Gerberei Kolesch: Gerben nach altsämischer Art Die perfekte Hirschlederhose braucht Fischtran und Bachwasser

Ursprünglicher kann man eine Hirschlederhose nicht herstellen. Die Gerberei Kolesch arbeitet als einzige in Deutschland noch als Altsämischgerberei – traditionell und ohne Chemie. Wie das in Zeiten strenger Auflagen und in Konkurrenz zu großen Industriebetrieben gelingt.

Achim Kolesch prüft den Zustand der Hirschhäute während des Gerbens.
Achim Kolesch prüft den Zustand der Hirschhäute während des Gerbens. Mehrmals wird Dorschtran in das Leder eingehämmert, der dann an der Luft trocknet und das Leder gerbt. - © Jana Tashina Wörrle

Eine echte Hirschlederhose muss perfekt sitzen. Sie schmiegt sich an. Das Leder ist weich, leicht dehnbar und nicht mit dem von Schuhen, Taschen oder Gürteln zu vergleichen. Es ist weißgegerbt und glattgeschliffen. Stammt die Lederhose von der Gerberei Kolesch im oberschwäbischen Biberach an der Riss, hat sie keine chemischen Gerbstoffe wie Chrom abbekommen. Sie wurde per Hand bearbeitet und hatte monatelang Zeit, zu dem zu werden, was sie nun ist. Der Hirsch, aus dessen Haut die Hose stammt, kommt vorrangig aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Er lebte wild und wurde von einem Jäger geschossen, der das Tier dann eigenhändig zerlegt hat.

Als Rohfell liegt er bei Achim Kolesch, dem Juniorchef der Gerberei, auf einem Stapel im Salz. Neben den Hirschen türmen sich Felle verschiedenster Tiere und auch viele Schafsfelle von regionalen Schäfereien. Das Salz konserviert sie, bis Achim Kolesch und sein Vater Jürgen, sie be- und verarbeiten können. Zuvor müssen sie oftmals noch Fleischreste entfernen, die Felle säubern und bei den Hirschen die Haare entfernen. Von ihnen brauchen sie nur die glatte Haut. Der Raum, in dem dies geschieht, ähnelt einer Fleischerei. Es riecht süßlich und gleichzeitig spürt man das Salz in der Luft der kühlen Räume.

Hirschlederhose aus Altsämischgerbung: Einmalig in Deutschland

Was dann als eigentliches Gerben – als dauerhaftes Haltbarmachen der Rohhäute – folgt, ist einmalig in Deutschland und sehr wahrscheinlich sogar einmalig bis über Europas Grenzen hinaus. Denn die Koleschs nutzen als einzige Gerberei noch das Verfahren der Altsämischgerbung – das Gerben in seiner ursprünglichen Form, die ohne chemische Beschleuniger auskommt. Zum Einsatz kommt stattdessen Fischtran, der in das Gewebe eingehämmert wird, reines Bachwasser, viel handwerkliche Arbeit und vor allem Zeit. "Bis ein komplettes Hirschleder fertig ist, braucht es bei uns rund ein Jahr – statt nur ein paar Wochen bei den Betrieben, die mit synthetischen Mitteln gerben", erklärt Achim Kolesch.

Zum Gerben geht es von den Kühlräumen einige hundert Meter weiter in ein altes Fachwerkhaus. Mit dem Schritt über die Türschwelle gelangt man hier in eine ganz andere Welt. Hier wird noch gegerbt wie vor hundert Jahren – und das nicht zu Museumszwecken. Das Fachwerkhaus ist das ehemalige Zunftshaus der Gerber in Biberach. Galt die Stadt einst als Hochburg des Gerberhandwerks, ist davon heute nur noch die eine Gerberei übriggeblieben. Traditionellerweise ist sie am Wasser angesiedelt. Die Riss fließt unweit des Fachwerkhauses und seitlich unter einem Teil des Gebäudes fließt eine Abzweigung davon – der Gerberbach. Das Altsämischgerben braucht das Bachwasser, um die Häute vor dem Gerben zu wässern. Außerdem werden sie in Kalkwasser eingelegt. Das öffnet die Poren und macht die Häute weich.

Dann steht das Hammerwalken an. Dicke Holzhämmer klopfen den Fischtran in die Hirschhäute. Jeder von ihnen wiegt rund 2,5 Zentner. Der Tran stammt von Dorschen, denn dieser besitzt besondere Säureverbindungen, die das Leder weich machen. Schwarz glänzen die Balken und rötlich dazu der Tran, der sich im Fachwerkhaus als klebrige Masse überall absetzt. Es riecht fischig, etwas fruchtig, ungewöhnlich. Doch nicht allein der Tran gerbt die Häute, sondern der Prozess. Über mehrere Stunden klopfen die Hämmer das Fett in die Häute. Dann spannen Achim Kolesch und sein Vater die Häute auf und lassen sie an der Luft trocknen. Das geschieht im oberen Stockwerk des Fachwerkhauses auf dem hallenartigen Dachboden des Gebäudes und noch in einigen weiteren Gebäuden des alten Geberviertels in Biberach. Schaut man genauer an diesen empor, erkennt man einige Geschosse ohne Fenster. Hier hängen die Häute der Gerberei, bis sie fertiges Leder sind.

Gerben, Trocknen, Schleifen: Viele Arbeitsschritte bis zur fertigen Hirschlederhose

Das Gerben findet nämlich an der Luft statt, wenn die Häute getrocknet werden und sich der Fischtran mit dem Luftsauerstoff verbindet. Das Tränken und Einklopfen des Trans, das Hammerwalken, und das anschließende Aufspannen und Trocknen wiederholen die Gerber mehrmals. Ganz am Ende wird das dann noch überschüssige Fett mit Soda ausgewaschen. Das erfolgt allerdings in Walkfässern und nicht im Gerberbach.

Dass beim Altsämischgerben nur Tran, Kalk und reines Wasser zum Einsatz kommen, macht für das Unternehmen einen erheblichen Unterschied aus. Denn anders als quasi jede andere Gerberei brauchen die Koleschs keine eigene Kläranlage. "Die Umweltauflagen für Gerbereien wurden in den vergangenen Jahren stark verschärft. Das hat viele davon abgehalten, bestehende Betriebe weiterzuführen und von Neugründungen braucht man gar nicht zu sprechen", berichtet Jürgen Kolesch. Zwar muss er sich derzeit keine Gedanken machen – weder über die Nachfolge noch über Umweltauflagen – dennoch sieht er auch mit Bestürzen, was in seiner Branche geschieht. Die Folge der Betriebsschließungen sei, dass Leder heute hauptsächlich aus dem Ausland komme, aus den Ländern, in denen Umweltauflagen gar kein Thema seien.

Auch an anderen Stellen erkennen die beiden Gerber derzeit Probleme der alten Handwerksberufe. "Der Fassmacher, mit dem wir jahrelang zusammengearbeitet haben, schließt nun auch. Wir haben die letzten Holzfässer gerade von ihm bekommen", sagt Achim Kolesch. In den Holzfässern lagert das Leder. Außerdem dreht Kolesch das Leder in einer großen Holztrommel, damit es weicher wird, wenn es fertig ist für die Weiterverarbeitung – das Schleifen und Färben, das Zuschneiden und Nähen.

Hirschlederhose im Versandgeschäft

Neben mehreren Werkstatträumen voller Lederberge gehören zur Gerberei auch die Näherei und ein kleiner Verkaufsraum. Hier gibt es auch die Hirschlederhosen. "Im Auftrag gerben wir auch Schafsfelle und Felle anderer Tiere, aber unsere eigene Weiterverarbeitung bezieht sich nur auf das Hirschleder", berichtet Achim Kolesch. Und genau für dieses Hirschleder aus traditioneller Gerberei sind die Koleschs auch sehr bekannt. Auch wenn der kleine Laden in der kleinen Stadt eher unscheinbar wirkt, kommen Kunden von überall her.

Aber auch der Versandhandel ist mittlerweile ein Thema. Große Pakete mit fertigen Lederhäuten versenden die Koleschs an Trachtenmacher, Täschner und andere, die es dann weiterverarbeiten. Und auch die eigenen Hirschlederhosen, die Jacken und Westen, die im Familienbetrieb entstehen, werden meist per Paket versendet statt direkt im Laden verkauft. Und noch ein kleines Geschäftsfeld gehört zur Gerberei – und dabei steigt die Nachfrage vor allem seit Beginn der Corona-Pandemie: das Herstellen von Pergamenten aus Tierhäuten, mit denen man Trommeln bespannen kann. "Es scheint gerade ein Trend zu sein, sich selbst eine Trommel zu bauen und dann das Trommeln zum Entspannen zu erlernen", sagt Achim Kolesch. Dafür wollen diejenigen, die dafür Kurse anbieten natürliche Pergamente nutzen.

Obwohl der Weg vom Rohfell zur fertigen Hirschlederhose oder zum Trommelpergament lange dauert und viel Handarbeit und eine Menge an Arbeitsschritten umfasst, arbeiten in der Gerberei Kolesch nur sieben Mitarbeiter: Die beiden Gerber, Marianne Kolesch, die Büro und Näherei organisiert und vier weitere Helfer. Achim Kolesch hat den Betrieb Anfang 2021 übernommen und stellt die neunte Generation der Gerber in der Familie dar. Dabei musste er allerdings eine Tradition brechen, denn er selbst konnte keinen Abschluss als Gerbermeister mehr machen. Eine Meisterschule für Gerber gibt es in Deutschland nicht mehr. Stattdessen hat er einen Abschluss als Chemiemeister und Ledertechniker erzielt. Das Handwerk und die Kunst des Altsämischgerben konnte er allerdings natürlich nur im eigenen Betrieb lernen.

Gerberei in Deutschland

Die Gerberei teilt sich schon seit dem Mittelalter in zwei Arten, die Rotgerber und die Weißgerber. Rotgerber stellen das feste Leder her, aus dem man Schuhe, Sättel oder auch Taschen macht. Es hat eine harte Schicht zuoberst, denn es wird mit pflanzlichen Gerbstoffen gegerbt. Weißgerber stellen dagegen das weiche Leder her, das man zu Bekleidung und Handschuhen verarbeitet. Als Gerbstoffe werden hier Fette – meist Fischtran – eingesetzt.

Da beide Formen der Gerberei reichlich Wasser für den Betrieb bzw. das Spülen der Häute benötigen, sind Gerbereien schon seit je her an Flüssen angesiedelt.

Unterscheiden kann man die Weißgerberei wiederum nach den eingesetzten Gerbverfahren. Am verbreitetsten ist das Gerben mit Chrom oder anderen mineralischen Salzen wie Aluminiumsalz. Die Chromgerbung wird seit etwa dem 19. Jahrhundert eingesetzt. Es hat den Vorteil, dass nur kurze Gerbzeiten abgewartet werden müssen. Ein Nachteil dieses Verfahrens liegt in den Umweltbelastungen, die das übrigbleibende Chrom mit sich bringt. Als weniger belastend gilt daher das Verfahren der neusämischen Gerbung, bei dem statt Chrom Fette eingesetzt werden für den eigentlichen Gerbprozess. Um diesen zu beschleunigen, verwenden die Gerber allerdings auch hier synthetische Mittel. Ganz ohne diese Stoffe kommt die Altsämischgerbung aus. Allerdings dauert der Gerbprozess hierbei mehrere Monate.

Heute gibt es in Deutschland noch rund fünf große Gerbereien mit mehr als 50 Mitarbeitern und in etwa die gleiche Zahl an Gerbereien mit zehn bis 15 Angestellten. Das sind die Zahlen des Verbands der Deutschen Lederindustrie. Die Zahl der kleinen Betriebe der Branche sind nicht erfasst – Schätzungen gehen von etwa 50 Kleinstgerbereien aus. Auch zu den aktiven Ausbildungsbetrieben gibt es keine offiziellen Zahlen. In Deutschland gibt es nur noch eine Berufsschule, an der die Azubis ihren schulischen Ausbildungsteil absolvieren: an der Kerschensteinerschule Reutlingen. 2015 wurde der Ausbildungsberuf offiziell in "Fachkraft für Lederherstellung und Gerbereitechnik" umbenannt. Einen Handwerksmeister kann man derzeit in diesem Beruf nicht mehr erzielen. Stattdessen kann man den Abschluss des Chemiemeisters oder Ledertechnikers anstreben und damit auch einen Betrieb führen.