Weiterbildung Gestalter im Handwerk: Das Designstudium der Branche

"Gestaltung kann man erlernen" – an acht Standorten in Deutschland können Handwerker verschiedener Gewerke die staatlich anerkannte Weiterbildung zum "Gestalter im Handwerk" absolvieren. Den Austausch mit Gleichgesinnten empfinden
viele Absolventen als persönliche Bereicherung, die weit über ihren Beruf hinausreicht.

Flechtwerkgestalter Emmanuel Heringer
Flechtwerkgestalter Emmanuel Heringer übersetzt traditionelle Korbmachertechniken in eine zeitgemäße Gestaltung von Flechtwerken für Garten- und Wohnbereiche. - © Andreas Jacob

Wer Handwerk wörtlich nimmt, ist auf dem Holzweg. Nicht allein die Hand schafft das Produkt. Das Werk entsteht in einem Prozess, der nicht ohne Kopfarbeit auskommt. Gute handwerkliche Ar­­beiten heben sich durch ihre individuelle Gestaltung von der industriell gefertigten Massenware ab. Aber: "Gestaltung kann man erlernen", be­tont Barbara Schmidt, die Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft der Akademien für Gestaltung im Handwerk.

An acht Standorten in Deutschland (Aachen, Chemnitz mit Dresden, Halle, Lüneburg, München, Münster, Rohr, Stuttgart) und in Zürich wird die staatlich anerkannte Weiterbildung zum "Gestalter im Handwerk" angeboten. Einige der Akademien sind schon seit mehr als 35 Jahren aktiv, andere noch vergleichsweise jung. In den gewerkeübergreifenden Kursen können etwa Schreiner, Metallbauer, Raumausstatter, Schilder- und Lichtreklamehersteller, Steinmetze, Goldschmiede oder Keramiker mit- und voneinander lernen.

Design spielt eine zentrale Rolle im Handwerk

In rund 40 Prozent aller Handwerksberufe spielt das Design eine zentrale Rolle, aber die Weiterbildung steht allen Handwerkern offen. Der kreative Austausch unter den Gewerken, aber auch zwischen Gesellen und Meistern erweitert nicht nur den beruflichen, sondern auch den persönlichen Horizont.

Das kann Emmanuel Heringer nur bestätigen. Der Flechtwerkgestalter aus Schechen bei Rosenheim be­zeichnet seine Fortbildung zum Ge­­stalter als persönliche Bereicherung, die sich nachhaltig auf den Beruf auswirkt. "Man wird offener für neue Ideen und sicherer im Umsetzen", sagt Heringer, der zunächst Zimmerer gelernt hatte. Da dieser Job seinem Interesse an gestalterischer Tätigkeit jedoch nicht gerecht wurde, entschloss er sich zu einer zweiten Lehre bei einem traditionellen Korbmacher.

Modernes Flechtwerk in der Architektur

Inzwischen verbindet er in seinem Unternehmen "Geflecht und Raum" seinen ehemaligen Bauberuf mit dem Korbmacherhandwerk. Aufgrund seiner gestalterischen Kompetenzen, die er bei einem Praxisstipendium in der Villa Massimo in Rom weiter vertiefen konnte, interpretiert der 44-Jährige Flechtwerk heute in ganz anderen Dimensionen als die klassischen Korbmacher. Das Angebot reicht von geflochtenen Fassadenelementen, Wand- und Deckenverkleidungen über Fensterverschattungen bis hin zum Carport oder Gartentor. Die großflächigen Arbeiten Heringers für den Außen- wie für den Innenbereich entstehen nicht selten in Zu­sammenarbeit mit Architekten. "Überall dort, wo Bauherren Wert auf Optik und Haptik legen, sind meine Flechtarbeiten gefragt", sagt Heringer, der der Akademie für Ge­­staltung in München auch als Dozent verbunden bleibt.

Barbara Schmidt, Sprecherin der Arbeits­gemeinschaft der Akademien für Gestaltung im Handwerk
Barbara Schmidt, Sprecherin der Arbeits­gemeinschaft der Akademien für Gestaltung im Handwerk - © Thomas Einberger, argum

Als Dozenten lehren Designer, Architekten, Künstler, Wissenschaftler genauso wie erfahrene Handwerksmeister, die oft selbst einst Absolventen waren – so wie Emmanuel Heringer. Ihnen gemeinsam ist das Anliegen, dass tradierte Kulturtechniken und Wissen nicht verloren gehen, sondern von den Absolventen bewahrt und in die Zukunft getragen werden. "Unsere Ausbildung ist eine Investition in Menschen, nicht zu­­letzt auch, um die Gewerke lebendig zu halten", sagt Barbara Schmidt. Und das lässt sich der Staat etwas kosten.

"Gestalter im Handwerk" werden mit finanzieller Förderung unterstützt

Die Teilnehmer des Vollzeitkurses, der inklusive Prüfung rund 15 Monate dauert, werden mit einem Aufstiegs-BAföG gefördert. Damit können sie die Kosten für ihren Lebensunterhalt sowie bei erfolgreicher Prüfung 75 Prozent der Gebühren (sonst 50 Prozent) finanzieren. In Bayern spendiert der Freistaat noch 2.000 Euro Meisterbonus. Handwerker im be­­rufsbegleitenden Teilzeitkurs erhalten Corona-bedingt derzeit eine 100-prozentige Förderung aus dem Europäischen Sozialfonds.

Aber nicht nur der finanzielle An­­reiz hebt die Stimmung unter den Teilnehmern im Kurs "Gestalter im Handwerk". Der Austausch zwischen kreativen Gleichgesinnten und der Transfer von Branchenwissen befruchtet ihre Wissbegier und steigert ihre Motivation. "Viele sprühen regelrecht vor Begeisterung", berichtet Barbara Schmidt, die auch die Akademie für Gestaltung und Design bei der Handwerkskammer für München und Oberbayern leitet.

Diese Atmosphäre schätzte und schätzt auch Emmanuel Heringer – als Absolvent wie als Dozent. "Das ist ein Austausch in beide Richtungen. Ich finde es spannend, wie die jungen Leute heute arbeiten. Da kann auch ein Dozent oder Meister etwas lernen", findet Heringer. Wichtig sei es, nicht auf dem eigenen Stand stehen zu bleiben, sondern sich stetig weiterzuentwickeln. Was der Einzelne aus seiner Studienzeit macht, hänge aber von ihm selbst ab. "Gestaltung ist nie fertig", betont Heringer.