Regionalfenster Lebensmittel: Das Problem mit der Regionalität

Seit Jahresbeginn hat die Lebensmittelbranche eine neue freiwillige Kennzeichnung für regionale Produkte. Denn die sind gefragt. Das "Regionalfenster" soll transparent machen, was als "Region" gilt. Auch Handwerksbetriebe können es nutzen. Die Freiwilligkeit der Herkunftsangabe stößt allerdings auf Kritik.

Jana Tashina Wörrle

Lebensmittel, die aus der Region stammen, sollen auch damit beworben werden dürfen. Doch was ist mit "regional" genau gemeint? Viele Logos und Siegel geben nur unklare Antworten. - © Foto: Christophe Fouquin/Fotolia

Schon als die damalige Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) das "Regionalfenster" auf der Grünen Woche 2013 zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentierte, stieß es auf Kritik. "Noch ein Siegel", "noch ein Label", "noch mehr Verwirrung bei den Herkunftsangaben" hieß es anfangs. Dabei ist das Regionalfenster gar kein Siegel mit festen Vorgaben und es ist freiwillig. Das Ziel dahinter: Klarheit schaffen bei den vielen verschiedenen Bezeichnungen von regionalen Lebensmitteln.

Sie heißen "Unser Land", "Unsere Heima" oder nur "Von hier" und sollen Verbraucher zum Kauf anregen. Denn immer mehr Verbraucher wollen wissen, woher die Lebensmittel kommen, die sie kaufen und konsumieren. In einer Umfrage der Verbraucherzentralen gaben 69 Prozent der Teilnehmer an, Produkten mit angegebener Herkunft mehr zu vertrauen. Was genau hinter der beworbenen Region steckt und viele der Zutaten eines Produkts aus der Region stammen, bleibt jedoch meist unklar. Ist der Landkreis gemeint, das Bundesland oder gleich mehrere?

Ernährungsminister Schmidt ganz nah am regionalen Produkt. Bei der Kennzeichnung des Regionalfenstern setzt er dennoch auf Freiwilligkeit und lässt die Hersteller aus der Pflicht. - © Quelle: BMEL/photohek/Ronny Hartmann

Neues Logo – neuer Standard

Das neue Logo soll einen einheitlichen Standard etablieren, in dem verlangt, dass die Region jeweils klar definiert ist. Oder wie es Ernährungsminister Christian Schmidt (CSU) sagte, der in dieser Woche die erste Bilanz zum Regionalfenster zog: "Es versichert dem Verbraucher, dass er ein regionales Produkt kauft, das dieses Etikett verdient".

Eine Bilanz war möglich, da das Regionalfenster – nach einer Testphase im Jahr 2013 – seit Jahresbeginn von Firmen der Lebensmittelbranche genutzt werden kann. Derzeit sind 2.400 Produkte für das Kennzeichen registriert. Darunter auch einige Handwerksbetriebe wie beispielsweise die Landfleischerei Neumeier aus Nordhessen. Auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks e.V. ist Mitglied im dazugehörigen Verein "Regionalfenster e.V." und arbeitet am Konzept mit.

"Die Kennzeichnung loser Ware ist allerdings eine große Aufgabe, an der wir aktuell noch arbeiten", sagt Madeleine Altenhein von der Trägerinitiative. Daher sei die Umsetzung im Handwerk bislang noch nicht so weit fortgeschritten wie im Einzelhandel.

Was das Regionalfenster kennzeichnet

© Regionalfenster e.V.

Das blau-weiße Regionalfenster besteht aus einem Erklär-Feld, in dem ist zu lesen, woher die wichtigsten Zutaten stammen und wo sie verarbeitet wurden. Grundsätzliche Vorgaben, wie groß die "Region" sein darf, aus der das Produkt oder seine Hauptzutaten stammen, gibt es nicht. Lediglich, dass sie kleiner sein als Deutschland sein muss, ist vorgeschrieben. Das stieß bereits in der Anfangszeit auf Skepsis .

Doch trotzdem setzen die Initiatoren auf Transparenz. So muss die Region klar angegeben sein. Die erste Hauptzutat muss zu 100 Prozent aus der Region stammen, genau wie die "wertgebenden Zutaten" – etwa die Kirschen in Kirschkuchen. Bei zusammengesetzten Produkten wird die Gesamtsumme der regionalen Rohstoffe in Prozent angegeben. Auf dem Etikett eines "Bayerischen Leberkäses" steht etwa: "Schweinefleisch und Rindfleisch aus Bayern; verarbeitet in 92421 Schwandorf; Anteil regionaler Rohstoffe am Endprodukt = 80%".

Was das Regionalfenster kostet

Wer das Logo verwenden möchte, muss sich an "Regionalfenster e.V." wenden, denn diese bestimmen das neutrale Zertifizierungsunternehmen, das die Angaben überprüft. Die Verwendung der Regionalfenster-Deklaration ist an Lizenzgebühren gekoppelt. "Diese sind nach Höhe des Umsatzes eines Unternehmens gestaffelt, um sie möglichst gerecht zu erheben", erklärt Madeleine Altenhein.

Neben den Lizenzgebühren müssen zusätzlich die Zertifizierungskosten an die Zertifizierungsstelle entrichtet werden. Sofern möglich, sollen die Kontrollen mit bereits bestehenden Kontrollen, wie etwa Biokontrollen, kombiniert werden. "So bleiben die Kosten relativ überschaubar, da zum Beispiel keine erneute Anfahrt des Kontrolleurs notwendig ist", sagt Altenhein.

Lizenznehmer ist immer der Markeninhaber. Produziert ein Unternehmen dagegen für eine regionale Handelsmarke, so übernimmt das Handelsunternehmen die Lizenzgebühr.

Foodwatch fordert Pflichtangaben

Bundesminister Schmidt setzt darauf, dass das Sortiment in einigen Jahren auf 5.000 Produkte wächst, die dann das Regionalfenster tragen. Der Trägerverein will das Logo auch auf Blumen und Zierpflanzen ausweiten uns erreichen, dass langfristig mehr regionales Tierfutter verwendet wird.

Matthias Wolfschmidt, stellvertretender Geschäftsführer von Foodwatch. - © Foto: Soeren Stache/dpa

Ginge es nach der Verbraucherorganisation Foodwatch, müsste sich die Kennzeichnung der eindeutigen Herkunftsangaben noch schneller verbreiten. Denn Foodwatch sieht in der Freiwilligkeit des Kennzeichens für Anbieter einen Konstruktionsfehler. Bei Werbung mit Regionalität gehöre die Ursprungsregion verpflichtend aufs Etikett, verlangt der stellvertretende Geschäftsführer der Organisation Foodwatch, Matthias Wolfschmidt.

Foodwatch fordert deshalb von der Bundesregierung, dass sich diese für eine EU-weite, verbindliche Herkunftskennzeichnung der wichtigsten Zutaten stark macht. Das Regionalfenster bringe, so wie es derzeit gelte, nur zum Schein mehr Transparenz, kritisierte Wolfschmidt. Den 2.400 Produkten mit Regionalfenster stünden hunderttausend Produkte gegenüber, bei denen die Hersteller die Herkunft verschweigen. (mit dpa)