Zwei Perspektiven, ein Trend Hitze, Hagel, Sturzflut: So muss sich das Bauen verändern

Meteorologe Karsten Schwanke und Bauforscherin Heike Böhmer blicken aus unterschiedlichen Richtungen auf dieselbe Entwicklung: Wetterextreme nehmen zu, Gebäude werden sensibler. Was das für Planung, Sanierung und Bestandsgebäude bedeutet – und warum dem Handwerk die Arbeit nicht ausgeht.

Ahrtal
Naturkatastrophen wie im Ahrtal kosten Milliarden. - © Christian - stock.adobe.com

Künftiges Bauen muss nicht nur klimafreundlicher, sondern auch widerstandsfähiger werden. Zwei Experten erklären im Interview, warum Normenerfüllung allein nicht mehr reicht und wo Prioritäten gesetzt werden sollten.

"Dem Handwerk werden die Aufträge nicht ausgehen"

Meteorologe Karsten Schwanke verdeutlicht im Gespräch, warum Hitzeschutz beim Bauen ­wichtiger wird und wie Begrünung helfen kann.

Herr Schwanke, wie sehr nehmen Wetterextreme in Deutschland tatsächlich zu?

Karsten Schwanke: Wir sehen einen deutlichen Anstieg an Hitzetagen mit über 30 Grad – in den letzten 50 Jahren hat sich deren Anzahl in Deutschland vervierfacht. Gleichzeitig verschärfen sich die Dürreperioden. Wir haben zwar im langjährigen Mittel sogar etwas mehr Jahresniederschlag als vor 60 Jahren, aber dieser Regen fällt an weniger Tagen. Er kommt also konzentrierter und intensiver herunter. Dazwischen gibt es mehr trockene Tage, was die Böden extrem austrocknet.

Wie gut lassen sich Extremwetterereignisse wie im Ahrtal inzwischen vorhersagen?

Die Wettermodelle sind sehr gut geworden, auch dank künstlicher Intelligenz. Hitzewellen oder Kältewellen sehen wir oft schon eine Woche im Voraus. Bei kleinräumigen Tiefs, wie im Ahrtal, haben wir zwei bis drei Tage vorher eine sehr gute Indikation für die Region und die Regenmenge. Was wir Meteorologen beim Ahrtal jedoch nicht vorhersagen konnten, war die Höhe der Flutwellen. Das ist Aufgabe der Hydrologie. Seit dem Ahrtal wird in der Forschung intensiv daran gearbeitet, Wetterprognosen automatisch mit Abfluss- und Sturzflutwarnmodellen zu verknüpfen, um diese Lücke zu schließen.

Karsten Schwanke
Karsten Schwanke, Meteorologe und Moderator - © Jürgen Gundelsweiler

Insbesondere Städte heizen sich im Sommer extrem auf. Was muss sich in der Städteplanung und beim Bauen ändern?

Wir müssen wesentlich stärker auf den Hitzeschutz achten. In den letzten 20 Jahren lag der Fokus bei der Dämmung vor allem darauf, Heizkosten zu sparen. In Zukunft wird das Dämmen, um die Hitze draußen zu halten, noch wichtiger. Wir werden in Deutschland eine deutliche Zunahme an klimatisierten Räumen erleben. Hitze ist eine absolute Gesundheitsgefahr, besonders für ältere und schwache Menschen. Dass heute noch viele Krankenhäuser in Deutschland ohne Klimaanlage ausgestattet sind, ist ein echtes Problem.

Wie kann Begrünung helfen?

Stadtgrün spielt eine zentrale Rolle. Fassadenbegrünungen können extrem viel bewirken, um Hitze aus Häusern zu halten. Noch wichtiger sind Bäume in der Stadt. Bäume kühlen ihre Umgebungsluft durch die Verdunstung von Wasser enorm ab – das ist eine Kühlleistung, die weit über reinen Schattenwurf hinausgeht. Allerdings funktioniert das nur, wenn die Bäume grüne Blätter haben. Wir müssen Wege finden, den Winterregen zu speichern, um die Bäume in langen Sommerdürren bewässern zu können.

Was bedeutet diese Zunahme an Extremwetter für das Handwerk und die Baubranche?

Wir werden einen Wandel erleben – weg von reinen Flusshochwassern und hin zu unberechenbaren Sturzfluten. Das bedeutet, wir müssen kritische Infrastruktur und Gebäude im Bestand ganz neu bewerten. Die teuerste Haustechnik und Elektroinstallation gehört nicht mehr in den Keller. Auf der einen Seite sprechen wir über Schäden in Milliardenhöhe durch Extremwetter. Auf der anderen Seite entsteht dadurch natürlich ein riesiges Auftragsvolumen für Reparaturen, Wiederaufbau und klimagerechte Sanierung im Bestand. Das ist eine gigantische Aufgabe. Dem Handwerk werden die Aufträge in Zukunft ganz sicher nicht ausgehen.

"Was nicht gebaut wird, kann auch nicht kaputtgehen"

Heike Böhmer, Leiterin des Instituts für Bauforschung, erläutert, wie Starkregen, Hagel und Hitze resiliente Gebäude fordern.

Frau Böhmer, wie stark steigen die Schäden im Bausektor durch Extremwetter wirklich?

Heike Böhmer: Wenn man sich die Mittelwerte anschaut, geht die Kurve steil nach oben. Das betrifft vor allem komplexe Wetterereignisse wie Gewitterzellen, die Sturm, Hagel und Starkregen in sich vereinen. Wir haben oft nicht mehr nur isolierte Phänomene, sondern geballte Ereignisse, die sehr langsam über eine Ortschaft ziehen und dort enorme Schäden anrichten.

Steigen auch die Kosten?

Ja, jeder einzelne Schaden ist im Durchschnitt teurer geworden. Das liegt nicht nur daran, dass die Wetterereignisse extremer ausfallen, sondern auch an unseren Gebäuden. Sie sind heute viel komplexer und sensibler. All das, was man nach einem Schaden sanieren muss, kostet einfach mehr Geld – auch, weil die Baukosten generell stark gestiegen sind.

Heike Böhmer
Heike Böhmer, Leiterin Institut für ­Bauforschung - © IFB

Sind moderne Gebäude durch bessere Technologie und robustere Materialien nicht widerstandsfähiger als früher?

Das ist genau die Schwierigkeit. Wir waren in letzter Zeit sehr stark auf Effizienz und „Smart Home“ fokussiert. Dabei ist das Thema Resilienz etwas aus dem Blick geraten. Wenn wir an hochkomplexe Anlagentechnik, dicke Wärmedämmung und bodentiefe Fenster denken, dann ist das ­Risiko für Schäden definitiv nicht geringer geworden.

Das heißt, wir müssen beim Planen und Bauen wieder mehr Wert auf Resilienz legen?

Genau, wir müssen den Blick wieder weiten. Es geht nicht darum, ab sofort nur noch auf Robustheit zu schauen und die Effizienz zu vergessen. Aber wir müssen Kompromisse schließen. Wenn bestimmte Effizienzmaßnahmen in der Praxis nicht den gewünschten Effekt bringen, müssen wir umdenken. Der ursprüngliche Zweck eines Gebäudes ist der Schutz vor Witterung, Hitze, Regen und Kälte.

Ist da nicht die Politik am Zug, um entsprechende Leitplanken und Gesetze vorzugeben?

Das ist mir zu einfach. Wir haben in den bestehenden Gesetzen, Fördermitteln und Richtlinien bereits eine Menge Spielraum. Auf neue politische oder normative Vorgaben zu warten, dauert zu lange – das können wir uns nicht erlauben. Wir müssen mutig sein und die vorhandenen Spielräume jetzt schon klug nutzen.

Wo fängt dieses Umdenken an?

Das beginnt bei der ersten Idee des Bauherrn: Was will ich bauen? Wie groß muss es sein? Man muss es klar sagen: Was nicht gebaut wird, kann auch nicht kaputtgehen. Ein reduzierter Flächenverbrauch ist der erste Schritt. Und bei bestehenden Gebäuden geht es um Wartung. Es kann ein teurer Fehler sein, sich den regelmäßigen Blick des Dachdeckers auf die Entwässerung oder die Ziegel zu sparen.