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Lösung für das globale Abfallproblem? Mehr Recyclingplastik für den Bau

Der Kampf gegen die Müllberge aus Plastik hat begonnen. Die EU hat eine neue Kunststoffstrategie beschlossen und es muss mehr recycelt werden. Dabei spielt der Bausektor eine wichtige Rolle. Hier ist schon mehr Recyclingmaterial im Einsatz als viele denken. Doch es könnte noch mehr sein.

Die neue Gewerbeabfallverordnung ist schon in Kraft und regelt eine exaktere Abfalltrennung auch auf Baustellen. Ab kommenden Jahr gilt zudem ein neues Verpackungsgesetz und verlangt deutlich höhere Recyclingquoten für Kunststoffverpackungen und einen höheren Einsatz von umweltfreundlichen Verpackungsmaterialien. Außerdem hat die EU-Kommission erst vor ein paar eine Kunststoffstrategie beschlossen und damit Ziele formuliert, um den Eintrag von Kunststoffen in die Umwelt zu reduzieren.

All das wird den Druck erhöhen, dass endlich mehr Aktivität in das Reduzieren der immer stärker wachsenden Müllberge aus Plastik gesteckt wird. Franziska Krüger vom Umweltbundesamt ist zudem der Meinung, dass künftig mehr Investitionen in Sortier- und Recyclingkapazitäten gesteckt werden. Und auch der Importstopp von Plastikabfällen, den Chinas zum Jahresbeginn ausgesprochen hat, werde seine Folgen zeigen. "Für die Kunststoffabfälle, die bisher nach China exportiert worden sind, müssen nun neue Entsorgungswege gefunden werden. Ein Teil wird wohl in andere Länder exportiert, aber es müssen auch Lösungen in Deutschland gefunden werden. Dies bietet eine große Chance für den Ausbau der hiesigen Recyclingwirtschaft", sagt die Abfallexpertin.

Plastikmüll in Zahlen

Im Jahr 2015 fielen in Deutschland 5,9 Millionen Tonnen Kunststoffabfall an. In dieser Zahl stecken sowohl die Kunststoffabfälle von Verbrauchern als auch Abfälle aus der Produktion und Verarbeitung. Pro Bundesbürger kommen 37 Kilogramm Plastikmüll pro Jahr zusammen, was rund sechs Kilogramm über dem EU-Schnitt liegt. In Europa werden jährlich etwa 49 Millionen Tonnen Plastik in Verkehr gebracht.

Obwohl hierzulande vergleichsweise viel Plastikmüll anfällt, kann Deutschland mit einer etwas höheren Recyclingquote punkten als der Durchschnitt der EU. So wird in Deutschland bisher rund 45 Prozent der Plastikabfälle wiederverwertet und in der EU sind es nur knapp 30 Prozent. Die neue Kunststoffstrategie der EU sieht vor, dass die Quoten deutlich steigen sollen. Die Reste des Plastikmülls werden entweder verbrannt oder deponiert.

Quellen: IW Köln, UBA, DUH

Von den rund 1,5 Millionen Tonnen Plastikabfall, den Deutschland im Jahr 2016 exportiert hat, sind etwa 560.000 Tonnen nach China gegangen. Den Rest haben schon damals andere Länder außerhalb und auch innerhalb der EU aufgenommen. Doch der Export der Kunststoffabfälle ist nicht das drängendste Thema für Deutschland und die EU, sondern die Menge der Abfälle zu reduzieren und möglichst viel davon wiederzuverwerten.

Das sieht auch die neue Kunststoffstrategie vor, die die EU-Kommission in der vergangenen Woche vorgestellt hat. Sie muss allerdings noch von den einzelnen Ländern diskutiert, beschlossen und umgesetzt werden. Umweltverbände wie das UBA und auch die Deutsche Umwelthilfe (DUH) haben die Strategie im Grundsatz begrüßt, dennoch sehen sie einige Punkte, die für die Praxis nachgebessert werden sollten. So teilt etwa UBA-Präsidentin Maria Krautzberger mit, dass es an griffigen Vorschlägen mangle, wie das Ziel, dass bis zum Jahr 2030 weniger Kunststoffe in der Umwelt landen sollen, erreicht werden kann. Mit diesem Ziel will die EU unter anderem das große Problem angehen, dass Kunststoffe als Mikroplastik in den Meeren landen.

Laut Krautzberger bleibt in der Kunststoffstrategie völlig offen, wie Länder, die bisher kaum oder wenig Kunststoffrecycling betreiben, die ambitionierten Ziele erreichen sollen. Die DUH erkennt zwar im Ansatz der EU, dass Themen wie Wiederverwendung, höhere Kosten für Plastikverpackungen und eine bessere Recyclingfähigkeit als Kernelemente der Strategie aufgegriffen wurden, doch die konkreten Lösungswege fehlen. So fordert die DUH die deutsche Bundesregierung unter anderem auf, sich stärker um die Umsetzung der gesetzlichen Mehrwegquote zu kümmern, Maßnahmen zur Langlebigkeit und Reparaturfähigkeit von Produkten zu ergreifen und auch Anreize zu schaffen, dass aus dem recycelten Kunststoff (dem Recyklat) mehr und bessere Produkte hergestellt werden können und dass diese auch Verwendung finden. 

Zu viel Plastikmüll: Neue Gesetze und Importstopp machen Druck

Franziska Krüger vom UBA sieht sowohl den Ansatz der EU als auch die neuen Gesetze, die Einfluss auf die Problematik der Kunststoffabfallmengen haben als "Chance", dass sich künftig wirklich etwas verändern könnte. Wenn mehr Plastik recycelt werden muss, wenn Abfälle besser getrennt werden müssen wie es die novellierte Gewerbeabfallverordnung vorschreibt und wenn durch den Importstopp von China klar wird, dass der Export neue Anstrengungen bedarf, erzeugt das einen neuen Druck auf diejenigen, die den Abfall in den Umlauf bringen. "Dann entsteht mehr und mehr der Kreislauf der Verwertung wie ihn das deutsche Kreislaufwirtschaftsgesetz eigentlich vorsieht", sagt sie.

Beim Recycling von Kunststoffen und der Verwendung der daraus entstehenden Produkte spielt der Bau eine wesentliche Rolle. So ist der Bausektor der größte Abnehmer von Kunststoffrecyclaten. Die sogenannte Consultic-Studie zu Produktion, Verarbeitung und Verwertung von Kunststoffen aus dem Jahr 2016 zeigt, dass nach dem Verpackungssektor (rund 35 Prozent), der Bau zwar mit rund 23 Prozent den höchsten Einsatz von Kunststoffen hat. Aber gleichzeitig werden hier die größten Mengen an Kunststoffrecyclaten verwendet – als Bauprodukte und Baumaterialien aus recycelten Kunststoffen. Von der Gesamtmenge an eingesetzten Kunststoffrecyclaten übernimmt der Bausektor 38,2 Prozent. Die Verpackungsbranche im Vergleich dazu nur 25,2 Prozent.

Doch der Einsatz von Recyclingprodukten auf dem Bau ließe sich dennoch stark steigern, wenn das Thema nicht so sehr mit Vorbehalten belegt wäre. So weiß Franziska Krüger von Firmen, die der Qualität und der Haltbarkeit von Baustoffen aus recyceltem Kunststoff nicht trauen.

Baustoffe aus Recyclingkunststoff haben schlechtes Image

Eingesetzt werden Bauprodukte aus Kunststoffmaterial häufig als Rohre oder Fenster, in Fußböden und als viele Kleinteile. Diese haben in der Regel eine sehr lange Lebens- bzw. Gebrauchsdauer. Laut der Consultic-Studie reicht diese von ca. 25 bis 30 Jahren für Fußböden, 40 bis 50 Jahren für Fenster bis zu mehr als 80 Jahren für Kunststoffrohre. Umso wichtiger ist den Firmen aber die Qualität. Dagegen wendet die UBA-Expertin ein: "Wegen der Vorbehalte, die in vielen Fällen unbegründet sind, wird bei vielen Produkten nicht kommuniziert, dass sie recyceltes Material enthalten." Das sei anders als beim Papier, wo die Herstellung zu 100 Prozent aus Altpapier schon ein Werbeargument sei.

So wäre es hilfreich, wenn auch die Baustoffe aus Kunststoff, der schon einmal im Einsatz war, ein anderes Image bekommen würden. Dann könnte auch offen damit umgegangen werden, wie hoch die eingesetzten Mengen bereits sind und "es könnte noch mehr verwendet werden", sagt Krüger. Ihrer Meinung nach sollten die Recycler und die Hersteller der Baumaterialien an dieser Stelle besser zusammenarbeiten und gemeinsam nach Möglichkeiten suchen, mehr Recyklat in den Produkten einsetzen zu können.

Helfen könnte dem Vorankommen auch, wenn der Einsatz der Kunststoffrecyclaten auf Baustellen eine Vorgabe in öffentlichen Ausschreibungen wäre. Zwar fordert das Kreislaufwirtschaftsgesetzt (§45) laut der UBA-Expertin bereits jetzt, dass geprüft werden müssen, ob es umweltfreundliche Varianten zu den herkömmlicherweise eingesetzten Baustoffen gibt, aber diese Verpflichtung wird kaum gelebt. Im Falle von recyklathaltigen Kunststoffprodukten hängt dies auch damit zusammen, dass häufig gar nicht bekannt ist, welche Produkte Recyklate enthalten und zu welchen Anteilen.

Neue Vorschriften für das Kunststoffrecycling selbst sind auch deshalb nicht so einfach umzusetzen wie etwa beim Glas oder Papier, da Kunststoff sehr vielfältig ist – es gibt schließlich zahlreiche verschiedene Kunststoffarten mit unterschiedlichen Eigenschaften und Verwertbarkeiten. Die Materialvielfalt, Materialkombinationen und verschiedenste Additive sind eine große Herausforderung für das Kunststoffrecycling. "Wichtig ist, dass sich Hersteller schon beim Produktdesign Gedanken über deren Lebensende machen und die Produkte möglichst recyclingfähig gestalten", sagt Krüger.

Plastikabfall vermeiden: Relevante rechtliche Vorgaben

Rechtliche Regelungen, die wichtig sind, damit Deutschland weniger Plastikmüll produziert und mehr Recyclingprodukte verwendet werden:

  

Mehr Recycling ist also politisch gewollt und möglich. Dennoch gibt es bei der derzeitigen Diskussion um den steigenden Plastikmüll auch Stimmen, die davor warnen, dass man bei der ganzen Debatte um mehr Recycling nicht vergessen dürfe, Plastik einzusparen. Nur so ließen sich die Einträge in die Umwelt wirklich reduzieren.

Forscher der University of California haben erst kürzlich Zahlen vorgelegt, wonach weltweit seit den 1950er Jahren, als Plastik als Massenprodukt entdeckt wurde, 6,3 Milliarden Tonnen Plastikmüll produziert wurden. Nur ein kleiner Teil davon, etwa 29 Prozent, wurde recycelt oder verbrannt und vieles davon landete schon in den Meeren. Das berichtet faz.net über die Forschungsergebnisse, die auch besagen, dass bis zum Jahr 2050 ungefähr 34 Milliarden Tonnen Kunststoff produziert werden, wenn wir nicht weniger davon verbrauchen. Recycling sei deshalb nicht unbedingt die Lösung des Plastikproblems, da dieses die Entsorgung nur verzögere, aber nicht verhindere. 

Auch Bio-Kunststoff kann der Umwelt schaden

Und auch biologisch abbaubarer Kunststoff – etwa aus Mais, Kartoffeln oder Zucker hergestellt – als Alternative zu normalem Plastik bringt Probleme mit sich. So weist das UBA darauf hin, dass sich biologisch abbaubarer Kunststoff nur unter bestimmten konstanten Bedingungen zersetzen kann, wie sie beispielsweise in industriellen Kompostierungsanlagen vorherrschen. In der freien Natur existieren diese konstanten Bedingungen jedoch nicht, so dass sich bioabbaubare Kunststoffe dort nicht oder nur sehr langsam zersetzen. Bis dahin können sie der Umwelt genauso schaden wie konventionelle Kunststoffe auch.

Um den Verbrauch von Kunststoffen zu senken, hat EU-Kommissar Günter Oettinger vor kurzem vorgeschlagen, eine neue Steuer auf Verpackungen einzuführen. Wenn etwa Einwegverpackungen teurer sind, würden die Hersteller sparsamer damit umgehen, so der Ansatz. Fiskalische Steuerungsinstrumente sind auch Teil der EU-Kunststoffstrategie – und findet bereits Kritiker. So befürchtet Maria Krautzberger, dass eine pauschale Steuer auf Kunststoffe die Gefahr birgt, dass auf Materialien ausgewichen wird, die eine schlechtere Ökobilanz als Kunststoffe haben. Als Beispiel nennt sie Papier- statt Plastiktüten. Aufgrund des hohen Energiebedarfs in der Produktionsphase hätten sie oft eine schlechtere Ökobilanz.

Plastiktüten belasten die Umwelt

Ein Ansatz zur Plastikmüllreduktion der EU ist es, die Länder dazu zu motivieren, Vorgaben zur Verwendung von Plastiktüten zu machen. So verbrauchen die Deutschen im Schnitt etwa 70 Plastiktüten pro Jahr. Sie liegen damit zwar weit unter dem EU-Durchschnitt von 198 Stück, doch die Pläne sehen dennoch vor, dass es bis zum Jahr 2015 nur noch 40 Tüten pro Kopf sein sollten. Die Bundesregierung hat deshalb im Jahr 2016 eine freiwillige Vereinbarung mit dem Handel getroffen, nach der Plastiktüten nicht mehr kostenlos abgegeben werden.

Die Vereinbarung gilt für alle Kunststofftragetaschen mit oder ohne Tragegriff, die im teilnehmenden Einzelhandel erhältlich sind. Keine Plastiktüten im Sinne der Vereinbarung sind Tiefkühltragetaschen, Permanenttragetaschen und sehr leichte Plastiktüten (dünner als 15 Mikrometer) – zum Beispiel für Obst und Gemüse.

In diesem Jahr steht die Vereinbarung auf dem Prüfstand. Wurde das Ziel erreicht, will das Bundesumweltministerium darauf verzichten zum 1. Januar 2019 ein entsprechendes Gesetz zu verabschieden, dass die freiwilligen Vorgaben ablöst und auch Sanktionen nach sich zieht, wenn sich Unternehmen nicht daran halten.

Quelle: UBA

 

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