Politikverdrossen und desinteressiert, in der virtuellen Welt gefangen und radikalisiert? Das Bild der Jugend ist oft schlecht. Zu Unrecht, sagen Wissenschaftler und Berufsschullehrer im Gespräch mit der Deutschen Handwerks Zeitung. Wie sich Azubis aus dem Handwerk im Bundestagswahljahr politisch informieren und was sie brauchen, um mündige Bürger zu werden.
Barbara Oberst

Bundesjustizminister Heiko Maas bläst zum Kampf gegen illegale Inhalte auf Facebook, Youtube und Co. Mit dem umstrittenen "Netzwerkdurchsetzungsgesetz“ will er erreichen, dass Betreiber Hasspropaganda und Fake News auf ihren Seiten löschen. Möglichst noch vor dem Sommer und der Bundestagswahl soll das Gesetz in Kraft treten.
Fake News und aggressive Debatten im Netz
Hintergrund ist die zunehmend aggressive Debattenkultur im Netz. Radikale, oft auf falschen Informationen beruhende Meinungen verbreiten sich dort rasend schnell. Spätestens seit dem US-amerikanischen Wahlkampf ist klar, dass sich soziale Netzwerke auf Wahlergebnisse auswirken können. Vor allem die junge Generation sei in einer Filterblase gefangen, fürchten nicht nur Politiker.
Doch lassen sich Jugendliche tatsächlich so stark durch soziale Medien beeinflussen? Lisa Merten forscht zu genau dieser Frage am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg. Sie hält die Angst vor Filterblasen und Fake News für übertrieben: "Die Jugend ist nicht unkritisch. Sie nutzt weit mehr Quellen als nur soziale Medien.“
Freunde, Familie und Kollegen wichtigste Informanten
Wichtigste Informanten für Jugendliche seien immer noch Freunde, Familie oder Kollegen. Dem folgten traditionelle Medien wie Radio und Fernsehen, aber nur wenig Tageszeitungen. Erst an dritter Stelle stünden soziale Medien. "Es ist nicht immer so, dass sich Jugendliche von Tageszeitungen abwenden und Facebook zu. Auch eine andere Entwicklung gibt es: Wer überhaupt kein Interesse an Tageszeitungen hat, bekommt über Facebook wenigstens noch ein bisschen mit“, betont Merten.
Filterblase, Echoraum und Co.
- Algorithmus: Suchmaschinen und soziale Netzwerke verwenden Algorithmen, also ein Bearbeitungsschema, das anhand der bisher vorhandenen Erkenntnisse über einen Nutzers eine Auswahl trifft, welche Eregebnisse künftig angezeigt werden sollen.
- Echoraum/Echokammer: Echokammern bezeichnen einen abgeschlossenen Raum, in dem sich Geräusche über das Echo immer mehr verstärken. Der Begriff wird analog für das Phänomen auf Facebook, Twitter & Co. verwendet, wo eine Äußerung immer mehr Äußerungen der gleichen Richtung provoziert, so dass der falsche Eindruck entsteht, alle Welt sei dieser Meinung.
- Fake News: In Internet und Sozialen Medien kursieren zahlreiche falsche Informationen. Ohne deren Wahrheitsgehalt zu kontrollieren verbreiten Nutzer die Inhalte weiter, was ihnen immer mehr Gewicht gibt.
- Filterblase: Wer nur noch personalisierte Inhalte erhält, läuft nach Ansicht von Kritikern Gefahr, in einer Art Blase gefangen zu werden. Er bekommt immer mehr Nachrichten derselben Art, neue Informationen dringen nicht mehr zu ihm durch.
- Intermediäre: Der Überbegriff für Suchmaschinen (z.B. google), Netzwerk- und Multimediaplattformen (z.B. Facebook) sowie Instant-Messaging-Dienste (z.B. WhatsApp). Sie erschließen Inhalte aus unterschiedlichen Quellen, filtern sie und bieten damit auf ihre Nutzer maßgeschneiderte Informationsangebote.
- Hate Speach/Hasspropaganda: Internet und Soziale Medien werden oft genutzt, um gezielt Personen oder Gruppen durch hasserfüllte Äußerungen herabzuwürdigen.
- Personalisierung: Webseiten versuchen, anhand der bisherigen Klicks eines Nutzers dessen Interessen zu erkennen und ihm mit Hilfe des Algorithmus` genau die passenden Informationen zu liefern.
Allerdings mangele es an der richtigen Einordnung: Propaganda-Kanäle auf Youtube stünden für die von ihr Befragten oft auf derselben Stufe wie Qualitätsmedien, was deren Glaubwürdigkeit angeht. Je jünger, desto weniger könnten Jugendliche Quellen einordnen. "Wichtiger, als Fake News auf Facebook zu verbieten wäre es, den Jugendlichen Medienkompetenz zu vermitteln, sie zu lehren, was gute Quellen ausmacht, was guten Journalismus und welchen Quellen man Glauben schenken kann“, schlussfolgert die Wissenschaftlerin.
Medienkompetenz hebelt Fake News aus
Tatsächlich ist genau das ein Thema an Berufsschulen. Im Schnitt haben Sozial- und Gemeinschaftskundelehrer eine Schulstunde pro Woche Zeit, um ihren Schülern gesellschaftliche und politische Inhalte zu vermitteln, entsprechend dem Lehrplan ihres jeweiligen Bundeslandes. In Baden-Württemberg gilt seit diesem Schuljahr ein neuer Lehrplan an Berufsschulen. Schüler sollen Inhalte und Vorgänge selbst analysieren, beurteilen und ihre politische Handlungsfähigkeit ausbauen. Ziel ist, Extremismus und Populismus vorzubeugen. Auch in Bayern wird derzeit der Lehrplan im Fach Sozialkunde für Berufsschulen und Berufsfachschulen überarbeitet. Insbesondere die Bereiche "Demokratieerziehung“ und "Wertevermittlung“ sollen deutlich erweitert werden.
Letztlich hängt es aber immer vom jeweiligen Lehrer ab, wie der Unterricht aussieht. Ina Wünsche unterrichtet Gemeinschaftskunde vor allem bei Azubis aus den Holzgewerken am Beruflichen Schulzentrum "Otto Lilienthal“ in Freital in Sachsen. "Meine Schüler kommen immer wieder zu mir und fragen, weil sie politische Entwicklungen nicht einordnen können“, berichtet Wünsche. Als sich 2015 die rechtsnationalistische Gruppe Freital formierte, sei in ihren Klassen vor allem darüber diskutiert worden, wie unterschiedlich Medien die Vorgänge darstellten und wie die Schüler sie selbst einordnen konnten.
Eigenes Urteil bilden statt Meinungen übernehmen
Wünsche versucht, ihre Schüler mit den Informationen zu versorgen, die sie brauchen, um sich ein eigenes Urteil zu bilden, statt vorgefertigte Meinungen zu übernehmen. Eine Schwierigkeit dabei sei der große Altersunterschied in den Berufsschulklassen: "Da sitzen mitunter 15-Jährige neben 25-Jährigen.“
In der Tendenz seien die Älteren, Lebenserfahreneren toleranter und einsichtiger. Ob sich Berufsschüler überhaupt für Politik interessieren, hängt ihrer Meinung davon ab, wie in den Familien mit Politik umgegangen wird.
Bollwerk gegen Radikalisierung
Familie und Freunde sind auch das Bollwerk, das verhindern kann, dass sich Jugendliche im Internet radikalisieren. "Echokammern im Internet und sozialen Medien können eine Polarisierung zwar unterstützen. Aber nur, wenn es kein soziales Umfeld gibt, das das abfängt“, betont Lisa Merten. Wenn jemand ins Extrem rutsche, egal ob rechtsradikal, linksradikal oder islamistisch, müsse schon im privaten Umfeld einiges schiefgelaufen sein.
Dennoch ist die Gefahr real. Das hat man an der Staatlichen Berufsschule 1 in Kempten erlebt. Ein Schüler, Azubi im Elektrofach, hatte sich 2013 radikalisiert, ging für den Islamischen Staat nach Syrien und starb dort 2014. Nicht erst seit diesem Einschnitt hält Sozialkundelehrer Helmut Hausner sein Fach für zentral. "Wir sind für die meisten die letzte Institution, die ihnen in dieser Hinsicht noch etwas mit auf den Weg geben kann.“
Knackpunkt sei, den Schülern zu zeigen, dass Politik immer ihr persönliches Leben betreffe. Wo das gelinge, seien die Schüler sehr interessiert. "Gerade bei uns an der Berufsschule machen sich die Jugendlichen viele Gedanken um ihre Zukunft.“ Vor dem Hintergrund könne man sie auch für Tarifverhandlungen, Rentendebatte und eben auch Bundestagswahlen interessieren.
Dieser Artikel wurde am 22. Mai 2017 aktualisiert.