Ökologische Vermögensverwaltung Wie sich 100.000 Euro nachhaltig anlegen lassen

Nachhaltigkeitsstrategien sind gefragt. Tatsächlich ist es jedoch nicht so einfach, Anlagen zu finden, die zu 100 Prozent dem eigenen ethisch-moralischen Kompass entsprechen. Aber ein Nachteil ist es sicher nicht, es zu versuchen.

Herzförmige Vase, grün bepflanzt, und Bauklötze mit Buchstaben ESG.
Die Abkürzung ESG steht für Environmental (Umwelt), Social (Geselllschaft), Governance (Unternehmensführung). Anlageprodukte, die mit diesem Kürzel werben, wollen besonders nachhaltig sein. - © svetlana_cherruty - stock.adobe.com

Es muss nicht jeder gleich das Lied "Nur noch kurz die Welt retten" summen, nur weil das eigene Geld nachhaltig angelegt werden soll. Wer heute 100.000 Euro, zum Beispiel aus einer Erbschaft oder einer Abfindung, auf dem Konto liegen hat, ist gut beraten, nicht nur Strafzinsen, Inflation und Renditechancen einzukalkulieren. Umweltaspekte, Fragen sozialer Gerechtigkeit und ethisch-moralische Themen haben laut dem Bundesverband der Verbraucherzentralen für immer mehr Menschen einen hohen Stellenwert bei der Geldanlage. Jeder zweite ist laut Umfragen bereit, bei Investitionen auf Nachhaltigkeit zu achten, und Nachfrage ist bekanntlich die Grundlage für steigende Kurse.

Zusätzlich hat die Europäische Union mit ihrem Aktionsplan "Finanzierung von nachhaltigem Wachstum" dieses Thema noch stärker in den Fokus der heimischen Vermögensbranche gebracht. Sie beschleunigt damit einen globalen Trend, denn schon in den letzten Jahren floss immer mehr Kapital in dieses Themenfeld. Im Dezember 2021 waren rund 2,4 Billionen Dollar in Produkten investiert, die mit Kürzeln wie ESG (Environmental, Social, Governance) oder SRI (Socially Responsible Investment) für Nachhaltigkeit werben. Aber ist das auch eine gute Anlagestrategie?

Nachhaltig anlegen: Wichtiges Investmentkriterium

"Nachhaltigkeitskriterien wirken sich auch auf die zu erwartende Entwicklung eines Wertpapieres aus", sagt Stefan Eberhardt, Geschäftsführer von Eberhardt & Cie. Vermögensverwaltung aus Villingen-Schwenningen. "Aktien von Unternehmen mit geringen Nachhaltigkeitsrisiken, welche zum Beispiel frühzeitig ökologische Standards setzen oder fair mit Mitarbeitern, Lieferanten und Kunden umgehen, haben langfristig bessere Renditeerwartungen."

Natürlich ist es aber, wie bei jedem anderen Aktieninvestment, wichtig, auf allgemeinen Kennziffern wie Kurs-Gewinn-Verhältnis oder Dividendenrendite zu achten. So gelingt es, die Werte mit der besten Substanz auszuwählen. Denn nur weil irgendwo nachhaltig draufsteht, ist das noch kein gutes Investment. "Im Rahmen einer breit aufgestellten, stabilen Vermögensstruktur ist der Nachhaltigkeitsgedanke aber ein wichtiges Kriterium", sagt Claus Walter von Freiburger Vermögensmanagement (FVM). "Denn nicht nur aus ethisch-moralischen Gründen macht es Sinn, auf Unternehmen zu setzen, die aktiv solche Themen angehen, denn sie werden auch auf absehbare Zeit gefragter sein."

Beispiel: So kann man 100.000 Euro nachhaltig anlegen

Auch für einen "grünen" Depotmix gilt die Regel: Um Risiken möglichst zu streuen, sollten nicht alle Eier in einen Korb gelegt werden. Profis achten zum Beispiel darauf, verschiedene Branchen, Regionen, Währungsräume zu mischen. Manche heimischen aktiven Nachhaltigkeitsfonds haben etwa einen Schwerpunkt in Europa. Da könnte es Sinn machen, zusätzlich auf einen global ausgerichteten ESG oder SRI selektierten Indexfonds (ETF) zu setzen, die oft einen stärkeren Schwerpunkt in den USA und Asien haben.

Zusätzlich kann der Einsatz verschiedener Anlageformen, wie zum Beispiel Unternehmensanleihen, die Anfälligkeit bei Aktienmarktschwankungen ein Stück weit abfedern. Ein schnell verfügbarer Notgroschen sorgt zusätzlich dafür, dass Papiere nicht gleich bei unvorhergesehenen Ereignissen, zum Beispiel einem kaputten Auto, in einem ungünstigen Moment verkauft werden müssen.

So könnte das aussehen:

  • 10.000 Euro: Liquiditätsreserve (Notgroschen)
  • 30.000 Euro: Passive Indexprodukte wie ESG/SRI-ETFs
  • 40.000 Euro: Aktiv gemanagte Nachhaltigkeitsaktienfonds
  • 20.000 Euro: Anleihen nachhaltiger Unternehmen

Quelle: FVM

Schwierige Auswahl

Wer 100.000 Euro mit wirklich gutem Gewissen, rentabel und möglichst sicher anlegen will, sollte die angebotenen Produkte verstehen und eine gut ausbalancierte Vermögenstruktur anstreben. Profis achten darauf, qualitativ hochwertige Papiere aus verschiedenen Regionen, Branchen, Währungsräumen und Anlageklassen zu mischen, um Risiken zu streuen. Daneben ist Nachhaltigkeit gefragt. Denn es hat sich gezeigt, dass nach diesem Kriterium zusammengestellte Indizes in den letzten Jahren im Vergleich zu den klassischen Börsenbarometern Stabilitätsvorteile bringen.

Wer aber etwas ganz bestimmtes, etwa Klimafreundlichkeit oder Umweltschutz, mit seinem Geld erreichen will, der muss genau hinsehen. "Was die verschiedenen Anbieter genau als nachhaltig bezeichnen, kann sich erheblich unterscheiden", sagt FVM-Fachmann Walter, "es gibt am Markt sehr sinnvolle, aber auch jede Menge nur grün angestrichener Angebote." So schließen zum Beispiel günstige Indexfonds (ETFs) mit ESG Kennzeichnung oft überraschend wenig aus. Wer Geld nachhaltig anlegen will, muss sich entweder sehr gut selbst informieren oder in aktives Management investieren. Auch die grünen EU-Kennzeichnungen für Finanzprodukte sind laut Anlageprofi Walter "keine Garantie" für echte Nachhaltigkeitsstrategien.

Interview

"Nachhaltigkeit ist ein Gebot der Vernunft"

Ökologisch, klimafreundlich, moralisch einwandfrei – wer heute Geld anlegt, will oft mehr als nur Rendite. Claus Walter, Vorstand der Geschäftsleitung von Freiburger Vermögensmanagement, erklärt, warum das Sinn macht und worauf es zu achten gilt.

Sollten auch nicht grün orientierte Anleger Nachhaltigkeitskriterien beachten?

Claus Walter: Für uns war Nachhaltigkeit als Investmentkriterium schon wichtig, als es noch kein Trendthema war. Wir achten seit vielen Jahren darauf, dass wir nur in Unternehmen investieren, deren Geschäftsmodell langfristig auch positiv auf die Gesellschaft wirkt und nicht unsere Lebensgrundlagen zerstört. Wir sind davon überzeugt, dass das auf Dauer auch unter Renditegesichtspunkten Sinn macht und schlicht moralisch-ethisch geboten ist.

Aber sind Kürzel wie "ESG" wirklich verlässlich?

Das kommt ganz darauf an, welche Ziele man erreichen will. Ein ESG gefilterter Index schließt zum Beispiel schon manche Unternehmen aus, die bei Nachhaltigkeitsthemen hinterherhinken. Aber es finden sich in so einer Zusammenstellung noch sehr viele Unternehmen, die ein stark ökologisch-moralisch orientierter Anleger eher nicht im Depot haben will. Die müssen genau hinsehen, wie Nachhaltigkeit konkret umgesetzt wird. Nur ein Kürzel im Namen sagt noch nicht unbedingt viel aus. Wichtig zu wissen, passive Produkte wie Indexfonds schließen nur aus, suchen aber nicht nach besonders nachhaltigen Unternehmen. Wir kombinieren deswegen solche Anlagen mit einer aktiven Auswahl von Qualitätsaktien aus verschiedenen, aussichtsreichen Branchen. Werte, die gar nicht auf Nachhaltigkeit achten oder Umsätze hauptsächlich in moralisch schwierigen Bereichen wie Rüstung oder Glücksspiel erzielen, kommen hier überhaupt nicht in Frage.

"Nur ein Kürzel im Namen sagt noch nicht unbedingt viel aus."

Claus Walter, Vorstand der Geschäftsleitung Freiburger Vermögensmanagement

Darf ein nachhaltiges Finanzprodukt Atomkraftwerte enthalten?

Das ist letztlich eine ganz persönliche Bewertung. In Deutschland herrscht die Meinung vor, dass die Frage der Lagerung des nahezu ewig strahlenden Abfalls nicht geklärt ist und das nicht nachhaltig sein kann. Auf der anderen Seite sagen zum Beispiel die Franzosen, durch Atomkraft lässt sich der Kohlendioxidausstoß verringern, was das drängendere Problem ist. Wir haben uns dazu entschieden, in unseren Portfolien nicht in Werte zu investieren, die auf Atomkraft als Zukunftstechnologie setzen.

Lässt sich Nachhaltigkeit überhaupt eindeutig definieren?

Für uns sind moralische-ethische Aspekte essenzieller Bestandteil einer verantwortungsbewussten Anlagepolitik. Was im Einzelnen dann zum Beispiel nach den Vorgaben der EU als nachhaltig definiert wird und was nicht, darüber kann vortrefflich gestritten werden. Wir haben das bisher für uns im Einzelfall sehr pragmatisch gehandhabt und etwa auch ernsthaftes Bemühen honoriert. Wenn zum Beispiel ein klassischer Industriewert versucht, den CO2-Ausstoß signifikant zu senken, kann das unserer Ansicht nach unter dem Strich sehr viel Positives bewirken, auch wenn es nicht sofort als nachhaltig eingestuft wird.

Wenn es kompliziert ist, passende nachhaltige Geldanlagen zu finden, bringt das dann überhaupt etwas?

Achten Unternehmen auf Nachhaltigkeit, sind ihre Aktien schon heute gefragter und haben auf die Krisen in den letzten Jahren im Schnitt weniger stark reagiert. Da der Kurserfolg ein entscheidendes Kriterium für die Bewertung des Managements ist, ist sicher auch die Motivation hoch, solche Themen anzugehen. Die von der EU festgelegten Standards sind nicht perfekt und haben Lücken. Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung, der eine positive Wirkung hat, die Anleger einkalkulieren sollten. Nachhaltigkeit ist inzwischen bei Investments auf jeden Fall kein Nachteil mehr und eigentlich schon immer ein Gebot der Vernunft.