Konjunktur Zurück in die Krise

Corona hat dem Handwerk nach sechs Wachstumsjahren wieder einen Umsatzrückgang beschert. Zum Jahreswechsel 2020/21 geraten viele Betriebe erneut in Bedrängnis.

Marco Wenz

Viele Bäckereibetriebe haben unter dem Lockdown zu leiden. - © bild-text-ton.de

Ein leistungsfähiges Sozialsystem und staatliche Finanzspritzen hielten die deutsche Wirtschaft über weite Strecken des vergangenen Jahres über Wasser. Nach der zügigen Erholung ab dem Frühsommer geriet der konjunkturelle Aufholprozess jedoch ins Stocken. Das 4. Quartal 2020 war geprägt vom schrittweise verschärften Lockdown. Für Gastwirte, Kulturschaffende und in der Endphase auch für große Teile des Einzelhandels fiel das Weihnachtsgeschäft ins Wasser.

Geschäftslage trübt sich ein

Die massive Beschränkung des öffentlichen Lebens ab November brachte auch das Handwerk aus dem Tritt. Etliche Branchen waren mehr oder weniger direkt von Schließungen betroffen, z.B. Lebensmittelgewerbe mit gastronomischer Anbindung, Messe- und Ladenbauer, Kosmetiker, Textil- und Gebäudereiniger. Kurz vor Weihnachten mussten dann auch Friseure, Juweliere und Autohändler die Läden dichtmachen. In vielen Fällen ist der Umsatzverlust nicht wieder aufzuholen. Vorzieheffekte im Zusammenhang mit der befristet abgesenkten Mehrwertsteuer stellten sich offenbar nicht im gewünschten Ausmaß ein. Zu allem Überfluss kam die Auszahlung der staatlichen Hilfen nur schleppend in Gang; außerdem wurden sie als bürokratisch und wenig zielgenau wahrgenommen.

Der Geschäftslage-Index, den die DHZ aus den verfügbaren Umfragen ermittelt, fiel seit September um zehn Punkte. Nur noch 74 Prozent aller befragten Unternehmer schätzten ihre aktuelle Situation Ende Dezember als gut oder befriedigend ein. Gegenüber dem Jahresende 2019 sackte der Index um 17 Punkte nach unten. Das war die größte Spanne zum Vorjahreswert, die je errechnet wurde - mit Ausnahme des 2. Quartals 2020 (minus 20 Punkte). Das Handwerk ist zurück in der Krise.

Auslastung geht deutlich zurück

Die mittlere Kapazitätsauslastung ging binnen Jahresfrist um fünf Punkte auf 76 Prozent zurück. D eutlich im Minus waren vor allem Kfz- und Lebensmittelhandwerke sowie private Dienstleister. Deren Angaben standen stark unter dem Eindruck der Betriebsschließungen am Ende des Berichtszeitraumes. Mit Blick auf die Umsätze im letzten Quartal beklagten 35 Prozent der Teilnehmer schrumpfende Zahlen, 46 Prozent hielten das Niveau aus dem Sommer, 19 Prozent setzten mehr um. Die Meldungen deuten auf ein vergleichsweise schwaches Umsatzvolumen hin. Im Gesamtjahr 2020 verfehlten die Einnahmen nach DHZ-Schätzungen das Niveau von 2019 um nominal eineinhalb Prozent.

Begrenzter Beschäftigungsabbau

Wie üblich überwog zum Jahresende der Anteil der Berichte über Personalabbau denjenigen von zusätzlichen Einstellungen. Dabei reagierten die Betriebe auf die teils sehr schwache Auslastung erstaunlich gelassen. Vermutlich wurde vermehrt Kurzarbeit in Anspruch genommen. Dennoch dürfte die Zahl der tätigen Personen im Handwerk 2020 um mehr als ein Prozent abgenommen haben.

Auftragseingang ohne Schwung

Die Nachfrage entwickelte sich im Herbst sehr verhalten. Vier von zehn Befragten gaben sinkende Auftragseingänge zu Protokoll, deutlich mehr als im Vorjahreszeitraum (21 Prozent). Die Auftragsbestände schmolzen aber nur langsam ab, da in vielen Betrieben nicht normal gearbeitet wurde. Ende Dezember standen Bestellungen für 1,9 Monate zu Buche.

Branchentendenzen

Baugewerbe: Das Baugewerbe konnte im abgelaufenen Jahr ohne größere Beschränkungen weiterarbeiten. Dementsprechend waren die Betriebe am Jahresende recht zufrieden. Nur sechs Prozent (Bauhauptgewerbe) und neun Prozent (Ausbaugewerbe) hielten ihre Lage für schlecht. Zuletzt kam es in Grenzregionen wieder zu Problemen bei der Beschäftigung ausländischer Einpendler und der Zusammenarbeit mit Subunternehmern aus der EU.

Kraftfahrzeuggewerbe: Die Jahres­bilanz bei den PKW-Neuzulassungen – minus 19 Prozent – kann getrost als desaströs bezeichnet werden. Immerhin zog das Interesse der Deutschen am Autokauf gemäß den Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes in jüngster Zeit wieder an. Die Angaben aus dem Kfz-Handwerk sind dennoch enttäuschend: 42 Prozent der Befragten nahmen im Herbst 2020 weniger ein als im Sommer. Eigentlich hatten viele Experten einen Endspurt bei den Fahrzeugkäufen erwartet. Staatliche Prämien beim Erwerb von Elektro- und Hybridautos sollten den Markt ebenso beflügeln wie die befristete Mehrwertsteuersenkung. Durch die Schließung des stationären Autohandels Mitte Dezember verpuffte jedoch ein Teil dieses Effekts. Zudem blieben Autovermieter und Hersteller bei ihren eigenen Neuzulassungen sehr reserviert.

Handwerk für gewerblichen Bedarf: Noch ohne Schwung ist der Geschäftsverlauf im Handwerk für gewerblichen Bedarf. In vier von zehn Betrieben flaute der Bestell­eingang während der Herbstmonate ab. Vor allem Zulieferer sind in einer schwierigen Verfassung. Sie müssen in neue Technologien investieren, digitale Kompetenzen ausweiten. Was aber positiv stimmt: beim wichtigsten Auftraggeber, der Industrie, haben die Bestellungen nicht nur aus China sondern auch aus Europa zuletzt spürbar zugelegt.

Lebensmittelhandwerk: Für Bäcker, Konditoren und Metzger knickten ab November mit dem Café- und Imbiss-Geschäft wichtige Standbeine weg. Trotz wirksamer Hygienekonzepte traf der Bannstrahl des Lockdowns die Branche. Auch im Catering sowie bei der Belieferung der Gastronomie traten empfindliche Verluste ein.

Handwerk für privaten Bedarf: 69(!) Prozent der Betriebe dieser Gruppe waren mit ihrer aktuellen Lage unzufrieden. Am Jahresende 2019 hatten davon nur 13 Prozent berichtet. Von vorweihnachtlicher Kauflaune war bei den Verbrauchern nicht viel zu spüren. Angesichts hoher Infektionszahlen blieben die Menschen den ­Einkaufszonen in den Stadtzentren fern. Ab Mitte Dezember hatten die meisten Läden dann ohnehin geschlossen.

Gesundheitsberufe: In den Gesundheitshandwerken hat sich die Auslastung im Schlussquartal 2020 wieder verringert. Mit durchschnittlich 69 Prozent blieb der Rückstand zum Vorjahreswert bei minus vier Punkten. Teure Hygienemaßnahmen und die Zurückhaltung der Patienten beim Arztbesuch drückten weiter auf die Stimmung.

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