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Reaktionen aus dem Handwerk Lockdown verlängert: "Viele Betriebe werden nicht überleben, wenn…"

Das Handwerk zeigt sich bitter enttäuscht von der erneuten Verlängerung des Lockdowns. Ein langfristiger Plan sei nicht zu erkennen. Einzige Lichtblicke des Corona-Gipfels sind die Öffnung der Friseursalons und die Aussicht auf eine rasche Auszahlung der Überbrückungshilfe.

Der bestehende Lockdown wird bis zum 7. März verlängert. Eine Perspektive bekommt lediglich das Friseurhandwerk aufgezeigt, das seine Arbeit wohl ab dem 1. März wieder aufnehmen darf . Was nach dem Corona-Gipfel von Bund und Ländern überwiegt, ist die Enttäuschung. Die Spitzen der Handwerkverbände sprechen unisono von einem schweren Schlag für die Branche. Viele Betriebe hingen weiter in der Luft, wüssten nicht wie es weiter geht – und würden dadurch immer näher an ihre Belastungsgrenze rücken.

Die Aussicht, den stationären Handel und Kosmetiksalons ab einer 7-Tage-Inzidenz von höchstens 35 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner wieder öffnen zu wollen, gebe den Betrieben keine Planungssicherheit. Die Ausrufung des neuen maßgeblichen Inzidenzwerts bezeichnet der baden-württembergische Handwerkstag (BWHT) als "beliebig". Das Kfz-Handwerk warnt zudem schon jetzt vor einem Flickenteppich von Insellösungen.

"Immer mehr Existenzen im Handwerk stehen auf dem Spiel"

Während sich Bund und Länder von einer Lockdown-Verlängerung zur nächsten hangeln, spitzt sich die Lage in vielen Betrieben immer weiter zu. Immer mehr Betriebsinhaber müssten an ihre Altersversorgung ran und den Einnahmenausfall mit privaten Mitteln ausgleichen, erklärt Franz Xaver Peteranderl, Präsident des Bayerischen Handwerkstages (BHT). "So geht es nicht weiter: Mit jeder Woche, die der Lockdown verlängert wird, stehen mehr Lebensentwürfe und Existenzen in Handwerk und Mittelstand auf dem Spiel", warnt er.

Die erneute Verlängerung drohe viele von Schließung betroffene Handwerksbetriebe in die Knie zu zwingen, warnt auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). "Viele Betriebe werden nicht überleben, wenn Hilfen nicht schnellstens ausgezahlt werden oder sie auf anderen Wegen an mehr Liquidität gelangen", erklärt ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer. Das endgültige Aus dieser Betriebe lasse sich allenfalls noch dann verhindern, wenn der nun angekündigte schnelle Beginn von Abschlagszahlungen der Überbrückungshilfe III auch tatsächlich in diesen Tagen komme. Hoffnungsfroh stimme ihn, dass inzwischen das Portal für die Beantragung der Überbrückungshilfe III freigeschaltet worden ist. Eine schleppende Auszahlung wie bei den November- und Dezemberhilfen dürfe sich aber nicht wiederholen, warnt Rainer Reichhold vom BHWT. Eine Auszahlung noch im Februar, sieht auch Hans-Peter Rauch, Präsident der Handwerkskammer für Schwaben, als dringend notwendig an.

Verlustrücktrag ausweiten

Neben schnellerer staatlicher Unterstützung und höheren Abschlagszahlungen fordert der BHT, die Liquidität der Betriebe durch steuerliche Maßnahmen zu stützen. Die kürzlich beschlossene Verdoppelung des Verlustrücktrags gehe an den Bedürfnissen des Handwerks weitgehend vorbei, betont BHT-Präsident Peteranderl. Stattdessen sollte der Verlustrücktrag auf zwei bis drei Jahre ausgeweitet werden. Die Betriebe könnten dann die Verluste aus 2020 mit den Gewinnen der Jahre 2019, 2018 und gegebenenfalls 2017 verrechnen und so ihre Steuerlast mindern. "Damit könnten zielgenau die Betriebe begünstigt werden, die vor Corona ein funktionierendes Geschäft hatten und unverschuldet in die Krise gestürzt wurden", pflichtet ZDH-Präsident Wollseifer bei. Angesichts der akuten Liquiditätsnot zahlreicher Betriebe fordert er die Regierung zudem auf, die Abschlagszahlungen von 50 auf 75 Prozent der beantragten Beträge anzuheben.

Auch die bis zum 30. Juni 2021 befristeten Corona-Hilfsmaßnahmen für Unternehmen, wie etwa die Überbrückungshilfe III, das KfW-Sonderprogramm 2020 und den KfW-Schnellkredit 2020, müssten angesichts der erneuten Lockdown-Verlängerung auf die zweite Jahreshälfte 2021 ausgedehnt werden, so der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK). Die überwiegend kleinen und mittelständischen Kfz-Unternehmen dürften jetzt nicht im Regen stehen gelassen werden. Zudem gehe selbst finanzstarken Händlern langsam die Puste aus: "Auftragseingänge brechen ein, gleichzeitig werden den Händlern aber die Höfe mit Fahrzeugen vollgestellt, die im vergangenen Jahr vor Beginn des Lockdowns bestellt wurden", so ZDK-Präsident Karpinski. "Diese Fahrzeuge müssen natürlich finanziert werden. Das bedeutet eine enorme Kapitalbindung für den Handel."

Handwerk fordert langfristigen Strategie-Fahrplan

Neben raschen, unbürokratischen und wirksamen Hilfen wünscht sich das Handwerk vor allem verbindliche Antworten sowie einen Strategie-Fahrplan. "Wie etwa soll das wirtschaftliche und öffentliche Leben langfristig wieder in normale Bahnen gelenkt werden", fragt der Präsident des Sächsischen Handwerkstages, Roland Ermer. Ein langfristiger Plan sei trotz der zu begrüßenden Öffnung für Friseure immer noch nicht erkennbar, kritisiert auch Präsident Peteranderl. "Bayerns Handwerkerinnen und Handwerker möchten selbst ihren Lebensunterhalt verdienen, anstatt von Hilfszahlungen, die noch dazu erst mit großer Verzögerung fließen, abhängig zu sein." Tausende Handwerksbetriebe im Freistaat, die nachweislich keine Pandemietreiber sind, über Monate stillzulegen, sei angesichts bewährter Hygienekonzepte unverhältnismäßig und koste den Steuerzahler Unsummen, argumentiert Peteranderl.  

Roland Ermer stört sich vor allem an der derzeitigen Praxis seiner sächsischen Landesregierung, ab und zu laut über mögliche Szenarien einer Rückkehr in den Alltag nachzudenken. Das bringe das Handwerk nicht weiter. "Mit professionellem Krisenmanagement hat diese Politik jedenfalls nichts zu tun. Es verstärkt eher die Ungewissheit ungezählter um ihr nacktes Überleben kämpfender Firmen. Was bleibt, ist der Eindruck einer gewissen Hilfslosigkeit im Regierungsapparat", sagt er.  

Handwerkliche Berufsbildungsstätten öffnen

Mit einem Appell richtet sich der ZDH auch an die zuständigen Kultusministerien der Länder. Der Bildungsbetrieb in den handwerklichen Berufsbildungsstätten müsse so schnell wie möglich – wenn nötig in Schritten – wieder zugelassen werden. "Sie verfügen über detaillierte Hygiene- und Abstandskonzepte, die sich in den vergangenen Monaten bewährt haben, und sie brauchen die Öffnung, um Tausende ausgefallener Maßnahmen nachholen und insbesondere die Auszubildenden auf die Prüfungen hinführen zu können", betont ZDH-Präsident Wollseifer.

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