Preisauftrieb Inflation gefährdet den sozialen Frieden

Wirtschaftsvertreter sind in Sorge, dass der massive Anstieg der Preise den sozialen Zusammenhalt bedroht. Der Deutsche-Bank-Chef sprach von "Gift" für die Gesellschaft. Die Inflation begünstigt auch den Anstieg von Schwarzarbeit.

Die hohe Inflation wirkt sich negativ auf das gesellschaftliche Klima in Deutschland aus. - © Drazen - stock.adobe.com

Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing hat die hohe Inflation als "Gift" für die Gesellschaft bezeichnet. Wenn in Umfragen 40 Prozent der Menschen angäben, sie könnten am Monatsende nicht mehr sparen, bedrohe das den sozialen Frieden in Deutschland, sagte Sewing auf einer Bankenkonferenz in Frankfurt.

Zudem erhöhe der anhaltende Preisdruck das Risiko einer Rezession. Noch seien die Auftragsbücher der Unternehmen voll und die Gewinne hoch, er mache sich aber Sorgen über die nächsten zwölf Monate, sagte Sewing. Zur Preisexplosion kämen die anhaltende Corona-Pandemie, angespannte Lieferketten und Engpässe am Arbeitsmarkt dazu. Sollte es im Zuge des Ukraine-Krieges zu einem Gas-Embargo kommen, werde es eine "tiefe Rezession" in Deutschland geben.

Angesichts der hohen Inflation seien höhere Leitzinsen der Notenbanken "unabdingbar", sagte Sewing weiter. Nur wenn Notenbanken entschieden gegensteuerten, könnten sie die Preisentwicklung dämpfen.

Scholz lädt zu Spitzentreffen

In der Eurozone sind die Verbraucherpreise im Juni um 8,6 Prozent im Jahresvergleich gestiegen. In Deutschland lagen sie laut Statistischem Bundesamt um 7,6 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. Daher sind Rufe nach weiteren Entlastungen für die Bürger lauter geworden. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) wollte am Montag mit Gewerkschaften und Arbeitgebern beim Auftakttreffen der konzertierten Aktion über den Umgang mit dem Preisdruck beraten.

Bundesfinanzminister Christian Lindner lehnte vor dem Spitzentreffen massive Erhöhungen der Staatsausgaben als falschen Weg ab. "Ein zentraler Beitrag des Staates ist, durch solide Finanzen zusätzlichen Preisdruck zu vermeiden", sagte der FDP-Chef. Statt nur die Folgen der Inflation zu dämpfen, müsse der Staat die Ursachen bekämpfen.

Schwarzarbeit nimmt zu

Die hohe Teuerungsrate und die schwächere Konjunktur dürften die Schwarzarbeit in Deutschland spürbar anheizen. Das erwarten die Arbeitsmarktforscher Bernhard Boockmann vom Institut für angewandte Wirtschaftsforschung der Universität Tübingen und sein Linzer Kollege Friedrich Schneider. Im Februar hatten sie in einer "Schattenwirtschaftsprognose" noch einen Rückgang für dieses Jahr vorhergesagt. Inzwischen hätten sich die Rahmenbedingungen aber deutlich geändert, sagte Boockmann der Deutschen Presse-Agentur. Ein geringeres Wirtschaftswachstum bei gleichzeitig schnell steigenden Preisen mache es für Anbieter schwieriger, ihre höheren eigenen Kosten auf die Kunden zu überwälzen. Das steigere beispielsweise im Handwerk den Anreiz, durch Angebote ohne Steuern und Sozialabgaben niedrigere Preise anzubieten.

Die Arbeitsmarktforscher errechnen seit 1997 aus verschiedenen Daten regelmäßig den Anteil der Schwarzarbeit an der Gesamtwirtschaft. Im Jahr 2003 hatte die Schattenwirtschaft danach mit einem Anteil von 16,7 Prozent gemessen am offiziellen Bruttoinlandsprodukt (BIP) einen Höhepunkt erreicht. Bis zum Jahr 2021 ist das Volumen der Schwarzarbeit nach den Berechnungen auf 9,5 Prozent des BIP gesunken, das entsprach 338 Milliarden Euro. dpa/str