Klimaschutzplan 2050 verschoben Kampagne gestartet: Mehr Gas für die Energiewende

Heizung, Verkehr, Energiespeicher: Die deutsche Gasbranche fühlt sich von der Bundesregierung übergangen. Der Klimaschutzplan 2050 wurde zwar nun doch nicht beschlossen, doch schon der Entwurf sorgt für Kritik. Öffentlichkeitswirksam kämpft die Branche dafür, dass mehr Gastechnik eingesetzt wird.

Jana Tashina Wörrle

Eistruck vor dem Kanzleramt: Die Gaswirtschaft hat eine Kampagne gestartet, die darauf aufmerksam machen soll, dass die Energiewende scheitern wird, wenn die Politik Gastechniken nicht so fördert wie andere Technologien auch. - © Zukunft Erdgas

Die Regierungsparteien haben sich schwer getan, konkrete Klimaziele zu finden. Eine Einigung auf Maßnahmen, die für mehr CO2-Einsparung nötig sind, steht immer noch aus. Am Mittwoch sollte das Bundeskabinett nun den Klimaschutzplan 2050 beschließen, den Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) in letzter Minute fertiggestellt hat, bevor sie in der kommenden Woche zur Weltklimakonferenz nach Marrakesch fährt. Doch daraus wurde nichts.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) blockiert einen Beschluss – und das obwohl er bereits durchgesetzt hatte, dass der Entwurf für den Klimaschutzplan kein konkretes Datum für das Ende der Stromgewinnung aus Braunkohle enthält. Gabriel befürchtet ansonsten negative Folgen für die Wirtschaft.

Die Pläne, die der Entwurf des Klimaschutzplans vorgibt, machen auch der Gaswirtschaft für große Sorgen. So große, dass sie eine Kampagne gestartet hat, um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass Gas als Energieträger nicht zu stark in den Hintergrund gedrängt werden sollte. Denn genau dorthin könnten sowohl Gasheizungen als auch Gas-betriebene Fahrzeuge und andere Gas-Technologien geraten, wenn die Bundesregierung anderen Energien zu stark Vorrang gibt, befürchtet die Gasbranche – allen voran die Initiative Zukunft Erdgas, die Anfang November zur Pressekonferenz in Berlin geladen hatte und dort über die aktuellen Kritikpunkte informierte.

Seit 2010 keine CO2-Reduktion mehr

Bis 2050 hat sich die Bundesregierung im Klimaschutzplan 2050 eine CO2-Reduktion von 85 bis 90 Prozent gegenüber 1990 vorgenommen; bis 2030 sollen es bereits 40 Prozent sein. Doch schon seit 2010 haben sich die Werte nicht verbessert. Und so sind die Ziele hoch gesteckt.

Pressekonferenz der Gaswirtschaft: Michael Oppermann, Timm Kehler von "Zukunft Erdgas", Gerhard Holtmeier von der Thüga Aktiengesellschaft und Oliver Sartorius von TNS Infratest standen den Medienvertretern Rede und Antwort und warben für mehr Einsatz von Gastechnik. - © Jana Tashina Wörrle

" Die Bundesregierung setzt zu stark auf Elektrifizierung sowohl was die Wärmeerzeugung als auch was die Mobilität betrifft", sagt Timm Kehler von Zukunft Erdgas. Zudem gäbe es noch immer keinen klaren Plan für den Ausstieg aus der Energieerzeugung aus Kohle – ein erheblicher Faktor in Sachen CO2-Ausstoß. Anders bei den Gas-Kraftwerken, die bis zu 70 Prozent weniger Emissionen ausstoßen würden.

Zahlen zur deutschen Gaswirtschaft

Anfallende CO2-Emissionen bei der Erzeugung einer Kilowattstunde Strom im Kraftwerk:

  • Erdgas: 0,572 (CO2-Emissionen in kg)
  • Steinkohle: 1,142
  • Braunkohle: 1,183

Anteil der Energieträger an der Bruttostromerzeugung 2015 in Prozent (2012)

  • Braunkohle: 24,0 (25,5)
  • Steinkohle: 18,3 (18,5)
  • Kernenergie: 14,2 (15,8)
  • Windkraft: 12,3 (8,0)
  • Erdgas: 9,4 (12,1)
  • Biomasse: 6,9 (6,3)
  • Photovoltaik: 6,0 (4,2)
  • Wasserkraft: 2,9 (3,5)
  • Mineralölprodukte: 0,9 (1,2)
  • Hausmüll: 0,9 (0,8)
  • Sonstige: 4,2 (4,1)

Klimavorteile (CO2-.Einsparungen) von Erdgas als Kraftstoff in Prozent

  • Erdgas gegenüber Benzin: 18
  • Erdgas mit 20 Prozent Bio-Erdgas gegenüber Benzin: 35
  • 100 Prozent Bio-Erdgas: 100

Quellen: ifeu.de, bmwi.de, dena.de

Nach Ansicht der Gaswirtschaft bleiben derzeit sowohl Förderungen auf der Strecke, die mehr Schub in den Einbau von effizienten Gasheizungen bringen könnten – man denke an die steuerliche Absetzbarkeit von energetischen Gebäudesanierungen, zu der auch der Einbau neuer Heizungen gehört, oder an eine Abwrackprämie von alten Heizungen, die mehrmals diskutiert wurde – als auch Förderungen für Erdgas-Fahrzeuge, denn bei ihnen stockt der Absatz.

Schmelzender Reichstag als Symbol für den Klimawandel

Für den Klimaschutzplan wünscht sich die Branche mehr Technologieneutralität und Innovationsoffenheit. In Bezug auf die Energiewende sieht die Gasbranche großes Potenzial im bereits vorhandenen Gasnetz, das als Speicher und zum Verteilen von Ökostrom genutzt werden könne. Ein wichtiges Stichwort ist hier die Power-to-Gas-Technologie, die aus Ökostrom Gas erzeugt. So könne das Gasnetz zur "Batterie der Energiewende" werden.

Noch bis Ende des Jahres geht die Gasbranche mit ihren Forderungen gezielt in die Öffentlichkeit, um so Einfluss auf den Klimaschutzplan 2050 zu nehmen und darin mehr Berücksichtigung zu finden. Zum Auftakt der Kampagne hatten die beteiligten Verbände einen Lkw mit Anhänger organisiert – selbstverständlich Gas-betrieben – der ein Modell des Reichstags aus Eis durch die Hauptstadt fuhr. Auf dem Fahrzeug mit dem langsam schmelzenden Nachbau zu lesen war "Der Klimawandel wartet nicht".

Energiewende: Das denken die Deutschen

TNS Infratest hat im Auftrag von Zukunft Erdgas 1.000 Bürger im Alter ab 18 Jahren befragt und ein Stimmungsbild dazu eingefangen, wie die deutschen Verbraucher zur aktuellen Energiepolitik und zu den Maßnahmen der Bundesregierung im Rahmen der Energiewende stehen. Befragt wurden 1.000 Bürger im Alter ab 18 Jahren. Zur Förderung der Energiewende sollte der Staat die Bürger demnach besser über umweltfreundliche Heizungsanlagen informieren und auch die Fördermittel für die Modernisierung alter Heizungen erhöhen.

  • Jeweils eine klare Mehrheit der Befragten (91 und 82 Prozent) stimmte diesen Vorschlägen genauso zu, wie dem mehrfach gescheiterten Steuerbonus für energetische Gebäudesanierungen, der nach Aussage der Mehrheit (88 Prozent) der Studienteilnehmer eingeführt werden sollte.
  • Zögerlicher waren die Zustimmungen dagegen bei Vorschlägen, die darauf abzielen, alte Heizungen zu verbieten (44 Prozent) oder schärfere gesetzliche Bestimmungen für Heizungen und Dämmungen durchzusetzen (50 Prozent).
  • Zustimmung erntete auch die Aussage, dass der Staat dort investieren solle, wo je Euro das meiste CO2 eingespart werde und dass der Kohleausstieg möglichst schnell erfolgen soll. Die Bürger wollen zudem mehrheitlich, dass die bestehende Infrastruktur für die Energiewende genutzt wird.
Als Fazit nannte Oliver Sartorius von TNS Infratest bei der Pressekonferenz in Berlin, dass die deutschen Verbraucher möglichst viel Energieeinsparung zu möglichst geringen Kosten und mit möglichst wenigen staatlichen Eingriffen in Form von Verboten oder gesetzlichen Vorschriften wolle.
Der Beitrag wurde am 9. November 2016 aktualisiert.