Vermögensverteilung in Deutschland Großteil des Vermögens steckt in Familienbetrieben

Hierzulande sind Vermögen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern relativ ungleich verteilt. Forscher des Instituts der Deutschen Wirtschaft haben nun herausgefunden, dass das Vermögen der reichsten Menschen in Deutschland hauptsächlich in Familienbetrieben steckt. Warum sie deshalb vor der Einführung einer Vermögenssteuer warnen.

Tischler verarbeiten Holz in Schreinerei.
Einblick in eine Schreinerei: In Deutschland steckt das meiste Vermögen in eigentümergeführten Familienbetrieben. - © Kzenon - stock.adobe.com

Ob in der Politik, den Medien oder im privaten Kontext: das Thema Vermögensungleichheit prägt auch hierzlulande immer wieder die Diskussionen. Der Grund: In Deutschland sind Vermögen im Vergleich zu anderen europäischen relativ stark ungleich verteilt. Laut eines Gutachtens des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen liegt das einerseits daran, dass die staatliche Absicherung in Deutschland besonders umfrangreich ist. Andererseits, so die Forscher, ist die deutsche Wirtschaft von vielen eigentümergeführten Familienunternehmen geprägt. Und vor allem höhere Vermögen sind in Betrieben gebunden. Die Studie fand heraus, dass das Vermögen des wohlhabendsten Prozents der Bevölkerung zu 56 bis 65 Prozent in Betrieben steckt. Das sei deutlich mehr, als aus bisherigen amtlichen Statistiken hervorgehe. Das Betriebsvermögen nimmt damit eine wichtige Rolle ein, wenn es um die Bewertung der Vermögensungleichheit in Deutschland geht.

Wie hoch ist das betriebliche Vermögen in Deutschland?

Um die Höhe des betrieblich gebundenen Vermögens in Deutschland zu bestimmen, entwickelten die Forscher einen Ansatz, um das Betriebsvermögen möglichst realitätsnah zu bewerten. Sie griffen dafür auf eine Stichprobe von knapp 4.500 Unternehmen in Kombination mit Befragungsdaten der Deutschen Bundesbank zurück. Die Forscher schätzen das von Privatleuten gehaltene Betriebsvermögen 2017 auf 2,4 bis 3,1 Billionen Euro. Bei alleiniger Betrachtung der Befragungsdaten ohne ergänzende Bewertung ergaben sich dagegen Betriebsvermögen von nur 1,1 Billionen Euro.

Die Forscher entschieden sich für diese Herangehensweise, da der Preis eines privaten Unternehmens nur schwer auszumachen ist. Da insbesondere eigentümergeführte Unternehmen nicht an einem (öffentlichen) Markt gehandelt werden, liegen keine Marktpreise vor, heißt es in der Studie.

Familienbetriebe schaffen Arbeitsplätze

Wenn sich Unternehmensbesitz und damit verbundene Vermögenswerte auf wenige Unternehmerfamilien und Selbstständige konzentriert, sei die gemessene Vermögensungleichheit rechnerisch höher, als wenn es in Deutschland ausschließlich börsennotierte Unternehmen im Streubesitz gäbe, so die Forscher. Dabei bleibe jedoch außen vor, dass Familienunternehmen häufig nachhaltiger agieren als börsennotierte Unternehmen, sie stärker regional verankert sind und eine geringere Mitarbeiterfluktuation aufweisen. Dies ist laut Meinung der Forscher nicht nur in Debatten rund um die Vermögensungleichheit in Deutschland zu bedenken, sondern auch mit Blick auf Diskussionen um die Wiedereinführung einer Vermögensteuer.

"Anders als im Fall von liquiden Finanzanlagen handelt es sich bei Betriebsvermögen um gebundenes Kapital, welches produktiv eingesetzt wird und an dem viele Arbeitsplätze hängen", heißt es in der Studie. "Familienunternehmen tragen maßgeblich dazu bei, in allen Teilen Deutschlands gleiche Lebensbedingungen herzustellen. Das in ihnen gebundene, langfristig orientierte Vermögen dient dazu, Arbeitsplätze zu schaffen", sagt Professor Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen. Auf Familienunternehmen entfallen fast 60 Prozent aller Arbeitsplätze in Deutschland.

IW warnt vor Einführung einer Vermögenssteuer

Mit Blick auf die gewonnen Erkenntnisse warnt das IW davor, das Betriebsvermögen durch eine Vermögensteuer zu schmälern. "Eine Vermögensteuer würde vor allem die Substanz von Unternehmen gefährden, deren Gewinne zumindest in einigen Branchen bereits durch die Corona-Krise stark belastet sind", schreiben die Forscher. "Eine Vermögensteuer würde die wirtschaftliche Erholung nach der Corona-Krise erschweren und negative Rückwirkungen auf Beschäftigung und andere Steuerarten auslösen." Die Forscher weisen darauf hin, dass Betriebsvermögen in Familienunternehmen in vielen Fällen Verfügungsbeschränkungen unterliege und deshalb nicht kurzfristig verkauft werden könne. Dies habe gesamtwirtschaftlich eine stabilisierende Wirkung.

Vermögen: Kaum Änderungen bei der Ungleichheit

Insgesamt stellen die Forscher fest, dass sich die Vermögensungleichheit in den vergangenen Jahren trotz steigender Aktien- und Immobilienpreise nicht verändert hat. Inklusive der in der Studie erfolgten Hinzuschätzungen stieg die Ungleichheit zwar in den Jahren 2011 bis 2014 leicht an, sank dann aber wieder deutlich und lag im Jahr 2017 etwas unterhalb des Niveaus des Ausgangsjahres 2011.

Interessierte können die vollständigen Studienergebnisse hier aufrufen (PDF): Die Rolle der Betriebsvermögen in der Vermögensverteilung

Wie werden Vermögensungleichheiten gemessen?

Anhand des sogenannten Gini-Koeffizienten lässt sich ablesen, wie ausgeprägt die Vermögensungleichheit in einem Land ist. Je höher der Wert ist, desto ungleicher ist das Vermögen verteilt.

Der Informationsdienst der deutschen Wirtschaft nennt dazu Daten des Schweizer Finanzdienstleisters Credit Suisse aus dem Jahr 2019: Demnach lag der Gini-Koeffizient in Deutschland 2019 bei 0,82. In Dänemark lag er bei 0,84, in Frankreich betrug er 0,70, in Spanien 0,69 und in der Slowakei nur 0,50. Das seien relativ große Unterschiede, allerdings ließen sich diese Zahlen ohne eine Einordnung in den spezifischen Länderkontext kaum bewerten.

Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin ist Deutschland im internationalen Vergleich eines der Länder im Euroraum mit der höchsten Vermögensungleichheit. Den reichsten zehn Prozent der Bevölkerung hierzulande gehören demnach 56 Prozent des Gesamtvermögens.