TV-Kritik: ARD – "hart aber fair" Lauer Arbeitsmoral-Talk mit fragwürdigem Video als "Höhepunkt"

Bürgergeld, Mindestlohn, Vier-Tage-Woche – bei hart aber fair talkte eine Runde zu aktuellen Fragen rund um die Arbeitswelt. Dass der Erkenntnisgewinn eher gering ausfiel, lag neben fehlender Einsicht einiger Gäste auch daran, dass der einzige echte Praktiker in der Runde, ein Chef eines Dachdecker-Betriebs, nur als eine Art Stichwortgeber gefragt war.

Zu Gast bei Louis Klamroth (r) waren: v.l.n.r. Hubertus Heil (Bundesarbeitsminister), Christiane Benner (Vorsitzende der IG Metall), Ronja Ebeling (Journalistin, Autorin "Work Reloaded"), Hendrik Ambrus (Geschäftsführer eines Handwerksbetriebs) und Michael Hüther (Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft). - © WDR/Oliver Ziebe

Den Höhepunkt der Sendung setzte die Redaktion von hart aber fair erst kurz vor Schluss. Da wurde in einem Einspieler ein Video (siehe weiter unten; Anm. d. Red.) gezeigt, das vor einiger Zeit in den sozialen Medien für Furore gesorgt hatte. Dort macht eine junge Frau ihrem Ärger über ein Jobangebot mit einem Einstiegsgehalt von 36.000 Euro pro Jahr bei 30 Tagen Urlaub ("Wir reden hier von einem ganzen Jahr!", "Ich weiß nicht, wie man überleben soll.") Luft und fragt, wofür sie denn studiert und einen Studentenkredit aufgenommen habe. Dabei kämpft sie mit den Tränen. Die Runde hatte nur noch wenige Minuten Zeit, darüber zu diskutieren, und es war schon gewagt, solch ein Video als ernsthaften Debattenbeitrag heranzuziehen, denn zumindest für den Schlag Mensch, der schon einige Jahre, wenn nicht Jahrzehnte gearbeitet hat, und das vielleicht sogar für weniger als 36.000 Euro im Jahr, aber auch für mehr, weil er eben Berufserfahrung und sein Können bewiesen hat, könnte der Schnipsel eine echte Zumutung sein.

So war es denn auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), der das Video recht salomonisch einordnete: "Das Video ist ein Beispiel dafür, dass sich Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten öfter begegnen sollten", sagte er mit Blick auf den akademischen Hintergrund der jungen Frau. Letztlich plädierte er aber auch dafür, dass die Bedürfnisse junger Menschen auf dem Arbeitsmarkt ernst zu nehmen seien.

Kollektive Zurückhaltung bei der Diskussion

Dass die letzten fünf Minuten dieser Ausgabe von hart aber fair aufgrund des in Sachen redaktioneller Seriosität gewagten Video-Einspielers fast die interessantesten waren, sprach allerdings für sich. Zuvor hatte sich die Runde – neben Heil waren noch Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft, Ronja Ebeling, Journalistin und Beraterin mittelständischer Unternehmen, sowie Christiane Benner, neue Chefin der IG Metall, auf dem Panel – weitgehend in kollektiver Zurückhaltung bei der Diskussion geübt. Der Fünfte im Bunde, Hendrik Ambrus, Chef eines Dachdecker-Betriebs aus Baden-Württemberg, sollte die Rolle des Praktikers einnehmen. Doch leider nahm ihn Moderator Louis Klamroth nur selten in Diskussion mit rein, und wenn dann nur als eine Art Stichwortgeber.

Bürgergeld: "Arbeitende Bevölkerung kommt sich veräppelt vor"

Klamroths Vorgänger Frank Plasberg hatte den Gästen aus der täglichen Praxis oft aktiv eingebunden und ihnen bei Konfrontationen mit Prominenten zur Seite gestanden. Klamroth selbst bemühte sich zwar auch um Ausgeglichenheit, biss jedoch oft auf Granit und schaffte es nicht, die Profis zu unterbrechen. Immerhin gelang es Ambrus dennoch, einige wichtige Punkte anzureißen. Als die Debatte zu Beginn der Sendung um das Bürgergeld kreiste, stellte er klar, dass sich die arbeitende Bevölkerung bei der Erhöhung des Bürgergelds ab 1. Januar 2024 "veräppelt" vorkomme. Und auch die Bezeichnung Bürgergeld sei falsch, es sollte lieber Arbeitslosengeld heißen. Danach erging man sich in der altbekannten Debatte. Heil betonte, Lohnabstand sei wichtig und Arbeit müsse sich lohnen, und dass das Bürgergeld dies auch berücksichtige, jedoch die Höhe als Existenzminimum im Sinne des Bundesverfassungsgerichts eben auch steigen müsse. Hüther warf ein, dass mit dem Bürgergeld noch weitere Vergünstigungen etwa bei Eintritten einhergingen und stellte die Frage, ob die Differenz zu den Arbeitslöhnen hinreichend groß sei. Und Benner von der IG Metall mahnte, dass bei der Bürgergeld-Debatte nicht Empfänger gegen Geringverdiener ausgespielt werden dürften.

Auch beim Mindestlohn nur wenig Interessantes

Ähnlich lief es beim Thema Mindestlohn, das als nächstes abgehakt wurde. Ambrus sagte, dass er schlicht keine Mitarbeiter hätte und keiner auf der Baustelle wäre, wenn er nur Mindestlohn zahlen würde. Und dass aber ein etwas höherer Mindestlohn für ihn stemmbar wäre – wenn, ja wenn man einberechnen würde, dass dann natürlich auch die Preise steigen würden. "Das wird am Schluss beim Kunden ankommen", sagte er. Das war ein interessanter Punkt, den die Runde aber auch nicht weiterverfolgte. Stattdessen auch hier die altbekannten Positionen zum Thema Mindestlohn und dem staatlichen Eingreifen bei der letzten Erhöhung auf zwölf Euro, also zur Frage, ob der Staat bei der Lohnfindung eingreifen dürfe (Hüther: nein, Heil: ja).

4-Tage-Woche: Die Unterschiede werden sichtbar

Etwas flotter wurde es schließlich, als es um den Dauerbrenner, die Vier-Tage-Woche ging. Journalistin Ebeling, die sich als Verteidigerin der jungen Menschen auf dem Arbeitsmarkt profilierte, meinte, die Vier-Tage-Woche sei kein Allheilmittel, verschaffe in bestimmten Branchen aber einen Wettbewerbsvorteil bei der Suche nach Mitarbeitern. Junge Leute seien aber nicht gut im Bilde, was die Ausbildungsberufe angehe, denn die Berufsorientierung funktioniere nicht. An dieser Stelle zeigte sich, wie unterschiedlich diejenigen auf Berufseinstieg, Nachwuchsgewinnung und Vier-Tage-Woche blicken, die ein Unternehmen führen, und diejenigen, die über das Thema nur reden. Denn während die einen eine staatliche Berufsorientierung als essenziell für die doch eigentlich im Kernbereich der Selbstverantwortung liegende Frage, welchen Beruf man ergreift, betrachteten, führte Dachdecker-Chef Ambrus aus, dass bei einer Vier-Tage-Woche die komplette Zeit eben an vier Tagen gearbeitet werden müsse. Er mache sich dabei Sorgen um die Gesundheit seiner Mitarbeiter. Da warf Klamroth ein, dass es ja gerade mit Blick auf junge Menschen darum gehe, auch weniger Stunden zu arbeiten. Grinsen in der Runde.

Als schließlich das besagte Video eingespielt wurde, war der Talk endgültig im – wie es einer der während der Sendung zitierten Zuschauer vorher in einem anderen Kontext formuliert hatte – "Taka-Tuka-Land" angekommen – dort, wo Arbeit irgendwie immer auch voll krass Laune machen, bis in feinste Verästelungen mit dem Privatleben kompatibel sein muss, und Dinge wie Marktnähe und Wertschöpfung nur eine eher untergeordnete Rolle spielen. Ambrus‘ kluger Einwand zur Vier-Tage-Woche, dass er von einem 22-Jährigen kräftigen Mann schon erwarte, richtig Vollzeit zu arbeiten, dass aber bei einem 55-Jährigen, der seit 30 Jahren auf dem Dach ist, schon etwas anderes sei, verhallte leider auch wieder.

Erst Werte schöpfen, dann verteilen

Und so krankte auch diese Talkrunde, genau wie so viele im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, die sich um das Thema Arbeiten und die neue Arbeitswelt drehen, an der fehlenden Einsicht, dass es zur Schaffung von Wohlstand im Zweifel mehr und nicht weniger Arbeit braucht, dass Wertschöpfung erst vollzogen werden muss, ehe die Werte verteilt werden können. Der Einzige, der immer wieder auf diese Grundlagen hinwies, was Ökonom Hüther, flankiert von den Einwürfen aus der Praxis von Ambrus. Dass in Deutschland laut einer aktuellen Studie des Münchner Roman Herzog Instituts die Lebensarbeitszeit so niedrig ist wie in kaum einem anderen EU-Land, und welche Auswirkungen das angesichts explodierender Sozialleistungen auf den Wohlstand im Land hat – dazu gab es ebenso wenig eine tiefere Diskussion wie zu der Frage, ob nicht mittlerweile sogar motivierte Arbeitnehmer angesichts hoher Steuern und Abgaben nicht mehr bereit sind, sich noch mehr einzubringen. Stattdessen Altbekanntes rauf und runter – und zum Ende eben dieses Video, das bei den meisten Zuschauern entgegen der Erwartung der hart-aber-fair-Redaktion aber nicht die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Schicksal vermeintlich ausgebeuteter junger Arbeitnehmer, sondern eher eine Mischung aus Fremdscham und Kopfschütteln bewirkt haben dürfte.

>>> Die komplette Sendung von "hart aber fair" können Sie sich hier ansehen: Löhne hoch, Arbeitszeit runter: Keinen Bock mehr auf Leistung?