Gewalt im Elternhaus hinterlässt bei Jugendlichen fast immer psychische und physische Spuren. Das wirkt sich bis in die Ausbildung aus. Inwieweit Ausbilder hier eine Stütze für Auszubildende sein können, erläutert Ausbildungsberater Peter Braune anhand eines Fallbeispiels.

Gewalt im privaten Umfeld ist besonders schlimm, weil sie häufig im vermeintlichen Schutzraum der eigenen Wohnung stattfindet. In vielen Fällen verschweigen die Opfer die Vorfälle aus Scham, Angst oder Hoffnungslosigkeit.
Häusliche Gewalt beginnt nicht erst mit Schlägen. Auch Bedrohungen, Beschimpfungen, Belästigungen und Kontrolle durch zum Beispiel den Partner oder die Partnerin sind Formen von Gewalt. Sie kann Menschen aller sozialen Schichten und jeden Alters treffen. Das wird an einem Beispiel aus der Praxis deutlich.
Bei einem Maßschneider wurde eine junge Frau ausgebildet. Die Probezeit verlief reibungslos. Dann bemerkte der Chef, wie sich die Auszubildende mehr und mehr zurückzog. Irgendetwas stimmt da nicht, dachte er.
Die Frau des Maßschneiders war für den Einkauf der Stoffe und sonstigen Güter verantwortlich. Da im betrieblichen Ausbildungsplan sowieso das Auswählen und Vorbereiten von Werk- und Hilfsstoffen, die Handelsbezeichnungen sowie die Auswahl der Nähgarne und Zutaten anstand, hatten die beiden eine Idee. Die junge Auszubildende sollte die Chefin bei der nächsten Einkaufstour begleiten. Vielleicht öffnet sie sich hier in einem losen Gespräch unter Frauen, so der Gedanke.
Was können Ausbilderinnen und Ausbilder tun?
Die Hoffnung wurde erfüllt. Die Chefin erfuhr, wie die Mutter der Auszubildenden von ihrem Ehemann behandelt wurde. Einmal wurde die Mutter heftig an den Armen gepackt, geschüttelt und angeschrien. An einem anderen Tag bekam sie eine Ohrfeige. So ging das schon eine ganze Zeit lang. Als der Vater bemerkte, dass seine Taten nicht unbemerkt geblieben waren, schlug er auch die Tochter. Er drohte ihr weiteres Ungemach an, falls sie nicht schweige.
Ein gesundes Vertrauensverhältnis und die Kenntnis der Lebensumstände der Lehrlinge sind die besten Mittel, um eine Gewalterfahrung zu erkennen. Der Meister und seine Frau hatten gefühlsmäßig richtig gehandelt.
Generell gilt, dass die Ausbilderin oder der Ausbilder regelmäßig mit den Lehrlingen auch über nicht-berufliche Themen reden. Dafür müssen Ausbildungsbedingungen so geschaffen werden, in der Lehrlinge im Zweifel auch bei Problemen um Rat fragen können. Die Verantwortlichen sind in solchen Fällen eine Stütze, bleiben aber in ihrer Rolle als Ausbilderin oder Ausbilder. Das Problem der häuslichen Gewalt ist in der Regel nicht von den Betroffenen alleine zu lösen. In solchen Situationen ist professionelle Unterstützung nötig. Es gilt, die Menschen zu motivieren, sich an Hilfseinrichtungen oder Beratungsstellen zu wenden. Die Auswahl ist groß. Es gibt Hilfseinrichtungen wie die Jugendhilfe, Frauenhäuser oder Kirchenorganisationen. Außerdem gibt es psychologische Beratungen. Auch Fachkräfte der Bundesagentur für Arbeit können helfen.
Ihr Ausbildungsberater Peter Braune
Häusliche Gewalt: Hier finden Sie Hilfe
Opfer von häuslicher Gewalt können sich zum Beispiel an die Telefonseelsorge wenden. Sie ist rund um die Uhr unter den Rufnummern 0800 111 0111 oder 0800 111 0222 zu erreichen. Auch beim anonymen und kostenlosen Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" finden betroffene Frauen Unterstützung. Die Beratung ist an 365 Tagen zu jeder Uhrzeit unter 116 016 zu erreichen.
In akuten Gefahrensituationen sollte man sich über den Notruf 110 direkt an die Polizei wenden.
Peter Braune hat Farbenlithograph gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.