Flutkatastrophe "Ist der Frost in die Häuser gezogen, ist nichts mehr zu retten"

Fast vier Monate ist es her, dass das Jahrhunderthochwasser in Teilen von NRW und Rheinland-Pfalz gewütet hat. Helfende Handwerker berichten, dass viele Betroffenen noch immer keine stabile Stromversorgung haben, Heizungen und warmes Wasser fehlen. Der kommende Winter könnte die Situation noch verschlimmern.

Nur zwei Stühle stehen im ehemaligen Wohnzimmer eines von der Flut zerstörten Hauses in Altenahr. Das Foto wurde drei Monate nach der Flut aufgenommen. - © picture alliance/dpa | Boris Roessler

Mehr als 180 Tote und 800 Verletzte, Schäden an Gebäuden und der Infrastruktur in Höhe von mehreren Millarden Euro. Das ist die traurige Bilanz der Flutkatastrophe, die sich Mitte Juli in Teilen von NRW und Rheinland-Pfalz ereignete. Und auch jetzt, fast vier Monate später, sind die Nachwirkungen des Hochwassers immer noch deutlich zu spüren. Das berichten mehrere Handwerker, die seit Wochen immer wieder vor Ort sind und die Flutopfer beim Wiederaufbau unterstützen.

"Ohne Heizung geht gar nichts"

Einer davon ist Heizungsbauer Ilja Merk. Er ist Teil der Facebookgruppe "Heizungsbauer aus Leidenschaft", die eine Hilfsaktion gestartet hat. Im Ahrtal, das besonders stark von der Katastrophe getroffen wurde, ersetzt der Handwerker gemeinsam mit Branchenkollegen alte Heizanlagen in beschädigten Gebäuden. Sein Einsatz dort begann vor zwei Monaten, als die ersten Aufräumarbeiten erledigt waren und es wieder möglich war, die Häuser zu betreten. "Ich war total platt, weil die Zustände immer noch katastrophal waren", erzählt Merk.

300 Gebäude konnten er und seine Kollegen mittlerweile zwar schon mit funktionsfähigen Heizanlagen ausstatten. Doch die Arbeit gehe pausenlos weiter, so Merk, der inzwischen zum Organisationsteam gehört. Er verbringt nicht nur die ein oder andere Woche seines Urlaubs im Ahrtal, sondern investiert auch viele Stunden seines Feierabends mit der Sichtung der Hilfegesuche der Betroffenen und der Koordination der ehrenamtlichen Handwerker. Aktuell, so berichtet er, sind noch viele Häuser ohne Heizung. Das oberste Ziel sei es, Wärme in die Gebäude zu bringen, bevor der Winter kommt: "Ohne Heizung geht gar nichts. Wenn erst der Frost in die Häuser gezogen ist, ist nichts mehr zu retten."

"Die Verzweiflung wird immer größer"

Auch Maik Menke, Bausachverständiger aus Paderborn, berichtet, dass die Situation in den Flutgebieten nach wie vor "dramatisch" sei. So erzählt er im Interview mit dem Handwerkerradio, dass es auch Wochen nach der Flut teilweise noch keinen Strom und Wasser, geschweige denn Heizungen gibt. Menke war als Leiter für Öl- und Gefahrenabwehr im Kreis Ahrweiler im Einsatz, wo er acht Wochen lang flüssige Gefahrenstoffe abgepumt und fachgerecht entsorgt hat. Noch immer betreut er vor Ort betroffene Flutopfer und hilft dabei, die zerstörte Infrastruktur wieder herzustellen. "Die Verzweiflung wird immer größer", sagt der Handwerker. Viele Menschen seien auf "Zweitheizmittel angewiesen, wie Elektrolüfter und Heizgeräte, die man über Strom betreibt." Es gäbe aber immer noch Gebäude, die ganz ohne Strom seien. Hinzu kämen Plünderer, die Geräte wie Notstromaggregate entwenden würden.

Kälteanlagenbauer sorgen für Wärme

"Es gibt Menschen, die leben quasi im Rohbau. Ohne Heizung, Warmwasser und es gibt regelmäßig Stromausfälle", bestätigt auch Kälteanlagenbauer Marco Eckel. Gemeinsam mit Handwerkskollegen hat er die Hilfsaktion "Wärme fürs Ahrtal" ins Leben gerufen. Kälteanlagenbauer aus ganz Deutschland haben im Ahrtal an mehreren Wochenenden Klimageräte installiert, die als Ein-Raum-Heizung dafür sorgen sollen, dass Teile der beschädigten Gebäude wieder geheizt werden können.

Heizungsbauer Ilja Merk (l.) und sein Handwerkskollege Simon Reich stehen vor dem Haus einer Betroffenen. Das Wasser stand nach dem Tag der Flut so hoch, dass Renate Pilz von ihrem Balkon gerettet werden musste. Mittlerweile sind die gröbsten Verwüstungen zwar beseitigt. Doch noch immer haben viele Flutopfer keine funktionierenden Heizungen. "Die Menschen sind total glücklich, dass wir da sind und helfen", sagt Merk. - © Ilja Merk

"Es braucht vor allem mehr Manpower!"

Ilja Merk, Heizungsbauer

Weil der Bedarf, aber auch die Spendenbereitschaft, so groß war, sind aus ursprünglich zwei geplanten Aktionen gleich mehrere entstanden, an der sich hunderte Fachkräfte beteiligt haben. "Allein im zweitem Aktionszeitraum haben wir 200 Anlagen in vier Tagen eingebaut. Das hat ganz schön an den Kräften gezehrt", so der Handwerker. Am 31. Oktober fand dann eine finale Aktion statt. Mittlerweile konnten so mehrere hunderte Anlagen verbaut werden. Doch noch immer fehlt es an tausenden Heizsystemen. Deshalb macht sich auch Eckel Sorgen: "Die Häuser müssen unbedingt winterfest und frostsicher gemacht werden". Lieferengpässe und die Corona-Situation machten die Situation zusätzlich schwer.

Handwerker dringend gebraucht

Auch Menke warnt, dass es seitens der regionalen Behörden keinen Notfallplan für den Winter gebe und dieser viele weitere Gefahren mitsichbringe. "Die Menschen kommen dort mit den Anträgen, die zur Verfügung gestellt werden, überhaupt nicht weiter", sagt der Sachverständige. Er fordert, dass die Politik sich selbst ein Bild von der Dringlichkeit macht.

Doch was ist nach Meinung der Handwerker aktuell nötig, um den Menschen vor Ort zu helfen? "Es braucht vor allem mehr Manpower! Zum Beispiel Bodenleger und Gipser. Denn viele Wohnungen sind jetzt trocken. Aber auch Schreiner, Elektriker und Installateure werden dringend gebraucht", sagt Heizungsbauer Merk. Daneben seien weiterhin auch Materialspenden nötig, zum Beispiel "Stromaggregate, Plattenheizkörper, Infrarotheizkörper, die mit Strom betrieben werden", so Menke. Er weist allerdings darauf hin, die Spenden nicht wahllos loszuschicken, da der Bedarf professionell koordiniert und verteilt werden müsse. Wer spenden oder als Handwerker vor Ort helfen möchte, kann sich zum Beispiel über verschiedene Hilfsaktionen aus dem Handwerk engagieren (siehe Kasten unten).

>>> Lesetipp: "Das Ahrtal braucht dringend Handwerker"

Handwerker als Seelsorger

"Die Betroffenen sind gerade mit sehr vielen Themen beschäftigt", sagt Eckel. Der Wiederaufbau sei dabei nur eine Sache von vielen. "Eine Notfallseelsorge gab es erst sehr spät", sagt er. Die Flutopfer suchen deshalb die Gespräche mit den Handwerkern. Menschen hätten etwa berichtet, dass ihre Nachbarn gestorben seien. Eckel hat auch einen Bäcker getroffen, der nicht nur seine in vierter Generation geführte Bäckerei, sondern auch seinen Sohn verloren hat: "'Das Wasser kriegt mich nicht kaputt.' Trotz allem hat er das zu mir gesagt – und das mit 62 Jahren. Solche Gespräche gehen tief."

Wie Sie den Betroffenen in den Flutgebieten helfen können

  • Handwerkerhelfen.de: Eine Möglichkeit handwerkliche Dienstleistungen direkt anzubieten, besteht über die Website www.handwerkerhelfen.de. Hier können sich sowohl betroffene als auch hilfsbereite Handwerker melden. Gesucht werden: Materialspenden (Pumpen, Werkzeuge, Regelungen, Material), Fachhandwerker, die bereit sind beim Wiederaufbau zu helfen und Betriebe in der Nähe der Katastrophengebiete (für die Logistik, Koordination und eventuell Bauleitung). Koordiniert wird die Aktion von der SHK-Facebook-Gruppe "Heizungsbauer aus Leidenschaft", zu der auch Heizungsbauer Ilja Merk gehört. Die Initiatoren arbeiten, nach eigenen Angaben, zusammen mit Innungen, Handwerkskammern sowie THW, um den Aufbau nach den Aufräumaktionen zu stemmen und örtlich zu unterstützen. Ziel ist es, den betroffenen Betrieben eine schnelle Hilfe zu geben, um schnell wieder einsatzfähig zu werden. Zum anderen will die SHK-Community den Neuaufbau der Wärme- und Wasserversorgung in den Häusern unterstützen.
  • Wärme für das Ahrtal: Im Rahmen der Aktion "Wärme für das Ahrtal" haben hunderte Kälteanlagenbauer aus ganz Deutschland an mehreren Wochenenden Klimageräte in den Hochwassergebieten installiert, die als Ein-Raum-Heizung Wärme an die Hausbewohner spenden. An der Aktion beteiligt sind unter anderem auch der Bundesinnungsverband des Deutschen Kältebauerhandwerks und der "KältenKlub", dem ausschließlich Mechatroniker für Kältetechnik angehören. "Ohne die Unterstützung sämtlicher Kollegen, aber auch die der Firmen, Händler und Lieferanten und allen, die gespendet haben, wäre das alles nicht möglich gewesen", bedankt sich Initiator Marco Eckel. Weitere Informationen zu der Hilfsaktion gibt es auf www.waerme-fuer-das-ahrtal.de, Einblicke in die Arbeit vor Ort zeigt dieses Video:

>>> Weitere Hilfsaktionen aus dem Handwerk haben wir in diesem Artikel zusammengefasst: Hochwasserkatastrophe: So können Handwerker helfen