Bis aus einem Stück Holz eine Klarinette entsteht, dauert es viele Jahre. Mit viel Geduld und Genauigkeit wird die Mechanik von Hand gefertigt. Vor allem Berufsmusiker lassen den Instrumenten von Johanna Kronthaler den letzten Schliff geben.

Wer in der Yorckstraße 36 in Karlsruhe nach einem Ladengeschäft mit ausgestellten Klarinetten sucht, wird enttäuscht. Zwar wissen Alteingesessene noch: Im Erdgeschoss des Altbaus befand sich einst eine Bäckerei. Nichts deutet jedoch darauf hin, dass sich hier Klarinettisten der Berliner, Wiener und Münchner Philharmoniker die Klinke in die Hand geben. Doch in der ehemaligen Backstube im Hinterhof befindet sich heute die Meisterwerkstatt von Johanna Kronthaler.
Die Holzblasinstrumentenmachermeisterin hat sich auf Klarinetten spezialisiert. 95 Prozent ihrer Kunden sind Orchestermusiker oder Solisten. Sie warten derzeit über fünf Jahre auf eine Klarinette aus der Hand der 54-Jährigen. Denn bis aus einem Stück Holz aus Afrika ein konzertfähiges Instrument wird, vergehen Jahre. Die unzähligen handwerklichen Arbeitsschritte brauchen Zeit und immer wieder muss das schwarze Holz ruhen. Was die Klarinette von Johanna Kronthaler aber besonders macht, ist das sogenannte Kronthaler-Konzept.
Je länger das Holz ruht, desto besser wird das Instrument
Eine Kronthaler-Klarinette ist kein Instrument von der Stange. Aller Anfang ist ein Stück Holz: Grenadill kommt aus Afrika, sieht aus wie Ebenholz und geht im Wasser unter, weil "es so dicht ist. Da kriegt man mit dem Fingernagel keine Kerbe rein", sagt Johanna Kronthaler. Und: "Je älter, desto besser." Bis sie oder eine ihrer vier Mitarbeiterinnen ein Stück Holz in die Hand nehmen, ist es schon rund 20 Jahre alt.
Nach jedem Arbeitsschritt – vom Holz, das rund gedrechselt wird, zu den gebohrten Tonlöchern über die Aussparungen für die Klappen bis hin zum Anbringen der Mechanik – legen die Holzblasinstrumentenmacherinnen das Werkstück erst mal wieder zur Seite. "Die Klarinetten werden einfach besser, wenn das Holz zur Ruhe kommt", erklärt Johanna Kronthaler. Je länger die Liegezeit, desto weniger rissanfällig sei das Holz.
Ist das Holz gedrechselt, drehen sie in den harten Grenadillzylinder die Gewinde kleiner Metallkugeln. Um dann später die galvanisch versilberte Mechanik aufschrauben zu können, müssen die Kügelchen aufgebohrt und zentriert werden. "Dafür brauchen wir viel Geduld und Präzision", sagt Johanna Kronthaler. Viele Bohrer unterschiedlicher Größe und Durchmesser sind für diese Arbeit nötig – Spezialwerkzeug, das sie und ihre Mitarbeiterinnen sich selbst anfertigen.
Anders als die Berufsbezeichnung vermuten lässt, arbeitet eine Holzblasinstrumentenmacherin hauptsächlich mit Metall. "Wir feilen, schmieden und löten." Das Wichtigste im Herstellungsprozess sei die Mechanik, "die wir von Hand fertigen. Meine Mitarbeiterinnen müssen deshalb sehr exakt arbeiten", betont Johanna Kronthaler. Die Klappen aus Neusilber müssen ein Tonloch nicht nur absolut dicht abschließen, über die Qualität einer Klarinette entscheide auch, wie die Tonlöcher gesetzt seien. "Die Bohrung ist praktisch die Intonationsarbeit. Wie die Klarinette konzipiert ist, bestimmt den Klang und die Ausgeglichenheit", erklärt Johanna Kronthaler.
Die Klarinette soll die Arbeit am Ansatz erleichtern
Den Anspruch an ihre Arbeit hat die 54-Jährige mit dem Kronthaler-Konzept manifestiert, das auf einer Idee ihres damaligen Ehemannes Otto Kronthaler beruht und das er gemeinsam mit ihr handwerklich entwickelt hat: Eine Klarinette aus ihrer Werkstatt soll Musikern die Arbeit am Ansatz erleichtern. Das bedeutet: Ein Instrument ist immer mit "Problemtönen" belastet. Um den Klang zu verändern, muss ein Musiker dies mit Arbeit am Ansatz, also wie er mit seinem Mund den Ton anspricht und formt, ausgleichen. Eine Kronthaler-Klarinette will einem Musiker dieses permanente Regulieren der Töne am Ansatz erleichtern, indem sie "von Haus aus möglichst ausgeglichen und damit möglichst wenig Arbeit notwendig ist". Zudem müsse natürlich die Mechanik sauber und geschmeidig sein.
Um dies zu erreichen, arbeiten Johanna Kronthaler und ihre Mitarbeiterinnen deshalb einmal mehr mit höchster Präzision. Bereits beim Bohren des Holzes könne ein Unterschied von einem halben Zehntel im Durchmesser zu einer anderen Klanglichkeit führen. Und dennoch: Selbst wenn "zwei Klarinetten identisch gebohrt sind, können sie für unsere Ohren komplett anders klingen", weiß die Holzblasinstrumentenmachermeisterin.
Holz ist eben nicht gleich Holz.
Holz arbeitet - darauf müssen Holzblasinstrumentenmacher eingehen
Es gebe Hölzer, die je nach Jahreszeit und Härte mehr "arbeiteten" als andere. Darauf müsse eine Holzblasinstrumentenmacherin eingehen, um zu gewährleisten, dass die Mechanik zuverlässig funktioniere und die Tonlöcher stabil abgedichtet seien. "Wenn die Mechanik Spiel bekommt, sitzen die Polster nicht mehr sauber auf den Tonlöchern, um sie abzudichten." Und das verändere die Intonation. Auch wackelnde Klappen "machen das ganze Instrument instabil", sagt Johanna Kronthaler.
Die geborene Münchnerin spielt Klarinette seit sie neun Jahre alt ist. "Ich fand das Instrument schon immer sehr interessant", erinnert sie sich, "bevor ich Hausaufgaben machte, habe ich erst mal geübt." Damals wollte sie Berufsmusikerin in einem Orchester werden. "Dann hätte ich mein ganzes Leben lang Klarinette spielen können."
Doch es kam anders. Im schwäbischen Burgau machte sie ihre Ausbildung zur Holzblasinstrumentenmacherin. "Dort habe ich gelernt, Klappen zu feilen. Das hat mir Spaß gemacht", erzählt sie. Aber es sei auch eine harte Zeit gewesen, die ihren ganzen Willen, durchhalten zu wollen, gebraucht habe. "Damals habe ich mir geschworen, wenn ich mal ausbilden sollte, können meine Azubis richtig was bei mir lernen." Ein Schwur, den Johanna Kronthaler gehalten hat, wie regelmäßig Bundes- und Landessiege ihrer Auszubildenden beim Leistungswettbewerb des Handwerks beweisen.
Feinschliff nach den Wünschen des Kunden
Eine Kronthaler-Klarinette kann nicht in Auftrag gegeben werden. "Wir bauen laufend und in den Schränken ruhen bereits über Jahre roh vorgefertigte Ober- und Unterteile." Diese werden für die einzelnen Kunden soweit vorbereitet, dass ihnen "nur noch 20 Prozent fehlen". Diese letzten 20 Prozent stellen sie in der Meisterwerkstatt individuell fertig, wenn sich der Kunde vor Ort eine Klarinette ausgesucht hat. "Wir können das Instrument genau auf seine Wünsche abstimmen."
Der Kunde gebe seine Richtung vor: noch ein bisschen weicher oder ein bisschen klarer. "Der Mensch selbst ist ja auch Klangkörper, die Mundhöhle und die Art, wie er bläst, spielen eine Rolle", sagt Johanna Kronthaler, die die Musiker bei der Auswahl auch unterstützt. Im Jahr verlassen so 20 bis 25 Instrumente die Manufaktur. "Von den Kapazitäten her sind wir komplett ausgelastet."
Spielt in der ehemaligen Backstube ein Profimusiker eine Konzertpassage mit seiner neuen Klarinette, ist das der letzte Schritt einer langen Reise. Die eigene Arbeit zu hören, ist ein unbezahlbarer Lohn für das Team um Johanna Kronthaler: "Das ist so toll, wir freuen uns immer total."