neue Anlagen und Stromspeicher gebraucht werden, sind natürlich auch hierfür Gelder nötig. Also sind auch die grünen Energien nicht ganz ohne Aufpreis zu haben.
Laut den Berechnungen des VDE müssten die reinen Kosten für die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien aber nur um 0,6 Prozent pro Kilowattstunde steigen. Da sich die Energieexperten bei ihrer Prognose am Zeitrahmen der Bundesregierung orientiert haben, bis 2050 ein Fünftel des Strom aus regenerativen Quellen zu gewinnen, würde der Strom insgesamt nur um etwa zehn Prozent teurer werden als bisher. Rechnet man die Kosten für den Ausbau der Stromnetze mit ein, so wären es in den kommenden zehn Jahren 0,7 Prozent pro Kilowattstunde – "vorausgesetzt, die Kosten würden gleichmäßig auf alle Netznutzer verteilt", heißt es in der "Zeit". 40 Milliarden Euro will die Bundesregierung hier investieren.
Doch die deutschen Energiemanager bereiten die Deutschen aktuell auf viel höhere Strompreise vor. Der Europa-Chef des Unternehmens Vattenfall, Tuomo Hatakka sagte der "Süddeutschen Zeitung", dass sich die Preise bis 2020 um 30 Prozent verteuern werden. Allein in den nächsten zehn Jahren seien für die Energiewende Investitionen von 150 Milliarden Euro nötig. "Ein Großteil dieser Kosten wird qua Gesetz auf die Stromrechnung umgelegt werden", gab er zu.
Kosten einfach weitergeben
Auch der Vorstandsvorsitzende des Energiekonzerns RWE, Peter Terium, sagte, die Energiewende gebe es nicht zum Nulltarif. In der "Bild"-Zeitung erklärte er, der Ausbau der Stromleitungsnetze sei kostspielig, konventionelle Energieträger wie Kohle und Gas würden teurer und die Förderung der Erneuerbaren Energien nehme zu. Deswegen gehe der Strompreis nach oben.
Damit machte er klar, dass es vor allem eigenen Kosten der Energiekonzerne sind, die diese durch die Investitionen in den Umbau der Energieversorgung zu tragen haben, die nun auf die Verbraucher umgelegt werden. Da in der vergangenen Woche außerdem eine Studie der Grünen öffentlich wurde, wonach die Energieversorger in diesem Jahr beim Strompreis drei Milliarden Euro mehr als eigentlich notwendig kassiert hätten, musste sich der RWE-Chef auch gegen diese Kritik verteidigen. Da die Einkaufspreise an der Börse um bis zu 20 Prozent gefallen sind, hätte der Strompreis eigentlich zwei Cent die Kilowattstunde niedriger liegen müssen.
Den Vorwurf wies Terium zurück. Die Energiewirtschaft habe die gesunkenen Preise an der Strombörse genutzt, um den Anstieg staatlicher Abgaben und Umlagen aufzufangen. Sie sei nur noch für ein Viertel des Strompreises verantwortlich. "Knapp die Hälfte des Strompreises geht auf das Konto des Staates", sagte Terium. Hinzu komme ein knappes Drittel für die staatlich regulierten Netzentgelte.
Um 20 Milliarden Euro entlastet
Die Konzerne geben damit alle Forderungen nach niedrigeren Strompreisen direkt an die Regierung weiter. Tuomo Hattaka erklärte sogar, dass durch die vielen Unklarheiten, die Energiewende nun verschoben werden müsse. "Wir müssen davon ausgehen, dass die Gestaltung der Energiewende länger dauert als geplant", sagt er. Schuld seien Verzögerungen bei wichtigen Großprojekten, etwa dem Anschluss der Windparks auf hoher See.
Nach Ansicht der Deutschen Umwelthilfe (DUH) sind es jedoch vor allem die Entlastungen der energieintensiven Industrie, die dafür sorgen, dass die steigenden Kosten nicht gerecht verteilt sind und die Belastungen derart ansteigen. Sie kritisierte die Anfang August von der Bundesregierung beschlossene Verlängerung der Entlastung energieintensiver Betriebe bei der Ökosteuer scharf. Wie die DHU darlegte, würden die Betriebe um "weit mehr als 20 Milliarden Euro" über die nächsten zehn Jahre entlastet. Dies sei die "unverblümte Fortsetzung der einseitigen Verschiebung der Lasten von Energiewende und Klimaschutz auf private Haushalte und Mittelstand zugunsten der Industrie", sagte die Leiterin Klimaschutz und Energie, Cornelia Ziehm.
Dass die Energiewende ihren Preis fordert, ist auch dem Handwerk klar. Der Strompreis dürfe jetzt aber nicht "durch falsche oder zaudernde Politik unnötig in die Höhe getrieben werden" fordert der Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Holger Schwannecke, im Interview mit der Deutschen Handwerks Zeitung angesichts der aktuellen Kostendebatte. Und sei ist unfair, die großen industriellen Stromverbraucher komplett zu entlasten, und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit kleiner Betriebe, die die Zeche zahlen müssen, zu gefährden. "Die Kosten müssen innerhalb der gewerblichen Wirtschaft fairer verteilt werden", sagte Schwannecke. jtw/dapd