Handelsstreit, Förderkürzung, Firmenpleiten Ist die Solarbranche noch zu retten?

Die Billigkonkurrenz aus China soll Schuld an der Misere einer der letzten deutschen Hersteller für Photovoltaikmodule sein: Solarworld kämpft ums Überleben. Installationsbetriebe berührt die Konkurrenz auf dem Weltmarkt dagegen wenig. Doch auch das Handwerk hat Probleme: die sinkenden Fördergelder und der schlechte Ruf der EEG-Umlage.

Jana Tashina Wörrle

Solarkrise in Deutschland: Immer mehr Herstellerpleiten, immer weniger Förderung und Aufträge – mit der Solarbranche krankt die gesamte Energiewende. - © Foto: Fotolia

"Die Energiewende kann nur mit vielen dezentralen Anlagen funktionieren", sagt Martin Beck. Schon im Jahr 1999 hat der Elektromeister aus Schernfeld im Landkreis Eichstätt einen großen Teil seines Betriebs auf die Installation von Photovoltaik-Anlagen umgestellt. Von fünf Mitarbeitern konnte er bis heute auf zwanzig aufstocken. Doch nun kommt alles ins Wanken, und das obwohl Beck seit kurzem auch Energiespeicher anbietet – ein Geschäftsfeld, das lange als Manko des Solarstroms galt.

"Bisher haben wir RWE, Eon und den anderen nur am Tag Konkurrenz gemacht und jetzt schaffen wir das auch immer besser in der Nacht ", sagt der Elektromeister stolz. Doch genau diese Konkurrenz sei der Politik ein Dorn im Auge. "Die Energiekonzerne haben das Sagen", beklagt sich Beck und weist darauf hin, dass der Umweltminister Altmaier und Wirtschaftsminister Rösler in den vergangenen Monaten so viel Unsicherheit bei den Verbrauchern gesät hätten, dass die Nachfrage nach Solaranlagen sinke.

Gegen Importe aus Fernost

Sinkende Fördergelder, steigende Strompreise und andauernde Streitigkeiten mit der EU-Kommission lassen die Solarbranche in einem nicht gerade vertrauenswürdigen Licht erscheinen. Dazu kamen in den vergangenen Monaten immer neue Firmenpleiten. Ganz aktuell: Am Montag und Dienstag muss das hoch verschuldete Unternehmen Solarworld seine Gläubiger und Aktionäre von seinem Rettungskonzept überzeugen. Ansonsten droht das Aus für den größten deutschen Solarmodulhersteller.

Ein Erfolg ist keineswegs sicher: Die Investoren müssten auf sehr viel Geld verzichten, und erst vor kurzem hatte Solarworld für das erste Halbjahr nach vorläufigen Zahlen wieder massive Umsatzrückgänge und erneut rote Zahlen gemeldet. Solarworld leidet nach eigenen Angaben unter der chinesischen Billigkonkurrenz und ist mit mehr als 900 Millionen Euro verschuldet. Allein 2012 betrug der Verlust knapp 480 Millionen Euro. Das Unternehmen beschäftigt nach eigenen Angaben rund 2.600 Mitarbeiter.

Um etwas gegen die Importe aus Fernost zu unternehmen, hatte die Herstellervereinigung "EU ProSun" mit Solarworld an der Spitze versucht, noch höhere Strafzölle auf Solarmodule durchzusetzen als die EU-Kommission schon seit Juni erhebt. Doch dann kam es zum Kompromiss und für Solarworld zum Desaster.

Der freie Wettbewerb soll es regeln

Die EU-Kommission hat sich mit China auf Mindestpreise von 56 Cent pro Watt geeinigt. Zusätzlich soll die Gesamtmenge der chinesischen Importe an Solarmodulen umgerechnet in Leistung auf sieben Gigawatt pro Jahr beschränkt werden. Nur chinesische Firmen, die diese Bedingungen nicht akzeptieren, müssen ab dem 6. August Einfuhrzölle von durchschnittlich 47 Prozent bezahlen. Wie die "tageszeitung (taz)" berichtet wäre Solarworld auf einen Schlag saniert gewesen, wenn statt dem Kompromiss die Strafzölle für alle chinesischen Solarimporte gelten würden. Nun müssen die Gläubiger und der neue Großinvestor aus Katar entscheiden, ob sie dem deutschen Hersteller nochmals eine Chance geben.

Doch mit dem Angriff auf die chinesischen Importe hat sich Solarworld auch Feinde in der eigenen Branche gemacht. Anders als "EU ProSun" setzt die "Allianz für bezahlbare Solarenergie" (Afase), ein Zusammenschluss aus über 800 Installationsbetrieben, Zulieferern der Solarindustrie und Projektierern, auf den freien Wettbewerb der Branche.

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So kann die europäische Solarwirtschaft auf ihrer Sicht nur wettbewerbsfähig bleiben, wenn sie kostengünstig aufgestellt ist. "Den europäischen Solarmarkt zukünftig mit Handelsbarrieren abzuschotten, würde jedoch das Gegenteil bewirken: Die Existenz vieler europäischer Firmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette stünde auf dem Spiel", meldet die Initiative auf ihrer Internetseite.

Mitglied bei Afase und damit gegen die Strafzölle ist auch Martin Beck. Hat er zu Beginn seiner Unternehmenstätigkeit in der Solarbranche hauptsächlich auf deutsche Hersteller gesetzt, so hat er mittlerweile auch viele chinesische Module im Programm. Er ist sowohl von der Qualität überzeugt als auch davon, dass der Photovoltaik-Markt heute nun einmal ein Weltmarkt sei. Nach Berechnungen der Afase fallen heute schon rund 70 Prozent der gesamten Wertschöpfung in Deutschland an, wenn heute in China ein Solarmodul produziert und in Deutschland montiert wird.

Ist der Ruf erst ruiniert,...

Die Probleme der deutschen Solarwirtschaft liegen nach Ansicht von Martin Beck deshalb nicht am Markt selbst, sondern an der Politik. "Die Solarbranche hätte noch ein paar Jahre länger Förderung gebraucht", sagt der Handwerksunternehmer. Dass diese jedes Jahr um fünf Prozent sinke, war von vorherein geplant und seiner Meinung nach auch richtig. Aber dass die Politik über Monate hinweg öffentlich über eine Kürzung streitet und dass am Ende ein so radikaler Schnitt kommt wie jetzt, sei zu viel für viele deutsche Firmen. Für sich selbst sieht Beck keinen großen Umsatzzuwachs mehr - zumindest nicht im Bereich der großen Anlagen.

In Deutschland werden die Vergütungssätze für Photovoltaik-Anlagen seit dem 1. August bis zum 31. Oktober weiter sinken – jeweils zum Monatsersten um 1,8 Prozent, wie die Bundesnetzagentur mitgeteilt hat. Erstmals wird die Vergütung im Oktober für große Photovoltaik-Dachanlagen von 1 bis 10 Megawatt und für Freiflächenanlagen bis 10 MW unter 10 Cent pro Kilowattstunden komplett fallen.

Chancen bestehen für das Solarhandwerk auch aus Sicht des Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW-Solar) eher bei den Photovoltaik-Anlagen wie sie für Ein- und Zweifamilienhäuser typisch sind. Hier verzeichnet der Verband trotz der Förderkürzung noch einen Zuwachs. Doch auch der Verband spricht davon, dass die Fördereinschnitte der Branche zu schaffen machen. "Die Bundesregierung ist gefordert, unmittelbar nach der Bundestagswahl die energiepolitischen Rahmenbedingungen neu zu justieren, damit die Energiewende nicht zum Erliegen kommt.", sagt der BSW-Hauptgeschäftsführer im DHZ-Interview .

Den größten Fehler hat die Bundesregierung  nach Ansicht von Martin Beck aber damit gemacht, dass sie den Ruf der EEG-Umlage öffentlich so schlecht gemacht hätten. So sähen die Verbraucher darin nur noch steigende Strompreise, an denen die Solaranlagen schuld seien. "Dabei sind es doch zum größten Teil die Ausnahmen für die Großindustrie", beschwert er sich. Der Elektromeister findet es fragwürdig, dass über die Förderung der erneuerbaren Energien so stark gestritten wird. Schließlich habe die Kernkraft bisher viel viel mehr staatliche Gelder geschluckt.

Damit die Stromkosten sinken, soll das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) bald überarbeitet werden, versprechen Politiker aller Coleur. Vor der Bundestagswahl soll allerdings nichts mehr passieren. Dass damit die Fördersätze für die Installation von Solaranlagen wieder steigen, ist nicht zu erwarten. Im Gegenteil: Bundesumweltminister Altmaier will sie noch weiter kürzen. Das sieht seine Strompreisbremse vor.