Geringfügige Beschäftigung Gewerkschaft rechnet mit Minijobs ab

Viele Betriebe und Arbeitnehmer schwören auf geringfügige Beschäftigung und freuen sich, dass die Verdienstgrenze auf 520 Euro steigt. Die Gewerkschaften halten Minijobs dagegen für einen Kardinalfehler.

Mitarbeiterin in einer Bäckerei. Viele Bäckereien federn Spitzenzeiten mit Hilfe geringfügig beschäftigter Mitarbeiter ab. - © www.bild-text-ton.de

Die Verdienst-Obergrenze für Minijobs soll am 1. Oktober von 450 auf 520 Euro im Monat steigen. Dies soll zeitgleich mit der Erhöhung des Mindestlohns geschehen. Im Handwerk wird die Neuregelung zwiespältig bewertet. Während Arbeitgeber die Anhebung befürworten, sind die Gewerkschaften skeptisch.

Mit der Reduzierung von coronabedingten Einschränkungen steigt die Zahl der Minijobber auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland wieder an. Zum 31. Dezember 2021 waren bei der Minijob-Zentrale 6.255.319 Minijobber im gewerblichen Bereich gemeldet. Im Vergleich zum Vorjahr sind es 433.312 Minijobber mehr, also ist der Wert um 7,4 Prozent gestiegen. Dies geht aus dem Quartalsbericht der Minijob-Zentrale hervor. "Wir verzeichnen im Vergleich zum Vorjahr insbesondere im Gastgewerbe eine deutliche Zunahme von Minijobbern, aber auch im Bereich Kunst, Unterhaltung und Erholung“, sagt Rainer Wilhelm, der bei der Knappschaft-Bahn-See zuständige Geschäftsführer für die Minijob-Zentrale. "Gerade in diesen Wirtschaftszweigen sind Minijobs momentan sehr wichtig, um wieder Beschäftigung aufzubauen", so Wilhelm.

DGB fürchtet Anstieg prekärer Beschäftigung

DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell hält die Erhöhung der Minijob-Verdienstgrenze für einen Kardinalfehler. Er fürchtet einen weiteren Anstieg prekärer Beschäftigung. "Das bedeutet für noch mehr Menschen null soziale Sicherheit", sagt Körzell, der beim DGB für den Wirtschaftssektor Handwerk zuständig ist. In der Pandemie hätten Hunderttausende ihren Minijob verloren und danach keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld gehabt. Das sei kein Rezept für die Zukunft. Dass die Koalition den sprunghaften Anstieg der Sozialversicherungsbeiträge bei wachsenden Einkommen abmildern wolle, hält er für nicht ausreichend. Die Arbeitgeber würden zwar stärker in die Pflicht genommen, doch Minijobs blieben für kleinere und mittlere Betriebe attraktiv. Der Fachkräftemangel werde sich ebenfalls weiter verschärfen, prophezeit Körzell. Schon jetzt seien rund 20 Prozent der geringfügig Beschäftigten für ihre Tätigkeit überqualifiziert. Weiteren werde die Chance auf eine bessere, existenzsichernde Arbeit vorenthalten. "Dieses brachliegende Potenzial können wir uns nicht weiter leisten", so Körzell.

Auch Peter Kudielka, Vizepräsident der Arbeitnehmerseite bei der Handwerkskammer Region Stuttgart, fürchtet, dass mit der Beibehaltung der Minijobs langfristig Probleme auf die Gesellschaft zukommen. Zwar erkennt auch er die Vorteile, die diese Beschäftigungsform für die Arbeitgeber und die Minijobber unmittelbar hat. Kurzfristig sparten beide damit Geld. Auf lange Sicht würden Minijobs die Gemeinschaft jedoch viel Geld kosten. Denn das Problem der fehlenden Sozialversicherungsbeiträge sei nicht gelöst. Wenn die Beschäftigten, vielfach Frauen, keine Rentenansprüche erwerben, müssten sie im Alter womöglich von Grundsicherung leben und belasten so Steuerzahler und Sozialkassen. Kudielka plädiert für eine Reform. Es müssten tragfähige Lösungen entwickelt werden, am besten zwischen den Tarifparteien im Handwerk. Denn seiner Ansicht nach sollten tarifliche fragen wieder vermehrt auf dieser Ebene gelöst werden, statt auf den Gesetzgeber zu warten.

Handwerksverband sieht "Win-Win-Situation"

"Im Grundsatz ist es positiv, dass die Minijob-Grenze angehoben wird und diese künftig anhand der Entwicklung des gesetzlichen Mindestlohns dynamisiert werden soll", sagt dagegen Karl-Sebastian Schulte, Geschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks und Geschäftsführer des Unternehmerverbandes des Deutschen Handwerks. "Indem Minijobber einen reibungslosen Geschäftsbetrieb ermöglichen, tragen sie dazu bei, dass der Betrieb erfolgreich ist und sichern somit auch die sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze", so Schulte. "Eine Win-Win-Situation also für alle." Bedauerlich sei aber, dass damit eine deutliche Reduzierung der möglichen Arbeitsstunden einhergehe. Während Minijobber bei Einführung des gesetzlichen Mindestlohns im Jahr 2015 noch 53 Stunden pro Woche arbeiten konnten, soll diese Obergrenze nun dauerhaft bei maximal 43 Stunden festgeschrieben werden. Schulte sagt: "Das erschwert den Personaleinsatz und erfordert mehr Personalaufwand." Schulte fordert Nachbesserungen.

Der positiven Bewertung schließt sich der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks an – "auch und gerade vor dem Hintergrund steigender Tariflöhne und der Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns". In Handwerksbäckereien sind viele Mitarbeiter im Verkauf auf Basis eines Minijobs beschäftigt. In vielen Fällen ließen sich Minijobs nicht in voll sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse mit höherem Stundenumfang umwandeln, weil die zu erledigenden Arbeiten nur ein geringes zeitliches Volumen erforderten - etwa im stundenweisen Verkauf an Sonntagen in Bäckereien. "Auf Seiten der Beschäftigten besteht häufig nicht der Wunsch, mehr als nur geringfügig zu arbeiten", stellt der Verband fest.

Minijobber schätzen Nebenverdienst ohne Abzüge

Eine von ihnen ist Claudia F. (Name von der Redaktion geändert). Sie arbeitet bei einer handwerklichen Bäckerei im Allgäu. Claudia F. ist sich der Gefahr der Altersarmut durchaus bewusst. "Eigentlich ist es nicht empfehlenswert", sagt die 63-jährige gelernte Bankkauffrau. Über langjährige sozialversicherungspflichtige Beschäftigung und eine Rentenaufstockung fühlt sie sich jedoch abgesichert. Trotzdem möchte die Rentnerin weiterhin ihren Minijob nicht aufgeben. Ihr mache die Arbeit Freude. Dass man das Geld ohne Abzüge bekomme, locke Minijobber nun einmal an. Doch für die Rente sei diese Regelung schlecht. Die Verdienstgrenze solle deswegen erst recht nicht erhöht werden.

Für ihre Kollegin Kerstin G. (Name von der Redaktion geändert) ist die Arbeit als Verkäuferin in der Bäckerei ein schöner Ausgleich zum Alltag. Samstags vormittags, wenn ihr Mann auf die Kinder aufpassen kann, steht die gelernte Bäckereifachverkäuferin im Laden und verkauft Brezel und Brötchen. Doch nicht nur die Abwechslung motiviert sie, um 6 Uhr morgens hinter der Theke zu stehen. Die 40-Jährige möchte im Job bleiben und irgendwann wieder voll einsteigen. Doch im Moment möchte sie für die beiden Kinder da sein. Es wäre zwar schön, wenn es eine andere Lösung gäbe, aber momentan sei der Minijob die beste Möglichkeit und ein netter Nebenverdienst.