Inflation Geldanlage: Wie Sie Ihr Depot in unruhigen Zeiten absichern

Die hohe Inflationsrate und der Krieg in der Ukraine verunsichern viele Sparer. Nicht nur die Verbraucherpreise steigen – auch Ersparnisse verlieren Tag für Tag an Wert. Wie Anleger ihre Depots jetzt stabilisieren können.

Lebensmittelkorb
Defensive Branchen wie die Lebensmittelindustrie sollten einen höheren Anteil im Aktienportfolio haben. - © Maksym Yemelyanov - stock.adobe.com

Ob im Supermarkt oder an der Tankstelle: Die Verbraucherpreise lagen dem Statistischen Bundesamt zufolge im April um 7,4 Prozent über denen des Vorjahresmonats. Das ist der höchste Stand seit der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990. In den alten Bundesländern hatte es zuletzt im Herbst 1981 infolge des Ersten Golfkriegs zwischen Irak und Iran eine ähnlich hohe Inflationsrate gegeben. Bereits im März 2022 war die Inflationsrate auf 7,3 Prozent geschnellt von 5,1 Prozent im Februar – vor allem wegen der gestiegenen Energiepreise. Im April hingegen zeigten überdurchschnittliche Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln zunehmend die Folgen des Ukraine-Krieges.

Philip Gisdakis, Chefanlagestratege der Hypovereinsbank (HVB) in München, sieht die Inflatonsrate "in Europa auf dem Höhepunkt des Anstiegs." Der Druck lasse zwar nicht nach wegen der Lieferkettenengpässe und der hohen Energiekosten, aber die "Preise werden nicht substanziell steigen." Diese Annahme gelte, sofern es keine Zuspitzung bei der Energieversorgung gebe und der Krieg sich nicht verschärfe. Gisdakis erwartet auf Sicht der nächsten zwölf Monate eine Inflationsrate von 7,5 Prozent in Europa und von fünf Prozent in den USA.

Vor Inflation schützen

Da der Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB) seit Jahren bei Null liegt, sind sichere Anlageformen wie Sparbuch, Tages- oder Festgeld extrem niedrig verzinst. Mehr sogar: Angesichts der hohen Inflation verlieren Anleger Geld, denn sie können sich von ihren Ersparnissen real weniger kaufen. Daran werde auch die von EZB-Chefin Christine Lagarde angedeutete, baldige Zinswende zunächst nichts ändern, ist der unabhängige Münchener Vermögensverwalter Markus Steinbeis überzeugt. "Sparer sollten deshalb umschichten von nominalen Anlagen, deren Geldwert nicht veränderbar ist, in Sachwertanlagen", rät der geschäftsführende Gesellschafter der Steinbeis & Häcker Vermögensverwaltung.

Grund: Sachwerte wie "substanzstarke Aktien, Edelmetalle, Rohstoffe, Immobilien und Fremdwährungen beweisen sich in einem instabilem Umfeld", sagt Steinbeis, indem sie das Vermögen vor Inflation schützen können.

Gisdakis von der HVB empfiehlt Anlegern, sich "über Währungen und Anlageklassen hinweg breit auf­zustellen". Kunden seines Instituts fragten derzeit Portfolios nach, die Aktienquoten von mindestens 50 Prozent hätten – je nach Investment­horizont und Risikotragfähigkeit. Als Beimischung gehöre ein Edelmetall wie Gold ins Portfolio. Der Chefanlagestratege sagt: "Bei Anleihen setze ich eher auf Bundesanleihen mit sieben- bis zehnjährigen Laufzeiten."

Höherer Anteil für defensive Branchen

Welche Branchen und Länder eignen sich momentan im Bereich der Aktien, um das Depot zu stabilisieren? Laut Gisdakis sollten "defensive Branchen wie Lebensmittel, Getränke, Haushaltsmittel und Pharma" einen deutlichen Anteil am Portfolio haben. Er rät zur Vorsicht bei hoch bewerteten Technologieaktien, "denn die werden unter massiven Druck geraten, sobald die Zinsen wieder steigen". Für gewöhnlich neigen Anleger dazu, stärker in ihrem Heimatland zu investieren. Doch wegen des Krieges in der Ukraine sollten Sparer, so Gisdakis, darauf verzichten und "Aktien aus den USA nicht vernachlässigen."

Vermögensverwalter Steinbeis meint, dass "Technologie-Aktien als Überflieger von gestern die Verlierer von morgen sein können." Bei substanzstarken Aktien hält er drei Dinge für wichtig. Das Unternehmen sollte seine erhöhten Kosten für Waren und Dienstleistungen an die Kunden weitergeben können, Zugang zu Rohstoffen haben und nur gering verschuldet sein. In welcher Form ein Anleger in substanzstarke Firmen investiert, ob er also Einzeltitel ordert, aktiv gemanagte Investmentfonds oder börsengehandelte Indexfonds, genannt Exchange Traded Funds (ETF), hängt ab von seiner Risikoneigung. Ein grundsätzlicher Vorteil von Fonds ist, dass sie schon mit kleinen Beträgen eine bessere Risikostreuung ermöglichen als einzelne Aktien. Bei ETFs kommt dazu, dass sie in der Regel automatisch einem Index folgen, weshalb sie kostengünstiger sind als aktiv verwaltete Fonds.

Blick auf einzelne Aktien

Der unabhängige Vermögensverwalter Georg Thilenius empfiehlt Handwerkern die Aktie des britischen Ölkonzerns Shell zum Kauf. Denn "so lange Russland nicht aus der Ukraine vertrieben ist, wird der Ölpreis hoch bleiben", erläutert der geschäftsführende Gesellschafter der Stuttgarter Vermögensverwaltung Dr. Thilenius Management. Für die Aktie spricht, dass sie "niedrig bewertet ist, Dividende zahlt und eine Kombination aus Öl, Gas und Flüssiggas bietet." Da er Produzenten für aussichtsreicher hält als Zulieferer, seien auch die Aktien der US-Ölkonzerne Esso und Chevron interessant.

In Deutschland sieht Thilenius Chancen bei der BASF-Aktie: "Das weltgrößte Chemieunternehmen hat seine Dividende in 30 Jahren mehr als verelffacht." Es sei zwar möglich, dass der Konzern Teile der Produktion im Falle eines Gasembargos einstellen müsse, er eigne sich jedoch als Langfrist-Investment. Wer auf einen Aktien-ETF setzen wolle, solle laut Thilenius ein Produkt wählen, das die Wertentwicklung des Index S&P 500 abbilde, der die 500 größten Unternehmen der USA enthält.

Auch Rohstoffe sind stabilisierende Sachwerte

Wie sieht es aus bei den Edelmetallen? "Gold ist die einzige Anlageklasse, die sich 2022 positiv entwickelt hat", sagt Gisdakis von der HVB. Da es das Portfolio stabilisiere, gehöre es mit einer Beimischung von etwa fünf Prozent dazu. Das könne in Form von Barren oder Münzen sein oder als börsengehandelter Rohstoff, genannt Exchange Traded Commodity (ETC). Anleger sollten jedoch beachten, dass Gold keine Erträge abwirft und im Preis schwankt. Auch Rohstoffe sind stabilisierende Sachwertanlagen. "Man kann über einzelne Aktien in Rohstoffe investieren und über ETFs, die Rohstoffindizes abbilden", sagt Vermögensverwalter Steinbeis. Aktuell interessante Beispiele seien die Rohstoffindizes Bloomberg Commodity Index und S&P Goldman Sachs Commodity Index.

In der Anlageklasse Immobilien wiederum empfiehlt Steinbeis Handwerkern, in Aktien von sogenannten Real Estate Investment Trusts oder kurz REITs zu investieren – das sind Immobilienaktien mit einer besonders hohen Dividende. Vom Kauf einer vermieteten Immobilie rät er ab, denn "der Rückenwind durch die Nullzinsphase ist vorbei".