Serie "Grün und effektiv" (Teil 5) Mühle lässt sich autark betreiben

Die Fessler Mühle im baden-württembergischen Sersheim versucht so ressourcenschonend wie möglich zu arbeiten. Der Familienbetrieb setzt auf kurze Wege in der Produktion, gesunde Ernährung und eine renovierte Turbine.

Anna-Maja Leupold

Das Mehl, aus dem die Brote gebacken werden, wird direkt neben der Bäckerei in der Mühle von Wolfgang Fessler gemahlen. - © Leupold

Müllermeister Wolfgang Fessler (57) wusste, was auf ihn zukam, als er 1983 die Leitung der Fessler Mühle übernahm. Die Mühle steht im baden-württembergischen Sersheim, ist 616 Jahre alt und seit Mitte des 18. Jahrhunderts in Familienbesitz – und war schlicht nicht mehr rentabel.

"Mit der Müllerei ging es in den 60er und 70er Jahren den Bach runter", sagt Fessler. Um die Mühle dennoch erhalten zu können, sah er sich gezwungen, neue Wege zu gehen. Er gab die Landwirtschaft um die Mühle herum auf und machte aus der Mühle ein "Zentrum für Ernährung, Fitness, Gesundheit, Kultur und Bildung". Neue Standbeine des Handwerksbetriebs wurden neben der Müllerei ein Fitness- und Rehabilitationszentrum, eine Bildungseinrichtung, eine Kleinkunstbühne mit Gastronomie und eine Bäckerei. Fest im Blick hatte Fessler bei all dem immer den Umweltschutz und das konsequente Weiterdenken seines Handwerksberufs.

Kurze Wege schonen Umwelt

Seit 1996 gibt es unter dem Dach seiner Mühle die Bäckerei. Sie funktioniert nach der Philosophie der kurzen Wege. Die Bauern der Region liefern das Getreide, es wird in der Mühle verarbeitet, in der Bäckerei werden Brot und Brötchen gebacken und nebenan im Mühlenladen verkauft. "Kürzer können die Wege in der Produktion nicht sein", betont Fessler.

Eingeführt habe er dieses Geschäftsmodell einst aus purer wirtschaftlicher Notwendigkeit. Die Belieferung der Bäckereien mit Mehl per Tankwagen sei unrentabel gewesen. Durch die Verarbeitung des Getreides im eigenen Betrieb spart Fessler Benzin für den Transport und somit Kohlendioxid (CO2) ein. Außerdem ist die Produktionskette heute kürzer, übersichtlicher und lässt sich lückenlos zurückverfolgen. Ausgezeichnet wurde Fessler für diese Geschäftsidee bereits mit dem "Erzeugerpreis der Region Stuttgart".

Beim verarbeiteten Getreide achtet Fessler streng auf Qualität und eine möglichst geringe Belastung. "Das kontrollieren wir regelmäßig", sagt er. Dabei hilft unter anderem ein hauseigenes Labor. Auch auf gesunde Ernährung wird in der Fessler Mühle viel Wert gelegt, denn dies sei von Umweltschutz kaum zu trennen. "Jemand, der sich gesund ernährt, tut damit etwas für die Umwelt", sagt Fessler. Durch gesunde Ernährung werde der Krankenstand gedrückt und dadurch müsse weniger Chemie für Medikamente produziert werden.

Diese Lebensphilosophie versucht man in der Fessler Mühle weiterzutragen. So werden in der hauseigenen ISEG-Akademie Fitness- und Ernährungsberater ausgebildet.

Außerdem bietet die Fessler Mühle Veranstaltungen für Kinder an. Dort werden ihnen beim Mahlen und Backen zwei Handwerksberufe nähergebracht. Gleichzeitig lernen sie dabei viel über gesunde Ernährung.

Produktion ist CO2-negativ

Ausgezeichnet wurde Fessler auch für seine neueste Innovation: Für die Renovierung einer Turbine im Jahr 2010 bekam er den Sonderpreis "Minderung CO2-Belastung" 2011/2012 des Landkreises Ludwigsburg. Vorgeschlagen hatte ihn die Gemeinde Sersheim.

Früher wurde in der Mühle die Wasserkraft mittels eines Wasserrads genutzt, doch mit der Elektrifizierung im Jahr 1904 wurde eine effektivere Wasserturbine eingebaut. Jetzt wurde die alte Francis-Turbine aus dem Jahr 1945 renoviert. Zusätzlich hat Fessler 2012 noch einen neuen Generator zur Strom-erzeugung einbauen lassen. Die Turbine wandelt die Energie des Wassers direkt über die Transmission in Bewegung um. Zudem wird mithilfe des Generators, den das Wasser über die Turbine antreibt, elektrische Energie gewonnen. Diese Energie wird entweder zum Mahlen in der Mühle genutzt oder ins Stromnetz eingespeist. "Durch die neue Technik ist die Produktion heute sogar CO2-negativ", sagt Fessler. Installiert hat er die neue Turbine aus ökologischen Gründen. Die Kosteneinsparung stand für ihn nicht an erster Stelle.

Fessler setzt sich auch für Artenvielfalt und die Natur rund um die Mühle ein. So wird die Bepflanzung des Bachbetts regelmäßig gepflegt. Außerdem wurde eine aufwändige Fischtreppe installiert. Die Fessler Mühle liegt mitten im Grünen. Rund dreißig Jahre leitet Wolfgang Fessler mittlerweile seinen schwäbischen Familienbetrieb, in dem auch seit langem die Frau Gerlinde mitarbeitet. Und auch zwei seiner drei Kinder sind bereits in den Betrieb eingestiegen. Sohn Tobias, 22 Jahre alt, hat eine Lehre zum Müller gemacht. Damit ist er die zehnte Müllergeneration der Familie Fessler.