Höhere Zinsen für Fest- und Tagesgeld werden durch die Inflation geschmälert. Wer langfristig orientiert ist und stabile Erträge sucht, kann auf Dividendenausschüttungen setzen.

Trotz der Zinswende der Zentralbanken sind die Zeiten für Anleger schwierig: Die Inflationsrate in Deutschland ist zwar nach einer ersten Schätzung des Statistischen Bundesamts im November leicht gesunken auf zehn Prozent. Doch die anhaltend hohe Inflation greift die Ersparnisse auf Tages- und Festgeldkonten an, das Geld verliert an Kaufkraft. Das Deutsche Aktieninstitut (DAI) in Frankfurt am Main hat anlässlich des Weltspartags gemeldet, angesichts hoher Inflationsraten sei das Sparen mit Aktien wichtiger denn je. Denn eine langfristige, breit gestreute Aktienanlage habe in der Vergangenheit jährliche Renditen von durchschnittlich sechs bis neun Prozent erwirtschaftet.
2021 hatten dem DAI zufolge knapp 12,1 Millionen Menschen in Deutschland Aktien, Aktienfonds oder aktienbasierte börsengehandelte Indexfonds (Exchange Traded Funds oder kurz ETFs) im Depot. Damit sei rund jede sechste Person, also 17,1 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren, weiter am Aktienmarkt engagiert gewesen. Nach dem starken Anstieg der Zahl der Aktiensparer 2020 habe sich das Interesse der Menschen an Aktien, Aktienfonds und ETFs 2021 stabilisiert, wenngleich es einen Rückgang um 280.000 Anleger gegenüber dem Vorjahr gegeben habe.
Am Stichtag im Depot
Wer langfristig orientiert ist und kurzfristige Rückschläge verkraftet, kann ein Zusatzeinkommen mit den Ausschüttungen aus Dividendenaktien erzielen. Hintergrund: Die Dividende ist der Teil des Gewinns, den eine Aktiengesellschaft an diejenigen Aktionäre ausschüttet, welche die Aktie am Stichtag im Depot hatten. In Deutschland ist dies in der Regel der Tag der jährlichen Hauptversammlung. Hier schlägt der Vorstand die Höhe der Dividende vor und die Aktionäre stimmen darüber ab. In der Regel wird die Dividende am anschließenden Geschäftstag auf das Verrechnungskonto des Wertpapierdepots ausgeschüttet. Der Aktienkurs sinkt nun um den Betrag der Dividende, was im Fachjargon heißt: Die Aktie wird "Ex Dividende" gehandelt. Bei Firmen aus dem Ausland sind mehrere Ausschüttungstermine im Jahr möglich, etwa die Quartalsdividenden in den USA. Es gibt auch Unternehmen, die keine Dividende ausschütten, weil sie ihre Gewinne zum Beispiel für Investitionen einsetzen.
"Mit Dividendenaktien hat man einen werthaltigen, relativ stabilen Baustein fürs Portfolio, der regelmäßige Erträge bringt und derzeit günstig bewertet ist", sagt Frank Klumpp, Aktienstratege bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) in Stuttgart. Er erwartet zwar für das erste Halbjahr 2023 weitere Kursrückgänge an den Aktienmärkten aufgrund der Konjunkturschwäche, der hohen Inflation und des Ukrainekriegs, aber dennoch böten Dividendenaktien vor allem aus den Branchen Pharma, Telekommunikation und Versorger eine "langfristig gute Perspektive." Mit dividendenstarken Aktien können sich Anleger "etwas von den Markt- und Konjunkturrisiken lösen", erläutert Klumpp. Neben diesen Makro-Risiken bestehen unternehmensspezifische. Möglicherweise laufen die Geschäfte schlechter als erwartet und das Unternehmen kürzt oder streicht die Dividende.
Auch Anleger, die über einen aktiv verwalteten Fonds oder einen ETF in Dividendenaktien investieren, haben Anspruch auf die Ausschüttungen – es sei denn, der Fonds behält die Dividenden ein und investiert sie wieder. Diese Fondsvariante nennt man thesaurierend.
Unter der Lupe
Wie können Dividendenjäger bei der Aktienauswahl vorgehen? "Wichtigste Kennzeichen sind die Dividendenrendite und ein stabiles Geschäftsmodell, also nicht zu stark schwankende Gewinne", rät Klumpp. Die Kennzahl Dividendenrendite errechnet sich so: Die Dividende je Aktie wird geteilt durch den Aktienkurs und das Ergebnis multipliziert mit 100. Schüttet eine Aktiengesellschaft zum Beispiel vier Euro Dividende aus und beträgt der Aktienkurs 80 Euro, liegt die Dividendenrendite bei fünf Prozent. Wichtig sei auch, dass die Ausschüttungsquote nicht zu hoch ist, also der Anteil der Dividende von Gewinn.
Der unabhängige Münchener Vermögensverwalter Markus Steinbeis warnt Anleger, nicht nur auf eine hohe Dividendenrendite zu achten – es gehe um Nachhaltigkeit. "Man sollte immer schauen, wie hoch die Dividende pro Aktie im Verhältnis zum Gewinn pro Aktie ist", sagt der geschäftsführende Gesellschafter der Steinbeis & Häcker Vermögensverwaltung. Beispiel: Beträgt der Gewinn pro Aktie zehn Euro, ist eine Dividende von einem Euro nachhaltiger als eine von acht Euro, weil das Unternehmen dann mehr finanziellen Spielraum hat, etwa für Investitionen.
Branchen und Regionen
Steinbeis empfiehlt im inflationären Umfeld, zunächst in Frage kommende Aktien nach Branchen und Regionen gestreut auszuwählen und erst dann auf die Dividendenrendite zu schauen. Wichtig sei zudem, ob die Branche im Laufe des Konjunkturzyklus schwanke und wie stark das Unternehmen verschuldet sei. Für interessant hält der Vermögensverwalter die Branchen Industrie, Infrastruktur, Immobilien, nicht-zyklische Konsumwerte – dazu gehören etwa Nahrungsmittelkonzerne – sowie Pharma, Rohstoffe, Technologie, Telekommunikation, Versorger und Versicherungen. Er würde "unbedingt global nach Dividendenaktien schauen und nicht nur europäisch. Denn wir wissen nicht, wie sich Europa im Verhältnis zu den anderen Wirtschaftsräumen entwickeln wird".
Steinbeis gibt zu bedenken, dass in einem inflationären Umfeld diejenigen Firmen Gewinne machen, deren Produkte wegen ihrer starken Marke gekauft werden, unabhängig vom Preis: "Diese Entwicklungen sind für Aktionäre wichtiger als der reine Fokus auf die Dividenden."
Aktienstratege Klumpp von der LBBW beobachtet zwar, man finde "gerade in Europa dividendenstarke Aktien mit niedrigen Bewertungen". In den USA seien viele Wachstumstitel beheimatet, die keine Dividenden zahlten. Trotzdem sollten Aktionäre auch einen bis zwei US-Werte im Depot haben, so Klumpp, weil sie dann "in verschiedenen Währungsräumen investieren". Interessante Branchen seien neben den bereits genannten auch Versicherungs- und Autowerte. Klumpp: "Und in den USA würde ich auf nicht-zyklische Konsumaktien setzen."
Ein Blick auf Dividenden-ETFs
ETFs, also börsengehandelte Indexfonds, sind passiv und daher billiger als aktiv verwaltete Fonds. Ein Index ist zum Beispiel der MSCI World, der die Wertentwicklung von rund 1.600 Aktien aus 23 Industrieländern abbildet. Wer im Finanzportal "onvista" Aktien-ETFs sucht, die einer Dividendenstrategie folgen, erhält 64 Ergebnisse (Stand: 12. Dezember 2022). 41 schütten die Dividenden aus und 23 sind "thesaurierend" – sie legen die Dividenden wieder an. 47 der dargestellten ETFs bauen ihren Index exakt nach, was als "vollständig replizierend" bezeichnet wird. Bei zehn ETFs ist der Nachbau "optimiert": Es werden also nur ausgewählte Aktien des Index gekauft. Weitere sieben ETFs investieren in andere Werte und tauschen diese zur Index-Nachbildung mit einem Partner. Das heißt synthetische Replikation.
