Die Bundesnetzagentur plant Aufschläge auf den Grundpreis für Solaranlagenbesitzer – ausgerechnet für jene, die das Netz entlasten statt belasten. Der Bundesverband des Solarhandwerks warnt: Die Debatte macht Kunden zögerlich und bremst Investitionen. Was hinter den Plänen für die Netzentgelte für Prosumer steckt.

Wer sich heute eine PV-Anlage installieren lässt, hat meistens nicht die möglichst hohe Rendite im Blick. Die Einspeisevergütung hat für Eigenheimbesitzer an Bedeutung verloren. Spielte sie einst eine große Rolle im Solarausbau, so stehen heute andere Argumente im Mittelpunkt. PV-Anlagen werden gebaut, "um eine möglichst große Unabhängigkeit vom Stromversorger zu erreichen und den erzeugten Strom größtenteils selbst zu nutzen", sagt Lucas Flügel, der Pressesprecher des Bundesverbands des Solarhandwerks (BDSH).
Netzentgelte für Prosumer: Ab 2029 höherer Grundpreis geplant
Genau diese Entwicklung sorgt aber auch dafür, dass diejenigen, die ihren eigenen Strom vor Ort erzeugen und verbrauchen, immer weniger die Stromnetze mitnutzen. Der Anteil der Einspeisung sinkt. Durch die zunehmende Verbreitung von Stromspeichern bleibt der eigene Solarstrom auch zunehmend im eigenen Kreislauf. Lucas Flügel nennt dies auch eine "Entlastung der Stromnetze". Dennoch soll genau diese Zielgruppe den Plänen der Bundesnetzagentur zufolge künftig stärker an den Kosten für den Netzausbau beteiligt werden. Ab 2029 soll der Grundpreis im Vertrag mit den Stromanbietern für die sogenannten Prosumer steigen. Ein Aufschlag von 70 bzw. 90 Prozent ist im Gespräch.
Der Begriff des "Prosumers" ist eine Wortzusammenstellung aus "Konsument und Produzent" und bezieht sich darauf, dass PV-Anlagenbesitzer in Mangelzeiten Strom über das Netz beziehen und dann, wenn sie selbst Überschüsse produzieren, Möglichkeiten haben, den Strom ins allgemeine Netz einzuspeisen. Da die aktuell geltende Netzentgeltregelung Ende 2028 ausläuft, hat die Bundesnetzagentur Vorschläge für Neuregelungen ab 2029 erarbeitet.
Prosumer sollen für den Netzausbau bezahlen: Kritik kommt auf
Diese Pläne für eine Reform der Allgemeinen Netzentgeltsystematik Strom (AgNes) und seither damit auch für neue Gebühren für Solarbesitzer stoßen allerdings auf starke Kritik beim BDSH. Eine höhere Beteiligung der Prosumer an den Netzausbaukosten empfindet der Verband als "nicht tragbar". Konkret gesagt, treffe sie die Falschen, denn Haushalte mit eigener Solaranlage könnten eigentlich Teil der Lösung sein und sollten entsprechend ins System integriert werden, schlägt Lucas Flügel vor.
"Statt die Prosumer für den versäumten Netzausbau zur Kasse zu bitten, sollte die Regierung dringend die Digitalisierung vorantreiben, Flexibilitätsanreize schaffen und von den erfolgreichen Modellen unserer Nachbarstaaten lernen", sagt der Verbandsprecher. Denn PV-Anlagen, Batteriespeicher, Smart Meter und Energiemanagementsysteme würden heute die technischen Möglichkeiten schaffen, eine Einspeisung flexibel und netzdienlich zu steuern. "Sie können genau dann einspeisen, wenn der Strom knapp und entsprechend wertvoll ist. Zusätzlich können Speicher Strom aus dem Netz ziehen, wenn dieses überlastet, der Netzpreis also entsprechend niedrig ist. Diese Flexibilität haben PV-Anlagen anderen Erzeugern, wie beispielsweise Gaskraftwerken, voraus."
Der BDSH weist zudem darauf hin, dass der notwendige Netzausbau nicht erst seit gestern ein Problem sei, sondern seit über 25 Jahren als Herausforderung bestehe. Sinnvoll wäre deshalb jetzt ein verstärkter Smart-Meter-Rollout, welcher die Steuerbarkeit vorhandener und künftiger PV-Anlagen garantiert. "Das würde zwangsläufig zu einer Flexibilisierung der Netze und deren Entlastung führen", sagt Lucas Flügel und verweist auf unser Nachbarland Österreich, das in dieser Hinsicht zeige, wie die Energiewende erfolgreich funktionieren kann: Teilnehmer an Energiegemeinschaften zahlen prozentual geringere Netzentgelte pro kWh, je weniger sie die Netze in Anspruch nehmen. Wer nur das Niederspannungsnetz nutzt ("Nahebereich"), erhält bis zu 57 Prozent Rabatt auf das Netzarbeitsentgelt.
Netzentgelte für Prosumer: Debatte sorgt für Verunsicherung
Noch sind die Prosumer-Gebühren nicht beschlossen und auch zur Neugestaltung der Einspeisevergütung berät die Bundesregierung derzeit. Klar ist dennoch, dass Veränderungen anstehen. Derzeit sorgen sie aus Sicht des Solarhandwerks allerdings vor allem für Verwirrung und Verunsicherung statt für eine neue Motivation für eine gelingende Energiewende. "Die Debatte um Prosumer-Gebühren hat direkte Auswirkungen auf die Investitionsbereitschaft der Kunden. Verbraucher werden zurückhaltender und vorsichtiger, wenn jeden Tag neue Vorschläge aus den Ministerien kommen", sagt Lucas Flügel.
So würden das geplante Auslaufen der festen Einspeisevergütung für neue PV-Anlagen ab 2027 und die 50-Prozent-Abregelung den Eindruck wecken, PV-Anlagen werden unattraktiv. Doch eigentlich könnte man ohne die Einspeisevergütung nach Ansicht des BDSH neue Anreize setzen für eine bewusste sowie flexible Stromerzeugung. Dabei seien Smart Meter der Kern dieser Veränderung: Sie öffnen die Tür zu dynamischen Stromtarifen und zur Strombörse. Somit könnten netzdienliche Be- und Entladungen von Stromspeichern und Elektroautos vollführt werden. Doch auch beim Ausbau mit Smart Metern und deren intelligenten Kommunikationseinheiten stockt es weiterhin.
Die geplante Abschaffung oder Senkung der Einspeisevergütung ist dagegen aus Sicht des Solarhandwerks weniger ein Problem. Problematisch ist laut Lucas Flügel aber, dass Alternativen bislang kaum funktionieren können wie das Energy Sharing, weil es zu komplex sei, oder die Direktvermarktung aufgrund eines Mangels an Dienstleistern.
Dennoch wird aus Sicht des BDSH der PV-Ausbau in den kommenden Jahren weitergehen müssen – und der Branche Aufträge verschaffen. Denn unser Stromverbrauch steigt stetig an – Rechenzentren, Fabriken und weitere Verbraucher sorgen für einen hohen Strombedarf. Hinzu kommen geopolitische Ereignisse, welche den Wunsch nach Unabhängigkeit und Sicherheit weiterwachsen lassen. Auch aus sicherheitspolitischer Sicht ist der Ausbau der Photovoltaik wichtig: Je stärker die Stromerzeugung dezentral auf viele Anlagen verteilt ist, desto resilienter wird unser Energiesystem.
Angebotsprofil der Installationsbetriebe verändert sich
Das gilt im Großen und im Kleinen. Und so wird sich für die Installationsbetriebe dennoch in Zukunft auch der Blickwinkel auf die Aufgaben weiten. Lucas Flügel beschreibt die Entwicklung hin zu Gesamtkonzepten, die wichtiger werden. Gemeint sind sogenannte "Smart Energy Homes", bestehend aus Photovoltaik, Wärmepumpe, Stromspeicher, Wallbox und Energiemanagementsystemen. "Mit dieser wandelnden Nachfrage muss sich auch das Angebotsprofil des Solarhandwerks ändern", sagt er. Nunmehr seien nicht mehr allein PV und Speicher relevant.
Auch Wärmepumpen, Wallboxen und Energiemanagementsysteme sollten Installateure anbieten, um sich am Markt behaupten zu können. "Unsere Mitgliedsbetriebe sehen es in ihren alltäglichen Kundengesprächen immer wieder: Verbraucher wünschen sich einen regionalen Ansprechpartner, welcher alle genannten Komponenten installieren kann und auch nach der Installation als Ansprechpartner vor Ort ist“, erklärt er.
