Handwerk statt Studium "Ich habe einen krisensicheren Beruf"

Mirjam Wüthrich merkte es bereits im ersten Semester – das Studium ist nicht die richtige Wahl. Heute ist sie eine überzeugte Fleischereifachverkäuferin – und liebt vor allem die vielfältigen Herausforderungen.

Fleischereifachverkäuferin bedient Kunden
Fühlt sich beim Fleisch- und Wurstwarenverkauf wohler als im Hörsaal: Die frischgebackene Gesellin Mirjam ­Wüthrich. - © HWK

Im Jahr 2017 macht Mirjam Wüthrich an einer Schweizer Fachmittelschule ihren Abschluss – und beginnt, wie viele Schulabsolventinnen und Schulabsolventen, erst einmal ein Studium, "um nach der Schule irgendetwas zu machen". An der Pädagogischen Hochschule Thurgau in Kreuzlingen schreibt sie sich ein, um Kindergartenlehrperson zu werden. Allerdings merkt die junge Frau schon im Laufe der ersten Semester, dass das Studium gar nichts für sie ist: "Es war sehr viel Lernstoff auf einmal und für mich sehr anstrengend, so viel Zeit vor dem Computer zu verbringen", erzählt sie.

Über den Nebenjob ins Handwerk

Zum Glück hatte Wüthrich einen Nebenjob, der sie auf andere Gedanken brachte. Denn um etwas Geld neben dem Studium zu verdienen, arbeitete sie als Aushilfe auf den Wochenmärkten der Region im Verkaufswagen der Bio-Metzgerei Böhm. "Bei meinen Kolleginnen und Kollegen habe ich mich oft darüber beklagt, dass mir das Studium gar keinen Spaß macht und ich mich viel wohler fühle, wenn ich bei ihnen arbeite", gesteht sie. Im Gegensatz zu Schule und Studium ist Wüthrich bei Bio Böhm viel auf den Beinen, steht nicht nur im Marktwagen, sondern hilft auch in der Produktion bei der Vorbereitung verschiedener Produkte, die im Einzel- und Großhandel verkauft werden. "Es gefällt mir total, jeden Tag etwas anderes zu tun, statt fünf Tage in der Woche am PC zu sitzen. Der Beruf ist wirklich abwechslungsreich. Irgendwann hat mir mein Chef dann angeboten, eine Ausbildung zu machen. Und so wurde ich Fleischereifachverkäuferin."

Großer Pluspunkt Kundenkontakt

Vom Werdegang seiner einstigen Aushilfe ist Julian Böhm, junger Metzgermeister in zweiter Generation, begeistert: "Die Ausbildung war die richtige Entscheidung und hat uns allen großen Spaß gemacht – auch weil Mirjam Wüthrich beste Voraussetzungen mitgebracht hat: Sie besitzt eine schnelle Auffassungsgabe und konnte sich auch das theoretische Fachwissen problemlos aneignen. Das war einfach eine super Sache." Böhm hat sich mit der Gründung seiner eigenen Bio-Metzgerei im Jahr 2015 einen Traum erfüllt. Die nach Demeter-, Bioland- und Naturland-Standards zertifizierten Produkte kommen so gut an, dass der Betrieb Anfang 2020 von Konstanz in einen größeren Firmensitz nach Stockach umziehen musste.

Besonders gut gefällt Wüthrich der Kontakt zur Kundschaft: "Ich habe schon sehr lustige Situationen erlebt – oder Gespräche, die so schön waren, dass sie tagelang nachgewirkt und gute Laune gemacht haben. Als eine meiner Kolleginnen einmal längere Zeit krank war, haben sich viele Kunden nach ihr erkundigt und Grüße ausrichten lassen. Daran sieht man doch, dass wir für die Kunden nicht einfach irgendjemand sind, sondern wir sie auch auf einer persönlichen Ebene interessieren – so wie uns umgekehrt unsere Kundschaft natürlich ebenso am Herzen liegt."

Krisensicherer Beruf

Mirjam Wüthrich, die ihre Ausbildung vor Ausbruch der Corona-Pandemie im Herbst 2018 begann, lernte ihren Beruf in den letzten beiden Jahren noch mehr schätzen: "Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk ist ein krisensicherer Beruf. In unserem Betrieb musste während Corona niemand in Kurzarbeit. Wir konnten die ganze Zeit arbeiten. Und ich muss mir keine Sorgen um die Zukunft machen, weil der Beruf immer gebraucht wird. Man wird uns Fachverkäufer nicht so schnell durch Roboter ersetzen. Dafür schätzen die Kunden das persönliche Gespräch und unsere Beratung viel zu sehr." Außerdem muss nach der Ausbildung nicht Schluss sein: Als Fleischereifachverkäuferin stehen viele Weiterbildungsmöglichkeiten offen. Man kann Betriebswirtin im Handel, Fachwirtin für Vertrieb oder auch Verkaufsleiterin werden. Das weiß auch Wüthrich, die nach ihrer Ausbildung auf jeden Fall weiter im Beruf arbeiten und sich weiterbilden möchte. "Mit ihren sehr guten Noten in der Gesellenprüfung kommt Mirjam Wüthrich sogar für ein Weiterbildungsstipendium der Stiftung Begabtenförderung berufliche Bildung in Frage", erklärt Susanne Hillan, Ausbildungsberaterin bei der Handwerkskammer Konstanz, die bei Bio Böhm die Erstausbildungsberatung durchführte. Einer Karriere im Handwerk steht also nichts mehr im Wege.