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Lüftungsanlagen Mobile Luftfilter und RLT-Anlagen: So helfen sie gegen Viren

Luftfilter spielen eine große Rolle beim Schutz vor Corona-Viren. In Innenräumen können diese Geräte dafür sorgen, dass die Konzentration von Aerosolen sinkt. Welche genau geeignet sind und wo die Unterschiede zwischen mobilen Filtern und RLT-Anlagen liegen, erklärt Martin Pitschke, Experte für Innenraumschadstoffe.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Coronavirus

Lüften, lüften, lüften lautet das Motto der Stunde. Doch wenn die Tage kälter werden, ist es nicht immer möglich, die Fenster den ganzen Tag auf zu lassen. Auch das empfohlene Stoßlüften alle 20 Minuten ist nicht in jedem Raum umsetzbar. In diesem Fall kann man auf technische Lösungen zurückgreifen. Diskutiert wird aktuell über mobile Raumluftfilter, UV-Licht, Ozongeräte und raumlufttechnische Anlagen (RLT-Anlagen). Ein Überblick.

"Nach der Hilflosigkeit im Frühjahr musste ich einfach etwas machen", erzählt Friseurmeister Marcel Michels aus Bonn. In seinem Friseursalon in der Innenstadt hat er seit einigen Wochen zwei Luftfilter stehen, zusätzlich zu seiner RLT-Anlage. "Die Entscheidung für die Filter ist nicht auf einer wirtschaftlichen Grundlage erfolgt, sondern eher um bestmöglich auf die aktuelle Situation zu reagieren", sagt der Unternehmer.

Dass mobile Luftfilter eine gute Ergänzung zu weiteren Lüftungsmaßnahmen sein können, bestätigt auch Martin Pitschke. Er ist gelernter Mikrobiologe und Sachverständiger für Innenraumschadstoffe. "Um die Konzentration von Aerosolen und damit auch die Konzentration von Viren zu minimieren, sind Lüften oder RLT-Anlagen die beste Wahl. Wenn das nicht möglich ist, kommen mobile Filteranlagen ins Spiel", sagt der Experte.

Mobile Luftfilter: Was sie können und worauf man achten sollte

Mobile Luftfilter haben den Vorteil, dass sie nicht fest verbaut sind und an verschiedenen Stellen aufgebaut werden können. Wer sich ein Gerät zulegt, sollte darauf achten, dass ein H14-HEPA-Filter verbaut ist. Studien der Universität der Bundeswehr München haben nachgewiesen, dass diese Filter virenbelastete Aerosole nahezu vollständig beseitigen. Wichtig ist es laut den Experten, im Vorfeld die Produktleistung der Geräte genau zu prüfen. Denn mittlerweile würden auch handelsübliche Geruchsbeseitiger als "Virenkiller" oder "Entkeimungsgeräte" deklariert.

Auch der Standort im Raum ist wichtig, damit der "Luftwäscher" seine volle Wirkung entfalten kann. Um das Gerät möglichst effektiv einzusetzen, sollte es in der Mitte des Raumes aufgestellt werden bzw. nach Vorgaben des Herstellers. "Man muss sich vorstellen, so ein Gerät filtert die Luft in der unmittelbaren Umgebung. Steht das Gerät in einer Ecke, wird nur die Luft in der Ecke gereinigt. Im restlichen Raum bleiben die Aerosole trotzdem erhalten", sagt Pitschke.

Friseursalon Marcel Michels, Luftfilter

Grundsätzlich empfiehlt der Experte diese Geräte nur für Räume, in denen es keine Frischluftzufuhr gibt oder als Ergänzung zu anderen Lüftungsmaßnahmen. Friseurmeister Michels hat sowohl eine RLT-Anlage als auch die Möglichkeit Fenster zu öffnen. Trotzdem hat er die zwei Luftfilter angeschafft. "Es hat sich gut und richtig angefühlt", sagt der Chef. Die Geräte waren Teil seiner Umbaumaßnahmen im Salon: Er hat die Warteecke entfernt, die Plätze komplett neu ausgerichtet unter Beachtung des Mindestabstandes und konnte so von ursprünglich 16 auf immerhin noch zwölf Bedienplätze umrüsten.

Ozon-Geräte und UV-Licht

Aktuell wird auch viel über andere Luftreiniger diskutiert. Unter anderem sollen UV-Licht und Ozon helfen virenbelastete Aerosole aus der Luft zu filtern. Doch Experten mahnen zur Vorsicht. Schwierig ist der Einsatz dieser Gräte unter anderem, weil es keine einheitlichen Prüfverfahren gibt. Die Innenraumlufthygiene-Kommission des Umweltbundesamtes warnt daher vor dem Einsatz von "Luftreinigern, die eine Entfernung oder chemische 'Umwandlung' in harmlose Stoffe (Wasser, Kohlendioxid) von gasförmigen organischen Verbindungen, Geruchsstoffen und Bioaerosolen versprechen", solange es keine standardisierten Prüfverfahren für diese sogenannten Entkeimungsgeräte gibt.

Auch Experte Pitschke kann diese Mittel nicht uneingeschränkt empfehlen: "Ozon-Geräte töten zwar Viren ab, aber erst bei einer Konzentration, die auch für Menschen schädlich ist. Diese Hilfsmittel können höchstens eingesetzt werden, um leere Räume zu desinfizieren. Wenn Menschen im Raum sind, sind sie ungeeignet."

Etwas anders sieht es beim UV-Licht aus. Die Luft mit UV-Licht zu reinigen sei möglich, so lange Menschen nicht direkt bestrahlt werden. Dieses Verfahren ist jedoch umstritte. So rät zum Beispiel die WHO von dem Verfahren ab. Eingesetzt wird UV-Licht aktuell bereits zum Beispiel in China zur Desinfektion von Bussen (siehe Video). Die technische Umsetzung sei laut Pitschke nicht schwierig. Aber auch hier merkt der Sachverständige an, dass Filteranlagen nur die zweite Wahl sind, wenn es nicht die Möglichkeit gibt frische Luft in den Raum zu lassen.

Shanghai desinfiziert Busse mit UV-Licht

RLT-Anlagen: Was sie können und worauf man achten sollte

Eine Versorgung mit Frischluft ermöglichen hingegen RLT-Anlagen. Wie wichtig solche Lüftungsnalgen zum Beispiel in gekühlten Räumen in der Fleischwirtschafts sind, zeigt eine aktuelle Studie der Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe. Beschäftigte, die in Räumen mit einer raumlufttechnischen Anlage arbeiten, haben eine um 24 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren als Beschäftigte in Arbeitsbereichen ohne Belüftungssystem.

Im Gegensatz zu den mobilen Filtern sorgen RLT-Anlagen für einen Luftaustausch zwischen drinnen und draußen. Raumlufttechnische Anlagen zum Filtern, Heizen, Kühlen oder Befeuchten der Luft werden seit 2000 standardmäßig in Bürogebäuden verbaut. Geregelt werden sie unter anderem durch die DIN-Norm 1946. In älteren Objekten vor 1980, wie zum Beispiel in vielen Schulen, sind sie eher selten zu finden.

Grundsätzlich ist die Gefahr, dass sich Viren über Lüftungsanlagen von Raum zu Raum weiter verteilen gering, sofern sie zwei Kriterien erfüllen. Wichtig ist laut Pitschke zum einen ein hoher Frischluftanteil von mindestens 30 Prozent. Sogenannte Umluftanlagen, die die Luft nur umwälzen, sollten nicht betrieben werden. Das Problem: Umluftgeräte – zum Beispiel auch Ventilatoren – sorgen nicht dafür, dass die Luft im Innenraum mit Außenluft ausgetauscht wird, sondern verteilen die Luft gleichmäßig im Raum und damit auch die Aerosole. Bei zentralen Umluftanlagen, die mehrere Räume versorgen, kann es laut Experte sogar passieren, dass die Aerosole im gesamten Stockwerk oder Gebäude verteilt werden.

Zweitens sollten die Anlagen mit einem geeigneten HEPA-Filter ausgestattet sein. Betriebe, die eine RLT-Anlage besitzen sollten überprüfen, welcher Filter verbaut ist und gegebenenfalls umrüsten. Die Nachrüstung dieser Filter stellt sich in der Praxis jedoch nicht immer als einfach heraus, wie Pitschke weiß: "Die H14-HEPA-Filter haben einen größeren Strömungswiederstand als zum Beispiel F5 oder F7 Filter. Oft kann der Filter also nicht direkt ausgetauscht werden, sondern die gesamte Anlage muss umgebaut werden."

Neben zentralen Lüftungsanlagen gibt es auch dezentrale Modelle. Diese Anlagen haben laut Pitschke den Vorteil, dass sie einfacher nachgerüstet werden können, da sie nur in einem Raum verbaut sind. Außerdem haben sie einen Frischluftanteil von fast 100 Prozent. Über eine Kernbohrung in der Wand werden sie installiert und lassen alles 60 Sekunden frische Luft rein bzw. verbrauchte Luft raus. Diese Anlagen haben wiederum den Nachteil, dass sie oft sehr laut und daher zum Beispiel für Schlafzimmer nicht zu empfehlen sind. Aber für Betrieb, in denen es vielleicht eh schon etwas lauter ist, sind dezentrale Lüftungsanlagen, laut Experte, keine schlechte Idee.

Betriebe, die eine neue RLT-Anlage einbauen möchten oder ihre bestehende Anlage mit Filtertechnik mit Virenschutzfunktion nachrüsten wollen, sollten sich an einen Klima- und Lüftungsbauer wenden. Dieser muss die baulichen Gegebenheiten prüfen und kann dann entscheiden, welche Technik umsetzbar ist. "In manchen älteren Gebäuden ist es einfach nicht möglich eine RLT-Anlage einzubauen, da zum Beispiel die Decken zu niedrig sind", erklärt Pitschke. Für diese Fälle ist es gut, dass es Fenster oder mobile Filteranlagen gibt.

Egal, für welches Konzept man sich schließlich entscheidet, ist es in der aktuellen Zeit wichtiger denn je, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Das sieht auch Friseurmeister Michels so. Der Unternehmer ist froh, dass er über den Sommer sein Lüftungskonzept überarbeitet hat. "Es geht mir vor allem darum, meinen Mitarbeitern und Gästen zu zeigen, dass wir das Bestmögliche tun und viele Sicherheitsmaßnahmen durchführen, um die Gefahr einer Ansteckung im Salon zu reduzieren. Wir sind zurückgekehrt zu 'Gestaltern und Machern.' "

Bund fördert Nachrüstung von RLT-Anlagen in öffentlichen Gebäuden

Seit Mitte Oktober wird die coronagerechte Um- und Aufrüstung von raumlufttechnischen Anlagen in öffentlichen Gebäuden und Versammlungsstätten staatliche gefördert. "Mitten in der wieder aufflammenden Corona-Pandemie ist das eine gute Nachricht", sagte Helmut Bramann, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Sanitär Heizung Klima. Der Bund bezuschusst 40 Prozent der förderfähigen Ausgaben, maximal jedoch 100.000 Euro pro Anlage. 500 Millionen Euro stehen dafür zur Verfügung. Antragsberechtigt sind unter anderem Kommunen, Länder, Hochschulen sowie öffentliche Unternehmen. Förderanträge können bis zum 31.12.2021 gestellt werden.

Zu den förderfähigen Maßnahmen gehören nicht nur der Erwerb und Einbau von Filtertechnik mit Virenschutzfunktion, sondern auch umfangreiche Umbaumaßnahmen. Das bezieht sich auf den Erwerb und den Einbau von Filtertechnik mit Virenschutzfunktion, Maßnahmen zur Erhöhung des Frischluftanteils durch die Umrüstung von Umluft- auf Zu- und Abluftbetrieb sowie Umbauten an der RLT-Anlage durch Zubau von Filterstufen oder durch Ergänzung und Optimierung der Regelungstechnik. Nicht gefördert wird der Erwerb neuer RLT-Anlagen.

>>> Weitere Infos zum Förderprogramm für die Nachrüstung von RLT-Anlagen

Weitere Informationen zum Thema:

>>> Die DGUV informiert ausführlich zum Thema Lüften in Innenräumen
>>> Diesem Fernsehbeitrag von "Gut zu wissen" erklärt, was gegen Coronavieren in Innenräumen hilft
>>> Zur Studie über mobile Raumluftreiniger von Professor Christian Kähler von der Universität der Bundeswehr München
>>> Zum Institut für Gebäude- und Innenraumanalytik von Martin Pitschke

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