Holzdrechslerei J. A. Vierlinger Nürnberger Zauberkasten: Magisches aus der Drechsler-Werkstatt

Drechsler Frank Grottenthaler setzt in seiner Werkstatt eine Tradition fort, die in Nürnberg etwas ganz Besonderes ist, die Herstellung von sogenannten "Zauberapparaten". Die Tricks sind nicht aus Plastik, sondern nachhaltig aus Holz und natürlich auf der Drechselmaschine hergestellt, geschliffen und hübsch bemalt. Die Tucheier finden sogar Abnehmer in Amerika.

Frank Grottenthaler zeigt den Zauberkasten
Frank Grottenthaler, Obermeister der Drechslerinnung Mittelfranken und Schwaben, hat ihn noch: den echten Nürnberger Zauberkasten. - © HWK für Mittelfranken

"Ich habe hier eine Kugel", sagt Frank Grottenthaler mit geheimnisvoll gedehntem Unterton und hält eine rote Holzkugel in seiner rechten Hand hoch. "Dann greife ich in die Luft", spricht er weiter, tut’s flink mit der linken Hand, wirft etwas Unsichtbares und – Hokuspokus – taucht in seiner rechten Hand eine zweite rote Kugel auf. Der Zuschauer staunt, der Meister strahlt über das ganze Gesicht.

Frank Grottenthaler ist eigentlich nicht Zauberer, sondern Drechsler. Und seine Werkstatt im Obergeschoss eines Gostenhofer Hinterhauses ein magischer Ort im wahrsten Sinne. Am Fuß der steilen Metalltreppe, die hinaufführt zu Frank Grottenthalers Reich, steht auf einem alten Metallschild "Holzdrechslerei J. A. Vierlinger – Werkstätte für Zauberapparate". Oben geht’s durch eine alte Holztür in einen 30-Quadratmeter-Raum, vollgestopft mit Holz. Auf schmalen Werkbänken an der Seite gibt es Drechselmaschinen, kleine und große Modelle. Eine Wand voller Holzstäbe und mittendrin ein eiserner Bollerofen, der gemütlich knistert und pufft.

Pumuckls "Spänebett"

Der Obermeister der Drechslerinnung Mittelfranken und Schwaben arbeitet hier allein. Wenn er nicht gerade kleine Zaubertricks vorführt, stellt er die Utensilien dafür her. Eine Holzmarionette leistet ihm Gesellschaft und schaut zu, wie ihr Meister geschickt aus einem Holzrundstab viele kleine Eierhälften herausdreht. Die Späne fliegen und bestimmt hätte sich auch der Pumuckl hier im "Spänebett" sehr wohl gefühlt.

Was Grottenthaler heute drechselt, sind sogenannte "Tucheier". Das sind Requisiten, mit denen Zauberer Tücher in ihrer Hand verschwinden lassen und wieder herzaubern können. Denn Grottenthaler setzt in seiner Werkstatt eine Tradition fort, die in Nürnberg etwas ganz Besonderes ist (und worauf das Schild am Eingang hinweist): die Herstellung von sogenannten "Zauberapparaten". "Apparat ist das etwas altertümliche Wort für Zaubertricks", erklärt der Obermeister.

Frank Grottenthaler drechselt Tucheier
Da fliegen die Späne: Der Meister drechselt Tucheier. - © HWK für Mittelfranken

Kugelbüchsen und Zauberflaschen

Die Requisiten für klassische Tricks wie den "Chicagoer Billard Ball"-Trick, Kugelbüchsen und Zauberflaschen wurden und werden noch, wer hätte es gedacht, in Nürnberg hergestellt. Ganz prominent: der Nürnberger Zauberkasten. Dessen Inhalt sind 13 dieser "Apparate", inklusive Zauberstab. Den Kasten stellte schon im 19. Jahrhundert die Familie von Grottenthalers Lehrherr, Drechslermeister Gustav Vierlinger, her. Frank Grottenthaler führt die Tradition fort, eine Zeitlang gab es sein Produkt sogar bei Manufactum zu kaufen.

Meister Grottenthaler greift gerne in ein Fach des Zauberkastens, führt den ein oder anderen Trick vor und freut sich diebisch über die staunenden Augen seiner Besucher. "Wie kommt die rote Kugel jetzt aus der Kugelbüchse heraus?" Grottenthaler weiß es. Aber verrät nichts, so steht es im Ehren-Codex der Zunft der Zauberer. An seinen Apparaten hätte auch Harry Potter seine Freude. Sie sind eben nicht aus Plastik, sondern nachhaltig aus Holz und natürlich auf der Drechselmaschine hergestellt, verleimt, geschliffen und hübsch lackiert.

Zurück in die Vergangenheit

Ja, früher, da waren die Zeiten für Drechsler besser. Frank Grottenthaler, der selbst aus einer Drechslerfamilie in fünfter Generation stammt, legt ein Holzscheit in den Bollerofen, der die Werkstatt knisternd in wohlige Wärme hüllt, und beginnt zu erzählen. "In dieser kleinen Werkstatt haben unter Vierlinger fünf Drechsler, darunter mein Vater, gearbeitet", blickt er zurück in die Vergangenheit.

Nürnberg war schon immer eine Drechsler-Hochburg. Grottenthalers Lehrherr Gustav Vierlinger beschreibt das in seinen Memoiren. Die meisten von ihnen arbeiteten für die Spielzeug-Industrie, zum Beispiel die Drechslerei Carl Baudenbacher und die Holzdrechslerei Konrad Böhmländer. Diese beiden Betriebe erfanden den Nürnberger Zauberkasten.

Firmenschild der Drechslerwerkstatt
Magie wie aus der Zeit gefallen: das Schild am Eingang zur Drechslerwerkstatt. - © HWK für Mittelfranken

Silberne und goldene Staatsmedaillen

Christof Vierlinger, Großvater des jungen Gustav, sollte sich ebenfalls auf den Zauberkasten spezialisieren und tat das auch. Er und sein Sohn bekamen dafür 1896 bei der bayerischen Landesausstellung im Nürnberger Stadtpark die silberne Staatsmedaille verliehen, 1906 sogar die goldene Staatsmedaille. Das war der Auftakt zum Aufstieg des Betriebs. Ein Stand auf der Leipziger Messe beflügelte den Export nach Amerika. Dazu entstanden viele Händlerkontakte in Deutschland, etwa zu den berühmten "Zauberkönigen" in Berlin, Köln, München. Nach dem Zweiten Weltkrieg, während dem das gesamte Anwesen der Vierlingers in Wöhrd durch die Bombenangriffe zerstört worden war, begann der langsame, aber stetig aufwärts führende Aufbau der Zauberwerkstätte Vierlinger. Und bald gehörten auch Firmen wie der Otto-Versand, Neckermann oder Quelle zu den Abnehmern. Auch in Frankreich hat es Händler gegeben, die den Zauberkasten gerne in ihr Sortiment aufnahmen. "Einmal habe ich eine Lieferung sogar persönlich nach Paris gebracht und beim Händler abgegeben", erinnert sich Frank Grottenthaler.  "Der amerikanische Markt ist uns durch die Euro-Währung weggebrochen. Wir waren zu teuer für die Amis", sagt er. "Aber ich habe immer noch Händler, die einzelne Teile bei mir bestellen, wie eben die Tucheier zum Beispiel."

Im großen Stil verkauft er die Zauberkästen nicht mehr. "Ich arbeite ja allein und könnte die Aufträge nicht bewältigen." Aber die Zauberkästen hat er immer noch auf Lager. Als Geschenk für kleine und große Zauberer. dhz