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Online-Plattform für Materialreste Webseite materialrest24.de: Handeln unter Handwerkern

Über die Webseite von Dachdecker Simon Schlögl können Handwerker ihre Lagerbestände zu Geld machen und an andere Handwerker verkaufen. Davon profitiert auch die Umwelt

Simon Schlögl schreckt nicht vor hohen Zielen zurück. Nach dem Hauptschulabschluss fiel dem gebürtigen Würzburger die Berufswahl deshalb nicht schwer. Dachdecker wollte er werden. Zumal der ehemalige Ruderer in dem Handwerk nicht nur schöne Aussichten genießen darf, sondern auch seinen Drang nach Bewegung an der frischen Luft stillen kann.

Bei seiner Arbeit stellte Schlögl immer wieder fest, dass sich nach einem erledigten Auftrag viel überschüssiges Material im Lager stapelt und früher oder später entsorgt wird. "Der Produktkatalog eines Dachdeckers ist so dick wie ein Telefonbuch", sagt Schlögl. Er unterscheidet dabei zwischen Material A und Material B. Während Material A wie Schrauben oder Dachlatten immer gebraucht wird, gibt es das Material B, das speziell für einen Auftrag eingekauft und die nächsten zehn Jahre nicht mehr genutzt wird.

Ein anderer Betrieb könnte genau dieses Material aber gerade gut brauchen, dachte sich Schlögl. Er kam auf die Idee, eine Internetseite zu starten, auf der Lagermaterialien digital erfasst und an andere Unternehmen weiterverkauft werden können, statt auf dem Müll zu landen. Eine Art Ebay von Handwerkern für Handwerker.

Materialrest24.de: Handwerker können ihre Lagerbestände anbieten

Vor gut zwei Jahren hat Schlögl damit begonnen, die ersten Ideen für das Portal "materialrest24.de" zu entwerfen. Seine Skizzen auf Papier hat eine Softwarefirma in Programmierbefehle für die Webseite umgesetzt. Schlögl hat sich dabei für einen jungen, aber etablierten Anbieter entschieden, der schon über 100 andere Webshops aufgebaut hat.

Günstig ist Schlögls Vorhaben nicht. Aufbau und Pflege der Seite haben bereits einen mittleren fünfstelligen Betrag verschlungen. Verschuldet hat er sich trotzdem nicht. "Die Investitionen habe ich ohne einen Kredit durch mein selbstverdientes Geld im Handwerk gestemmt", sagt Schlögl stolz.

Zugute kommt ihm, dass er in seiner Familie schon vorhandenes Fachwissen nutzen kann und bisher kein zusätzliches Personal bezahlen muss. Schlögls Bruder Bastian ist gelernter Betriebswirt und betreut die kaufmännischen Angelegenheiten, Kommunikation und Vertrieb. Schlögls Frau bringt ihre Erfahrungen als studierte Designerin ein und kümmert sich um die optische Gestaltung des Online-Shops und der Werbematerialien. Simon Schlögl selbst ist für die Weiterentwicklung, Bekanntheitssteigerung und Akquise neuer Kunden verantwortlich.

Mit dem Rad zum Kunden

Von der ersten Idee bis zum Marktstart der Webseite im März 2017 hat es knapp ein Jahr gedauert. Schwieriger als die technische Umsetzung war es für Schlögl, die Seite bekannt zu machen und erste Kunden an Land zu ziehen.

Angefangen hat er ganz klein – mit Hausbesuchen bei in München ansässigen Handwerkern, die Schlögl mit dem Fahrrad abgeklappert und ihnen seinen Flyer in die Hand gedrückt hat. Auch per Post hat Schlögl viele Betriebe in der Region angeschrieben und dafür seine Kontakte im Dachdeckerhandwerk genutzt. Eine große Unterstützung war für ihn neben der Handwerkskammer die Zimmerer-Innung München, die das Portal über eine Kooperation bei seinen Mitgliedsbetrieben bekannt macht.

Innerhalb des ersten halben Jahres haben sich etwa 80 Firmen auf dem Handwerkerportal angemeldet. Aus Sicht von Schlögl ein Erfolg, der den zweiten Schritt zu einer bundesweiten Plattform geebnet hat.

Zur Kundenansprache nutzt Schlögl vor allem die digitalen Kanäle Facebook und YouTube, die er selbst betreut. Mit Erfolg: Auch aus dem Ausland gibt es schon einige Anmeldungen für sein Portal. "Wir haben schon Lagermaterialien bis an die französische Atlantikküste verschickt", sagt Schlögl. Im Gegensatz zu anderen Online-Plattformen beschränkt Schlögl den Handel bisher auf Businesskunden. Jedes Mitglied muss sich über die Einreichung des Gewerbescheins für den Online-Handel freischalten lassen.

Bei Materialrest24.de wird mit Punkten bezahlt

Der teilnehmende Betrieb kann seine Lagerbestände fotografieren und mit einer kurzen Beschreibung kostenlos einstellen. Gebühren fallen erst dann an, wenn mit einem Interessenten ein Kauf abgeschlossen werden soll. "Wir nutzen dafür Credits, die die Betriebe kaufen können. Ein Credit entspricht 25 Cent. Je nach Warenwert fällt eine Gebühr zwischen 25 Cent und 1,25 Euro an", erklärt Schlögl. Empfindet ein Handwerker die angebotene Ware als zu teuer, kann er einen alternativen Preis vorschlagen.

Falls gewünscht, organisiert Schlögl über einen Versandpartner auch die Abholung und Zustellung der Materialien. "Dabei geben wir nur die tatsächlich anfallenden Versandkosten an den Käufer weiter", sagt Schlögl. Nach dem Geschäft können sich die Betriebe über ein Sternesystem gegenseitig bewerten und so ihre Reputation auf der Plattform steigern.

Schlögl macht die Erfahrung, dass die Mehrheit der Käufer und Verkäufer wiederkehren und in regelmäßigen Abständen Waren ver- und ankaufen.

Auf steigendes Interesse stößt das Portal auch bei Baustoffherstellern und -händlern, die ihre Restposten, Fehlbestellungen und Kundenrückläufer anbieten. "Die teilnehmenden Firmen verkaufen ihre Produkte lieber bei uns als bei Amazon oder Ebay", sagt Schlögl. Das liege vor allem an den vertrauensvollen Partnern seiner Seite – wie dem Landesinnungsverband des Bayerischen Zimmererhandwerks.

Um weitere Kunden anzulocken, probiert Schlögl ständig neue Dinge aus und berücksichtigt dabei die Meinungen seiner Kunden. Nicht jede Idee wird in der Praxis aber auch ein Erfolg. So wurde der Ansatz, dass Handwerker ihre überschüssigen Materialien über WhatsApp an Schlögl melden und er diese für den Betrieb einstellt, kaum angenommen und wieder verworfen.

Mehr Erfolg verspricht sich Schlögl von zwei neuen Erweiterungen. So können Handwerker über das Portal künftig auch Maschinen zum Verleih anbieten, wenn diese zum Beispiel wenig ausgelastet sind. Außerdem ist es für Käufer jetzt möglich, nicht nur nach angebotenen Materialien zu suchen, sondern selbst Inserate zu gerade benötigten Baustoffen aufzugeben.

Neben dem reinen Erlös für die Betriebe sieht Schlögl einen zweiten wichtigen Grund, warum Handwerker sein Portal nutzen sollten: nachhaltiges und ressourcenschonendes Wirtschaften. Er beobachtet, dass Kunden von Handwerksbetrieben sich immer stärker dafür interessieren, welche Zyklen die gekauften Produkte durchlaufen und wie umweltfreundlich im Unternehmen gewirtschaftet wird. Hier könne die Nutzung des Portals ein wichtiger Baustein sein.

Schub durch die Presse

Inzwischen zählt Schlögl über 430 Mitglieder. Einen Schub habe ihm auch die breite Berichterstattung in der Presse und zwei Auszeichnungen verschafft, sagt Schlögl. So wurde die Plattform in diesem Jahr auf der Internationalen Handwerksmesse mit dem "Bundespreis für hervorragende innovatorische Leistungen für das Handwerk" ausgezeichnet und landete beim vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Innovationswettbewerb "Auf IT gebaut" auf dem zweiten Platz.

Schlögl ist mit der Entwicklung durchaus zufrieden, weiß aber auch, dass er noch einen langen Weg vor sich hat, um profitabel zu werden. Sein Fünfjahresplan bis 2023 sieht vor, dass 250.000 Handwerksbetriebe sein Portal nutzen. Das wäre etwa jeder zwei Bauhandwerksbetrieb in Deutschland.

Das klingt ambitioniert. Aber vor hohen Zielen hat sich Schlögl ja noch nie gefürchtet.

Weitere Informationen über das Portal unter www.materialrest24.de.

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