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Corona-Pandemie November-Lockdown: Kosmetiker zwischen Wut und Hoffnung

Ein "Weiter so" kann es bei dem aktuellen Infektionsgeschehen nicht geben, hat die Bundesregierung entschieden. Aber ist es deswegen wirklich notwendig, Kosmetikstudios erneut zu schließen? Die Branche kann die Entscheidung nicht nachvollziehen – und legt ihre Hoffnungen vor allem in die versprochenen Entschädigungszahlungen.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Coronavirus

Die Geschäfte seit dem Restart liefen überraschend gut, berichtet Michael Gebhardt, Geschäftsführer des Kosmetikstudios "Prachtburschen" in Münster. Schon während dem fast zweimonatigen Shutdown im Frühjahr hielten er und sein Geschäftspartner engen Kontakt zu den Kunden und informierten vor der Wiedereröffnung umfassend über die getroffenen Hygienemaßnahmen. FFP2-Masken, Schutzvisiere und Desinfektionsmittel wurden angeschafft, Beschäftigte unterwiesen, Kontaktlisten angelegt. "Wir haben unsere Kunden einen Tag vor ihrem Termin angerufen, ob sie Symptome haben", berichtet Gebhardt. Vor kurzem habe er zudem eine Klimaanlage mit Luftreinigern installieren lassen, mit deren Hilfe Aerosole aus der Luft gefiltert werden. Die Kunden seien gekommen – auch weil sie sich sicher fühlten.

Dennoch muss er sein Kosmetikstudio ab dem 2. November wieder schließen – bis mindestens Monatsende. Das haben Bund und Länder am 28. Oktober so entschieden, um das Corona-Infektionsgeschehen wieder in den Griff zu bekommen.

Gesundheitsämter: "Kosmetikinstitute keine besondere Infektionsquelle"

Doch setzt die Regierung hier an der richtigen Stelle an? Die Landesgesundheitsämter berichten jedenfalls, dass Kosmetikinstitute keine besondere Infektionsquelle seien, so das Ergebnis einer Recherche des Branchenfachmagazins "Kosmetik & Pflege". Ob dem so ist, könne jedoch nicht mit Gewissheit gesagt werden, argumentiert Kanzlerin Angela Merkel. 75 Prozent der Infektionen könnten inzwischen nicht mehr nachvollzogen werden. Dienstleistungsbetriebe im Bereich der Körperpflege müssten geschlossen werden, weil in diesem Bereich eine körperliche Nähe unabdingbar ist, heißt es im Bund-Länder-Beschluss.

Trotz hoher Auflagen: Kosmetiker müssen im November schließen, Friseursalons nicht

Gebhardt empfindet die Entscheidung als Willkür. "Man weiß nicht, wo die Infektionen herkommen und nimmt einfach mal die Bereiche raus, wo sich viele Personen treffen oder enger Kontakt besteht", sagt er. "Wenn man sieht, wie ein Kosmetikinstitut arbeitet und welche Hygienemaßnahmen die Kolleginnen und Kollegen umgesetzt haben, dann kann ich die Entscheidung nicht nachvollziehen." Wenig Verständnis für die erneuten Betriebsschließungen hat auch Daisy Nancy Horn von der Kosmetik & Beauty Gesellschaft. "Es ist für die Branche und sicher auch für die Verbraucher völlig uneinsichtig, weshalb Kosmetikinstitute einerseits geschlossen werden müssen, andererseits die Friseursalons offenbleiben." Eine Begründung blieb die Regierung bislang schuldig. Schon im Frühjahr durften Friseure ihre Geschäfte wieder aufnehmen, während sich Kosmetiksalons weiter gedulden mussten. Die baden-württembergische Landesregierung begründete dieses Vorgehen damals damit, dass der Gang zum Friseur für weite Teile der Bevölkerung zum Grundbedarf gehöre. Andere verwiesen auf fehlende Hygienekonzepte.

Die gibt es inzwischen – und sowohl Horn als auch Gebhardt seien keine Fälle bekannt, in denen sich Kosmetikinstitute nicht an die Vorgaben gehalten hätten. Dabei sind die Auflagen durchaus streng. Ist es dem Kunden beispielsweise bei gesichtsnahen Behandlungen nicht möglich, eine Mund-Nasen-Bedeckungen zu tragen, müssen die Beschäftigten mindestens eine FFP2-, KN95- oder N95-Maske tragen – ergänzt um Schutzbrille oder Gesichtsschild zum Schutz vor Kontaktinfektionen. "Das ist in Arztpraxen nicht so, obwohl dort tatsächlich kranke Menschen sind", sagt Gebhardt.

Länder entscheiden über Umsetzung des Bund-Länder-Beschlusses

Der Bund-Länder-Beschluss muss erst noch von den einzelnen Ländern umgesetzt werden. Die Länderparlamente bewerten diesen individuell und wägen ihre jeweiligen Erlasse ab. Erst dann werden Details dazu bekannt, ob Kosmetikbetriebe tatsächlich geschlossen werden und ob beispielsweise der Produktverkauf vor Ort weiterhin erlaubt sein wird. Sachsen-Anhalt weicht beispielsweise vom Bund-Länder-Beschluss ab und wird den Kosmetikstudios, Fußpflegen und Nagelstudios im Land keine Schließungen auferlegen. In Nordrhein-Westfalen ist zudem die Fußpflege weiterhin erlaubt.

BBVKD: "Kosmetiker sehen ihr Handwerk als Gesundheitsberuf"

Dass die aktuellen Hygienepläne der Corona-Situation gerecht werden könnten, davon ist auch der Bundesberufsverband der KosmetikerInnen in Deutschland (BBVKD) überzeugt. Den Beschluss von Bund und Ländern kann der Verband deshalb nur begrenzt nachvollziehen. "Die Kosmetiker und Kosmetikerinnen in Deutschland sehen ihr Handwerk als Gesundheitsberuf", so der Verband. Als solcher könne man in der aktuellen Situation einen wichtigen Beitrag leisten. "Schließlich gibt es ja auch Hautirritationen, die durch das Tragen von Masken oder durch häufige Handdesinfektionen entstehen und unter anderem von Kosmetikern und Kosmetikerinnen behandelt werden können." Die getroffenen Regelungen zur Bekämpfung der Pandemie würden die Kosmetikstudios hart treffen. Der BBVKD will sich dafür einsetzen, dass in den Kosmetikstudios schnellstmöglich wie gewohnt Behandlungen durchgeführt werden können.

Anm. d. Red.: In einer ersten Stellungnahme gegenüber der DHZ gab der BBVKD an, die erneuten Betriebsschließungen zu bedauern, da weit reichende und nochmals verschärfte Hygienepläne für Kosmetikstudios vorlägen. "Andererseits begrüßen die Mitglieder des BBVKD die neuen Regelungen", hieß es weiter. Als Berufsgruppe, die sich der Gesundheit ihrer Kunden verschrieben hat, wolle man einen aktiven Beitrag zur Eindämmung der Pandemie im Sinne des Gemeinwohls leisten. Den neuen Regeln würden sich die Mitglieder des BBVKD deshalb auch nicht verweigern. "Uns liegt die Gesundheit unserer KundInnen und aller Menschen in Deutschland besonders am Herzen. Deshalb empfehlen wir unseren Verbandsmitgliedern die Lockdown-Maßnahmen zu unterstützen – auch wenn es derzeit unseren Mitgliedern schwerfällt, die damit verbundenen finanziellen Einbußen zu verkraften", so BBVKD-Vorsitzende Uta Lennartz gegenüber der DHZ.

Bis zu 75 Prozent des Umsatzes des Vorjahresmonats sollen entschädigt werden

Als Ausgleich für die Umsatzeinbußen im November will der Bund eine außerordentliche Wirtschaftshilfe gewähren. Kleine Unternehmen mit bis zu 50 Mitarbeitern sollen bis zu 75 Prozent des Umsatzes des Vorjahresmonats (November 2019) erhalten. Als "umsichtig und fair" bewertet Lennartz vom BBVKD die angekündigten Entschädigungen. Auch Gebhardt vom Kosmetiksalon "Prachtburschen" sieht darin einen "tragfähigen Deal", sofern die 75 Prozent denn tatsächlich ohne Abstriche bei ihm ankommen. Mit einem starken November hätte er angesichts der steigenden Infektionszahlen ohnehin nicht rechnen können. Eine Öffnung der Kosmetiksalons durch Klagen herbeizuführen, wie von einigen Unternehmern innerhalb der Branche diskutiert, hält Gebhardt auch deshalb für wenig zielführend. "Die Leute sind jetzt abgeschreckt und haben Angst ins Restaurant oder zur Kosmetik zu gehen."

Angst vor Jo-Jo-Effekt bei den Infektionszahlen

Den erneuten Lockdown werden die "Prachtburschen" - auch vor dem Hintergrund der versprochenen Entschädigungszahlungen - durchstehen, meint Gebhardt. Sorge bereitet ihm jedoch ein möglicher Jo-Jo-Effekt bei den Infektionszahlen. "Was, wenn die Zahlen im November zurückgehen, wir im Dezember wieder aufmachen dürfen und dann im Januar wegen steigender Infektionen wieder schließen müssen", fragt er sich. Die Bundesregierung müsse nun dringend ein durchdachtes Konzept vorlegen – und deutlich strenger durchgreifen. "Denn sonst sind es wieder die Unternehmer, die die Verantwortung für Masken- und Abstandsverweigerer tragen."

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