Klimapolitik und Bundestagswahl Klimaschutzgesetz: Diese Handwerksunternehmer sind enttäuscht

Mit dem neuen Klimaschutzgesetz legt die Bundesregierung neue Zielmarken fest, um den Ausstoß von Treibhausgasen zu verringern. Kaum ist das Gesetz beschlossen, ist die Kritik daran sehr laut. Das Klimaschutzgesetz sei viel zu wenig konkret und nicht ehrgeizig genug. Die DHZ hat sich bei Handwerksunternehmern umgehört. Betriebe, die sich für den Klimaschutz einsetzen, zeigen sich enttäuscht.

Klimaschutzgesetz: Kritik kommt auch von Handwerksbetrieben.
Klimaschutzgesetz: Kritik kommt auch von Handwerksunternehmern, die sich seit Jahren für den Klimaschutz einsetzen. - © Animaflora PicsStock - stock.adobe.com

Das verschärfte Klimaschutzgesetz ist beschlossen. Statt bis 2050 möchte Deutschland nun schon im Jahr 2045 eine Klimaneutralität erreichen. Kritik an den verkürzten Fristen gibt es viel. Doch nicht nur, weil man sie als zu ambitioniert einschätzt. Vor allem zu wenig konkrete Vorschläge für das Erreichen der Ziele und keinen aufgezeigten Weg dorthin stoßen auf Unverständnis.

Dass Engagement für den Klimaschutz mehr denn je nötig ist, machen seit einigen Jahren auch die Unternehmer öffentlich. Sie setzen sich im Netzwerk der Entrepreneurs for Future ein. Zu ihnen gehören Handwerksunternehmer aus ganz Deutschland der verschiedensten Gewerke. Und so zeigen sich aktuell und im Hinblick auf die künftige Klimaschutzpolitik einige von ihnen sehr enttäuscht. Wir haben mit vier Handwerkern gesprochen, die sich seit Jahren aktiv für den Klimaschutz engagieren. Gemeinsam stellen sie die Forderung in den Mittelpunkt, endlich klare, handhabbare Vorgaben und einen bindenden Gesetzesrahmen zu bekommen – als Betriebe, Privatpersonen und politisch Denkende.

Handwerksunternehmer: "Klimaschutzgesetz wird nichts verändern"

So nennt Michael Mattstedt, Inhaber der Ökologischen Solarreinigung in Alling bei München, das Klimaschutzgesetz "eine müde Farce", die wenig verändern wird. Seiner Meinung nach kann nur eine völlig neu gedachte und völlig andere Form des Wirtschaftens einen echten Wandel bewirken, der sich dann auch beim Klima zeigt. "Ich denke uns bleibt gar nichts anderes übrig. Wir befinden uns vielleicht schon mittendrin in dieser Entwicklung", sagt Mattstedt und wird dann konkret bei der Frage, was ihm in der aktuellen Klimapolitik fehlt.

Michael Mattstedt
Michael Mattstedt betreibt die Ökologische Solarreinigung in Bayern. - © Ökologische Solarreinigung

"Das 1,5 Grad-Ziel ist als Absolutum einzuhalten", fordert er und wünscht sich dafür wirkliche Sofortprogramme. Ein besonders wichtiges Anliegen ist ihm dabei die komplette Dekarbonisierung des Bauens, von den Materialien, den Heizungen bis hin zu einer hohen Energieautarkie der Gebäude. "Konventionelle Kraftwerke müssen bis spätestens 2030 vom Netz sein – ohne konventionelle Hintertürchen beim grünen Wasserstoff", sagt er. Zudem müsse regenerative Energieerzeugung einfach umsetzbar sein.

"Das heißt, der Ausschreibungszwang muss beseitigt und Windkraft deutlich besser erforscht werden. Jede Flächenversiegelung, ob dies ein Parkplatz ist, oder ein Einkaufszentrum darf nur noch mit Installation einer PV-Anlage einhergehen", zählt er seine Vorschläge auf. Dabei stellt er auch das Artensterben in einen Fokus, der oft vergessen werde. "Es genügt nicht Arten unter Schutz zu stellen, gleichzeitig braucht es ausnahmslos auch ein Sofortprogramm für den dazu anhängigen, adäquaten Lebensraum. Nutzen könnte man dafür Solarparks und ökologische Ausgleichsflächen, beides wird in deren Potential noch gar nicht erkannt."

Neue Bundesregierung mit mehr Mut gewünscht

Mit Blick auf eine neue Bundesregierung fordert er vor allem mehr Mut und Klarheit in den Entscheidungen. Das gelte auch für das Bundesverfassungsgericht und die Ethikkommission. "Kein Unternehmen kann sich ein solches Herumlavieren erlauben, wie es die Regierenden abliefern. Und das, obwohl millionenschwere externe Berater involviert sind", sagt Michael Mattstedt. Das sei auch eine Form von Ressourcenverschwendung.

Wie wir mit natürlichen Ressourcen umgehen, ist für den Solarreiniger sowohl in seinem Unternehmen als auch für ihn als Privatperson ein wichtiges Thema. Er schaut deshalb, wie er seinen ökologischen Fußabdruck möglichst klein hält. "Mir ist bewusst, dass alles was ich tue und nicht tue Auswirkungen hat", sagt er. Entrepreneurs for Future sei für ihn deshalb eine Möglichkeit aufzuzeigen, dass umwelt- und klimagerechtes Wirtschaften heute ganz normal und für jeden umsetzbar ist. "Dies halte ich für wichtig, weil in den vergangenen Jahrzehnten ständig argumentiert wurde, dass ein entschiedener Umweltschutz der Wirtschaft zuwiderlaufen würde."

Klimaschutz ist für ihn kein isoliertes Thema. Seitdem die Corona-Pandemie unser aller Leben bestimmt, hat sich dies auch im Gespräch mit seinen Kunden verstärkt. Die Gespräche hätten sich qualitativ verändert und seien oft auch persönlicher geworden. "Wir müssen einfach miteinander sprechen, Ideen austauschen und auch einander Mut und Impulse für Veränderung geben", so Mattstedt.

Klimaschutzgesetz direkt mit Nachholbedarf: Hörgeräteakustiker fordert Planbarkeit

Ralf Deistler
Hörgeräteakustikermeisrer Ralf Deistler. - © Ralf Deistler

Etwas andere Auswirkungen hat Hörgeräteakustiker Ralf Deistler aus dem brandenburgischen  Templin erlebt, wo 2019 eine relativ starke Fridays For Future Bewegung gestartet war. Diese hat er anfangs finanziell und logistisch unterstützt und kam darüber auch zu Entrepreneurs for Future. Als er gemeinsam mit anderen Unternehmern begeistert loslegen wollte, "kam leider Corona", berichtet er. "Da in unserer Region viele Unternehmen vom Tourismus abhängen, gerieten diese natürlich unter enormen Existenzdruck. So hat die Bereitschaft, sich für dieses Thema zu interessieren, schlagartig nachgelassen", sagt er mit viel Verständnis, aber auch der Ansage, dass damit das wichtigste Zukunftsthema an sich "eben nicht mehr auf der Tagesordnung ganz oben ist."

Ralf Deistler selbst ist in seinem Gewerk vergleichsweise wenig betroffen durch die mehreren Lockdowns, aber dennoch habe die Klimaschutzbewegung aus seiner Sicht einen Dämpfer erhalten. Noch schwieriger empfindet aber auch er, dass das neue Klimaschutzgesetz so wenig Lösungen parat habe, sondern nur Ankündigungen und Absichtserklärungen. "Klimaschutz muss das Thema zur Bundestagswahl werden", fordert der Hörgeräteakustikermeister.

"Gerade jetzt wäre es wichtig, dass die Politik klare Vorgaben und einen nachvollziehbaren Plott für die Zukunft macht. Nur so können sich die Industrie und die Klein- und Mittelständischen Unternehmen mit ihren Investitionen und Geschäftsmodellen auf die Zukunft einstellen", sagt er. Jetzt sei der Zeitpunkt, endlich zu handeln und das nachzuholen, was aus seiner Sicht in den letzten zwanzig Jahren versäumt wurde. "Wir können uns unsere derzeitige Art des Wirtschaftens auf Basis der Verbrennung von fossilen Brennstoffen nicht mehr leisten", formuliert es auch der brandenburgische Handwerker.

Handwerksunternehmer: "Klimaschutzgesetz fehlt der ernste Will zur Veränderung"

Schreinermeister Dirk Schmidt
Schreinermeister Dirk Schmidt. - © Dirk Schmidt

Schreinermeister Dirk Schmidt aus Düsseldorf spricht dabei von Verantwortung, die jeder einzelne für das Klima habe. Dabei fing sein eigenes Engagement für die Umwelt sehr früh an – bereits in seiner Kindheit als Pfadfinder. Dabei lernte er Werte, die er auch als Erwachsener und als Unternehmer lebt. "Ich behandle meine Mitarbeiter so, wie ich selbst behandelt werden möchte. Ich schütze die Umwelt und deshalb arbeitet er möglichst ressourcenschonend", beschreibt er. So hat er in seinem Schreineralltag beispielweise auch zwei Lastenräder im Einsatz.

Außerdem lehnt er Aufträge ab, die er mit meinem Umweltgewissen nicht vereinbaren kann. So verfährt er schon seit seiner Firmengründung im Jahr 1993. Mag dies heute, bei einer stabilen Auftragslage kein Problem darstellen, so war dies einst anders. "In den 90ern gab es Zeiten, da war das Geld knapp und ein Verzicht auf Aufträge tat richtig weh", berichtet er.

Politiker sollen selbst gesteckten Ziele einhalten

Politisches Engagement ist dem Schreinermeister wichtig. So hat er vor zwei Jahren auch seinen Mitarbeitern erlaubt, zu den Demos von Fridays for Future zu gehen. "Als die ersten Demos anfingen, habe ich mich sehr gefreut, dass es wieder eine politische Jugend gibt, die sich engagiert. Dabei muss man aber sehen, dass die Teilnehmer eigentlich nur fordern, dass die Politik sich an die selbst gesetzten Ziele hält", sagt er. Mit seinem Team hatte er für die Demos einen Deal vereinbart: Die halbe Zeit dafür hat er ihnen geschenkt. Die andere Hälfte wird mit Überstundenabbau "bezahlt". Für ihn selbst war es dann nur ein logischer Schritt, auch bei den Entrepreneurs for Future mitzumachen. "Ich möchte mir jedenfalls im Alter, ich bin ja erst 55, nicht vorwerfen lassen, ich hätte ja nix gemacht."

Elektromeister Otis Herz
Elektromeister Otis Herz. - © Otis Herz

Sein Einsatz für den Klimaschutz hat sich auch währen der Pandemie nicht verändert. Von der Bundesregierung erwartet er jedoch, dass diese das Thema endlich ernster nimmt und Verantwortung zeigt. "Die Politik, besonders die Noch-Regierungsparteien, winden sich derzeit aus der Verantwortung und stellen wirtschaftliche Interessen vor Umwelt- und Klimaschutz", kritisiert er. Doch das sei seiner Meinung nach gefährlich. "Für folgende Generationen wird es vermutlich um ein Vielfaches teurer, als wenn wir jetzt endlich handeln." So fehlt Dirk Schmidt im Klimaschutzgesetz der ernsthafte Wille, das Pariser Klimaschutzabkommen einzuhalten. Von der neuen Bundesregierung wünscht er sich Mut, auch unangenehme Dinge anzufassen.

Elektromeister sieht Klimaschutzgesetz nur als ersten Schritt

Otis Herz sieht die Umsetzung des Klimaschutzgesetzes dagegen als Mammutaufgabe an, die die Politik nicht allein bewältigen kann. So könne das Gesetz auch nur ein erster Schritt, ein Impuls, sein. "Die Verantwortung liegt aber nicht in einem Gesetz, sondern beginnt bei jedem einzelnen in seinem Wirkungsbereich", sagt der Elektromeister aus Berlin. "Ich sehe mich auch als Unternehmer in der Verantwortung den Klimaschutz nicht aus den Augen zu verlieren", erklärt er die Gründe wie er zum Netzwerk der Entrepreneurs for Future kam.

Als die Fridays for Future-Bewegung aufkam, hat er sich ertappt gefühlt, dass dabei Gedanken und Erkenntnisse geäußert werden, die eigentlich jeder schon in der Schule gelernt hat. Die Themen seien nicht neu, sondern oft nur in Vergessenheit geraten. In seinem eigenen unternehmerischen Umfeld hat Otis Herz gemerkt, dass die Pandemie viele dazu gebracht hat, Klima- und Umweltschutzthemen nicht vordergründig zu verfolgen. Er ist froh, dass sich das wieder ändert. Die Klimaschutzbewegung sei nicht müde geworden, die Bedeutung des Themas immer wieder zu betonen.