Deutschland -

Kommentar Gewaltiger Wachstumseinbruch

Die Prognose, dass 2021 einen deutlichen Aufschwung bringen könnte, werden sich nicht erfüllen. Doch wenn die Regierung jetzt in vier Punkten richtig entscheidet, wird das Jahr zumindest nicht im Desaster ändern.

Das Statistische Bundesamt hat Mitte Januar erste – vorläufige - Zahlen über die Entwicklung des deutschen Bruttoinlandsprodukts im Jahre 2020 vorgelegt. Ein reales Minus von 5 Prozent notieren die Experten. Eine hohe Einbuße, aber in der Finanzkrise des Jahres 2009 lag der Rückgang mit 5,7 Prozent noch höher. Schaut man sich die Prognosen der letzten Monate an, so war für das abgelaufene Jahr mehrheitlich noch ein deutlicheres Minus erwartet worden. Sowohl der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung wie auch die Gemeinschaftsdiagnose der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute beispielsweise rechneten mit leicht stärkeren Rückgängen.

Nur der Bau hat positive Bilanz

Soweit die Gesamtbestandsaufnahme. Aber was steckt konkret hinter den Zahlen? Ein für das Handwerk erfreulicher Wert: Die Bauinvestitionen nahmen 2020 weiter zu, und zwar um 1,5 Prozent. Die Handwerke rund um den Bau haben davon sicher profitiert. Schlechter sah es für die Handwerke aus, die vom privaten Verbrauch abhängen; denn die privaten Konsumausgaben gingen um satte sechs Prozent zurück. Schlechte Nachricht auch für die Betriebe, die von Maschinen, Geräten und Fahrzeugen abhängen. Denn hier gingen die Investitionen um 12,5 Prozent zurück. Gut hatten es nur diejenigen, die von Investitionen des Staates profitieren. Hier gab es ein Plus von 3,5 Prozent. Nicht verwunderlich auch, dass bei den Dienstleistungen – mit Ausnahme des Online-Handels – negative Zahlen geschrieben wurden.  Angesichts der weltweiten Pandemie überrascht natürlich nicht, dass Exporte und Importe erheblich schrumpften. Bei diesen Gesamtzahlen wird vor der Jahresbilanz des Handwerks insgesamt ebenfalls ein deutliches Minus stehen.

Arbeitsmarkt am Scheitelpunkt

Bremsspuren gibt es auch am Arbeitsmarkt, wenngleich sie vorerst nicht drastisch ausfallen. Die Zahl der Erwerbstätigen ging um rund 1,1 Prozent gegenüber 2019 zurück. Betroffen davon waren vor allem Selbstständige und geringfügig Beschäftigte. Bei den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten verhinderte die Kurzarbeiterregelung noch einen Einbruch.

Staatsfinanzen – nur noch Defizite?

Wie nicht anders zu erwarten haben Bund, Länder und Gemeinden das Jahr 2020 mit einem erheblichen Minus abgeschlossen, wobei dies aufgrund der Corona-Maßnahmen insbesondere, aber nicht nur, den Bund betrifft. Das Statistische Bundesamt rechnet mit einem Defizit von insgesamt knapp über 158 Milliarden Euro.

Wie sind die Perspektiven?

Eines kann man wohl jetzt schon festhalten: Die Prognosen, dass 2021 einen deutlichen Aufschwung und eventuell schon den verlustfreien Anschluss an die Entwicklung 2019 bringen wird, werden sich nicht erfüllen. Der aktuelle Lockdown, der nach ersten Andeutungen auch über Mitte Februar in weiten Bereichen anhalten könnte, wird das verhindern. Also wird man schon froh sein müssen, das aktuelle Jahr mit einer einigermaßen positiven Bilanz abschließen zu können. Für das Jahr 2021 erwartet die Bundesregierung derzeit eine Zunahme des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts in Höhe von 3,0 Prozent, allerdings unter der Voraussetzung, dass sich die Corona-Lage entspannt. Vor einigen Wochen lagen die Erwartungen insgesamt noch deutlich höher. Zumindest für das erste Quartal sind auch die Geschäftslage-Erwartungen bei über einem Drittel der Handwerksbetriebe – mit deutlichen sektoralen Spreizungen – negativ. Für das gesamte Jahr 2021 sollte es für das Handwerk nicht so schlecht aussehen, wenn – ja wenn - sich die Prognose des Jahreswirtschaftsberichts erfüllt, dass die für das Handwerk so wichtige inländische Nachfrage um 3,1 Prozent zunimmt.

Worauf es ankommt

Priorität 1: Das Virus und seine – leider nun auftretenden Varianten – müssen unbedingt zurückgedrängt werden. Dazu werden Kontakteinschränkungen weiterhin unvermeidlich sein. Äußerst ärgerlich und befremdlich ist, dass die mit den - zugegebenermaßen unerwartet schnell entwickelten – Impfstoffen verbundenen Erwartungen und geschürten Hoffnungen wegen eklatanten Versagens auf europäischer, aber auch nationaler, Ebene bei der Beschaffung sich nicht so rasch erfüllen werden.

Priorität 2: Die Betriebe müssen darauf vertrauen können, dass es endlich langfristige Konzepte gibt, unter denen sie wieder aktiv sein können. Viele haben dazu in den vergangenen Monaten bereits erhebliche Vorleistungen erbracht. Da ist es zu begrüßen, dass erste Bundesländer immerhin schon Pläne vorlegen, nach denen bei Vorliegen bestimmter Inzidenzwerte klare und verbindliche Öffnungsperspektiven eröffnet werden sollen.

Priorität 3: Die Betriebe müssen sich darauf verlassen können, dass der Staat die Ausgleichsleistungen, die er versprochen hat und zu denen er verpflichtet ist, auch einhält. Rechtzeitig – umfänglich - unbürokratisch – zeitnah!

Priorität 4: Die Politik muss vermehrt in den Fokus nehmen, der Wirtschaft die Rahmenbedingungen zu eröffnen, unter denen sie wieder starten und Wachstum sowie Beschäftigung schaffen kann.

Lothar Semper ist Ökonom und Buchautor. Er war bis 2018 Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für München und Oberbayern und stellvertretender Chefredakteur der Deutschen Handwerks Zeitung.

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