Sorge vor "Blackout" und Preiswelle Gasknappheit: "Handwerk kann Lösungen anbieten"

Robert Habeck hat die zweite Stufe des Notfallplans Gas ausgerufen. Im Handwerk steigt damit die Sorge vor Preissprüngen, reduzierten Gaslieferungen oder einem vollständigen Stopp. Die Branche fordert Planungssicherheit – und bietet ihre Mithilfe an.

Die Verbraucherpreise für Gas könnten sich verdreifachen. - © DWP - stock.adobe.com

Holger Eichele spricht von einer "tiefen Sorge vor einem Blackout". Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes fürchtet um die Gasversorgung seiner Branche. Etwa zwei Drittel der deutschen Brauereien sind nach Angaben des Verbandes auf Gas angewiesen. Auch wichtigen Zulieferern wie der energieintensiven Glasindustrie drohe der Kollaps, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Die Brauereien bräuchten nun dringend Planungssicherheit, sowohl für die Pandemie als auch für Energieversorgung.

Verdreifachung der Preise möglich

Mit seiner Forderung steht Eichele nicht alleine da. Spätestens seit Ausrufung der Alarmstufe geht in Wirtschaft und Bevölkerung die Angst um. Dem Gasmarkt droht ein Preisgalopp, die Versorgungssicherheit ist gefährdet. Bereits in den vergangenen Wochen haben sich die Einkaufspreise der Gasversorger vervielfacht. In laufenden Verträgen dürfen sie ihre Mehrkosten noch nicht an Kunden weitergeben. Ein Szenario, das jedoch immer näher rückt. Stellt die Bundesnetzagentur eine "erhebliche Reduzierung der Gesamtgasimportmengen nach Deutschland" formal fest, wären Preisgarantien in Verträgen hinfällig. Der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, hält eine Verdreifachung der bisherigen Gasrechnung für möglich.

Viele Handwerksbetriebe von Gas abhängig

"Solche Kostensteigerungen sind von den betroffenen Betrieben nicht zu schultern und könnten auch kaum an die Verbraucher weitergegeben werden", warnt Britta Grahneis, Vizepräsidentin der Handwerkskammer Halle. Viele Handwerksbetriebe seien vom Gas abhängig, nicht nur beim Heizen der Betriebsräume. In etlichen Gewerken ist Gas ein Produktionsmittel, etwa zum Betreiben von Backöfen, zum Trocknen von Lacken oder für den Betrieb von Glüh- und Brennöfen. Grahneis fordert die politischen Akteure auf, das Handwerk nicht im Regen stehen zu lassen.

Gewerbetreibende mit niedrigem Verbrauch auch bei Notstand besonders geschützt

Die Branche sei für die Versorgungssicherheit der Bevölkerung von großer Bedeutung, betont Ulrich Wagner, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für Schwaben. Sollte sich die Lage am Gasmarkt weiter zuspitzen, müsse das Handwerk dringend weiter versorgt werden.

In der dritten und letzten Eskalationsstufe würde die Bundesnetzagentur darüber entscheiden, wer noch Gas bekommt. Besonders geschützt wären neben privaten Haushalten auch Endverbraucher, die nur geringe Mengen Gas für gewerbliche und berufliche Zwecke nutzen. Darunter würden nach aktuellem Stand Gewerbebetriebe mit weniger als 1,5 Millionen Kilowattstunden pro Jahr fallen.

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Bis zu 10 Prozent weniger Verbrauch bei optimiertem Heizungssystem

Damit der Notfall gar nicht erst eintritt, könne das Handwerk seinen Kunden sofort wirkende technische Lösungen anbieten, um den Gasverbrauch deutlich zu drosseln. Mit einer Optimierung des Heizungssystems im Bestand könnten häufig bis zu zehn Prozent des Verbrauchs kurzfristig eingespart werden, so Wagner. "Diese Potenziale müssen sofort genutzt werden. Wir dürfen nicht bis zum Winter warten." Auch Vize-Kanzler Habeck forderte dazu auf, Heizungsanlagen dringend warten zu lassen. "Es macht Sinn, die Heizung vernünftig einzustellen", sagte er.

"Akt der Solidarität unverzichtbar": Handwerksvertreter fordert zu Einsparungen auf

Das alleine wird allerdings nicht ausreichen. Wagner ruft deshalb zu Einsparungen auf breiter Front auf. Jeder könne und müsse dazu beitragen: "Dieser Akt der Solidarität ist jetzt unverzichtbar. In allen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft muss jetzt intensiv geprüft werden, wo Sparpotenziale zu nutzen sind." Einen "Leitfaden für Energieeffizienz im Handwerk" finden Betriebe bei der Mittelstandsinitiative Energiewende und Klimaschutz (MIE). Unternehmer können dort ihr Einsparpotenzial ermitteln und erhalten konkrete Anleitungen sowie Best-Practice-Beispiele, um ihren eigenen Verbrauch zu reduzieren.

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Stromerzeugung aus Gas durch Steinkohleverstromung ersetzen

Die Politik müsse derweil nach Alternativen Ausschau halten und diese vorantreiben. Neben einem schnellstmöglichen Ausbau der Erneuerbaren Energien fordert Wagner dazu auf, die geplanten Floating LNG-Terminals zügig fertigzustellen und die Stromerzeugung aus Gas weitestgehend durch Steinkohleverstromung zu ersetzen.

Mit Inhalten der dpa