Der Fachkräftemangel spitzt sich mit dem Abklingen der Corona-Pandemie zu. Das Handwerk schlägt Alarm. Viele ambitionierte Vorhaben der Ampelkoalition sind gefährdet, wenn die Betriebe keine Hilfe bekommen.

Mit dem Abklingen der Corona-Pandemie wird die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften weiter steigen. Das gilt insbesondere für viele Handwerksbereiche. "Viele Vorhaben der neuen Bundesregierung besonders im Klima- und Umweltschutz und im Wohnungsbau sind mit dem aktuellen Stamm an Beschäftigten im Handwerk nicht zu schaffen", sagt der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Hans Peter Wollseifer.
Schon jetzt fehlten im Handwerk nach eigenen Schätzungen rund 250.000 Fachkräfte - Tendenz steigend. Das Handwerk brauche mehr beruflich qualifizierte Fachkräfte. "Wir müssen an allen erdenklichen Stellschrauben drehen", fügte er hinzu und meint damit nicht nur das Handwerk selbst, sondern auch die Politik.
Bau für mehr Fachkräfte aus dem Ausland
So sieht es auch der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB). "Wir brauchen mehr Ausbildung, mehr Beschäftigungspotenzial aus dem Inland, mehr Beschäftigung aus EU-Mitgliedstaaten und auch aus Drittstaaten", sagt Heribert Jöris, Geschäftsführer Sozial- und Tarifpolitik beim ZDB.
Bisher wachse die Branche im Jahr um knapp 20.000 Beschäftigte. Aber es blieben viele Stellen offen. "Selbst ohne die neuen Programme aus dem Koalitionsvertrag könnten wir doppelt so viele Mitarbeiter einstellen“, erklärt er. Auch 2021 habe die Branche die Zahl der neuen Auszubildenden weiter um 2,2 Prozent auf rund 15.000 erhöht. Doch das reiche nicht.
Nötig sei darüber hinaus eine unbefristete Verlängerung der Westbalkanlösung mit einer Erweiterung auf andere Länder. Zudem müsse man das Kontingent mindestens verdoppeln, also auf rund 50.000 Beschäftigte. Auch sollte das Fachkräfteeinwanderungsgesetz so geändert werden, dass berufserfahrene Bauarbeiter ohne formale Qualifikation in Deutschland arbeiten könnten.
Tausende offene Stellen im Elektrohandwerk
Politischen Handlungsbedarf sieht auch ZVEH-Hauptgeschäftsführer Ingolf Jacobi. "Die Elektrohandwerke haben, was ein Wachstum aus eigener Kraft angeht, das Ende der Fahnenstange erreicht." Über Jahre habe man ein kontinuierliches organisches Wachstum verzeichnet, um den Fachkräftebedarf zu decken. In dieser Zeit habe man die Zahl der Auszubildenden kontinuierlich gesteigert, auch Studienabbrecher integriert. Doch jetzt bedürfe es der Unterstützung der Politik. Den aktuellen Bedarf an Fachkräften schätzt der Verband auf rund 81.000 Beschäftigte. Und diese Zahl berücksichtige noch nicht die zusätzlichen Aufgaben, die durch Energiewende und Digitalisierung auf die Branche zukommen. Tatsächlich sei der Bedarf um ein Vielfaches höher.
Im Sanitärhandwerk fehlen vor allem Monteure
Einen eklatanten Fachkräftemangel gibt es auch im Sanitär- und Heizungsbauerhandwerk. Dies gelte insbesondere mit Blick das Ziel der Bundesregierung, bis 2030 rund sechs Millionen Wärmepumpen in Deutschland zu installieren. "In diesem knappen Zeitfenster fehlen unseren Betrieben allein dafür pro Jahr 60.000 Monteure", sagt Michael Hilpert, Präsident des Zentralverbands Sanitär Heizung Klima (ZVSHK).
Zuletzt hätte der Verband rund 68.000 offen Stellen gezählt. Dabei bildet die Branche viel aus. Zuletzt stieg die Zahl aller Auszubildenden von 35.000 auf 38.800. Gleichwohl sind der Branche nach eigenen Angaben durch den Fachkräftemangel 2021 rund neun Milliarden Euro an zusätzlicher Umsatzleistung entgangen. "Es reicht nicht aus, wenn die Politik ehrgeizige Ziele benennt", betont Hilpert. "Sie muss auch mit dafür sorgen, dass es genügend qualifizierte Leute gibt, die diese Zielvorgaben umsetzen." Der Verband habe hierzu verschiedene Vorschläge entwickelt, mit denen sie in Kürze auf die Politik zugehen werde.