IHM 2022 Handwerksmesse in unruhigen Zeiten

Nach zwei Jahren Pause gibt es endlich wieder eine Internationale Handwerksmesse (IHM). Doch nicht allen Vertretern des Handwerks ist zum Feiern zumute. Ein Experte ist regelrecht verärgert über die deutsche Politik.

Sommer IHM 2022
Die für März geplante Internationale Handwerksmesse (IHM) wurde wegen der pandemiebedingt fehlenden Planungssicherheit in den Sommer verschoben. - © GHM

Nach zwei Jahren Zwangspause findet in der kommenden Woche wieder die Internationale Handwerksmesse (IHM) statt. Erstmals, und vermutlich zum einzigen Mal, fällt die traditionsreiche Veranstaltung in den Sommer. Wegen Corona hatte die Messe zwei Mal hintereinander nicht stattfinden können.

Die Vorzeichen, unter denen die IHM 2022 an den Start geht, stehen auf Krise. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie setzen dem Handwerk noch immer zu. Dazu gesellen sich Lieferengpässe, eine Preisexplosion, Inflation und steigende Zinsen, der Krieg in der Ukraine und drohende Energieknappheit.

"Unruhige Zeiten"

Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), sprach von "unruhigen Zeiten". Unsicherheiten und Unwägbarkeiten machten den Betrieben zu schaffen. "Es wird nicht so bleiben, wie es lange Zeit war", sagte Schwannecke. Preisanstiege wie auch die Unterbrechungen von Lieferketten machten Neuaufträge oder Beteiligungen an öffentlichen Ausschreibungen für viele Handwerksbetriebe derzeit zu einem kaum kalkulierbaren Risiko. Insbesondere die energieintensiven Handwerks unternehmen sowie Kleinbetriebe seien in ihrem Fortbestehen von politischen Entscheidungen abhängig, so der ZDH-Generalsekretär. Entlastungen wie die Senkung von Strom- und Energiesteuern auf die europäisch zulässigen Mindestsätze oder das Aussetzen der neuen CO2-Bepreisung seien dringend geboten.

Franz Xaver Peteranderl, Präsident des Bayerischen Handwerkstags (BHT) und selbst Bauunternehmer, pflichtete Schwannecke bei. "Der Krieg in der Ukraine hat die Wirtschaft in die nächste Krise hineingeschwemmt." Peteranderl wusste zu berichten, dass in einigen bayerischen Kommunen ein Viertel bis ein Drittel der einst so begehrten Bauplätze zurückgegeben würden – weil sich angehende Bauherren das Haus nicht mehr leisten könnten. Das Lebensmittelhandwerk hat laut Peteranderl vor allem mit steigenden Kosten zu kämpfen. Da sich Bäcker und Metzger in Konkurrenz mit Discountern befänden, könnten sie ihre gestiegenen Preise nicht in voller Höhe auf die Kunden abwälzen.

Dialog mit der Politik

Das Handwerk hofft, die IHM für den Dialog zwischen politischen Entscheidern und Wirtschaft zu nutzen. Die Eröffnung dreht sich am Mittwoch, 6. Juli 2022, ab 10 Uhr in Halle C6 um die Energiewende, die Auswirkungen des Ukraine-Krieges und den Fachkräftemangel. Am Freitag, 8. Juli, wird Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zum traditionellen Spitzengespräch der Deutschen Wirtschaft erwartet.

BHT-Präsident Peteranderl setzt auf den Austausch mit der Politik: "Handwerkerinnen und Handwerker sind die Planer und Macher der Energie- und Verkehrswende. Sie montieren Photovoltaik-Anlagen, installieren Ladesäulen für die E-Mobilität, tauschen Heizungen aus, bauen energieeffiziente Häuser und reparieren Elektrofahrzeuge." Für diese anspruchsvollen Aufgaben bräuchten die Betriebe zusätzlich tausende qualifizierte Fachkräfte. Alleine in Bayern sind bei den Arbeitsagenturen aktuell rund 40.000 offene Stellen in Handwerksberufen gemeldet. Für rund die Hälfte dieser dringend benötigten Fachkräfte sind jedoch keine geeigneten Arbeitssuchenden registriert.

Großen Schaden angerichtet

Überschattet wird die Internationale Handwerksmesse von der Unplanbarkeit in der Corona-Politik der Länder. Sie hat nach Meinung von Experten großen Schaden angerichtet - und die Wiederholung dieser Fehler droht im Herbst und Winter. Dieter Dohr, Vorsitzender der Geschäftsführung des Veranstalters der IHM, der GHM Gesellschaft für Handwerksmessen mbH, kritisierte die Politik für ihre abwartende Haltung. Er nannte das Zaudern "inakzeptabel". Seine Befürchtung: Im Herbst und Winter könnten Messen wieder gestrichen werden: "Es macht mich fassungslos, dass die Unplanbarkeit der Politik anhält und droht, noch größeren Schaden in der Veranstaltungs- und Kulturwirtschaft anzurichten. Aktuell erleben wir dasselbe politische Gebaren wie im vergangenen Jahr." Experten würden vor neuen Mutationswellen im Herbst warnen und die Politik weigere sich förmlich, Szenarienplanungen anzugehen. Dohr kritisierte: "Stattdessen bleiben alle Branchen im Ungewissen, mit welchen Rahmenbedingungen im Herbst umzugehen ist und verlieren damit existenziell wichtige Vorbereitungszeit."

Für den Messeplatz Deutschland stehe viel auf dem Spiel, erklärte Dohr: "Die deutschen Leitmessen haben im letzten Jahr internationales Vertrauen eingebüßt." Das politische Krisenmanagement hierzulande sei mit Erstaunen zur Kenntnis genommen worden, während sich die Wettbewerbsmessen im Ausland in Stellung gebracht hätten. Dohr: "Wir werden international abgehängt." Fakt sei, dass die Entscheidungen der Kunden für Messeteilnahmen im Herbst und Winter jetzt fielen. ZDH-Generalsekretär Schwannecke bestätigte: "Wir brauchen diese Messen in Deutschland. Messepolitik ist Standortpolitik."

Sorge um Messestandort Deutschland

Noch immer kämpfe die Branche mit den indirekten Pandemie-Schäden der vergangenen zwei Jahre: Arbeitskräfte aus dem gesamten Messewesen sind in andere Branchen abgewandert – so zum Beispiel aus der Messegastronomie, bei Standbauern oder Bewachungsdiensten. Dieter Dohr warnte: "Ein solcher Schaden lässt sich nicht von einem auf den anderen Monat beheben." Doch der Messechef hatte auch gute Nachrichten zu vermelden. Das Interesse am persönlichen Austausch sei ungebrochen. "Die Kunden wollen den persönlichen Kontakt."

Die Internationale Handwerksmesse und die parallel stattfindende Garten München finden an fünf Tagen von Mittwoch bis Sonntag, 6. bis 10. Juli 2022, täglich von 9.30 bis 18 Uhr, auf dem Messegelände München statt. Vergünstigte Eintrittskarten im Online-Vorverkauf unter www.ihm.de/tickets