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Konjunkturprogramm Deutschland will bei KI aufholen: Wie diese dem Handwerk helfen kann

Die Bundesregierung will als Antwort auf die Corona-Krise deutlich stärker als bislang in Digitalisierung und künstliche Intelligenz investieren. Davon könnte auch das Handwerk profitieren.

Die Bundesregierung misst der Digitalisierung einen wachsenden Stellenwert bei. Bester Beleg dafür ist das 130 Milliarden Euro schwere Konjunkturprogramm, mit dem die Folgen der Corona-Pandemie abgefedert werden sollen. Aus dem veröffentlichten Eckpunktepapier geht hervor, dass etwa ein Drittel der Investitionen in Digitales fließen sollen. Unter Punkt 43 findet sich dabei eines der großen Zukunftsthemen: Künstliche Intelligenz (KI).

Die geplanten Ausgaben für KI bis 2025 werden mit dem Konjunktur­paket um rund 67 Prozent aufgestockt. Statt der bislang veranschlagten drei Milliarden sollen damit fünf Milliarden Euro für KI aufgewendet werden. Die Regierung begründet, dass KI bei der Produktinnovation und damit beim wirtschaftlichen Wachstum in nahezu allen Bereichen eine entscheidende Rolle spielen werde. Deutschland wolle ein "KI- Ökosystem von internationaler Strahlkraft aufbauen."

200 Millionen für KI in Europa

Auch die EU will verstärkt in KI investieren, um im Wettbewerb mit den USA und China aufzuholen. Aus dem im Februar von der Europäischen Kommission vorgestellten Weißbuch zur künstlichen Intelligenz geht hervor, dass in den nächsten zehn Jahren mehr als 200 Milliarden Euro für KI mobilisiert werden sollen.

Doch mit Investitionen allein ist es nicht getan. Damit der Transfer von der Wissenschaft in die Wirtschaft gelingt, soll laut Plänen der Bundesregierung neben der KI-Forschung auch ein Schwerpunkt auf die Förderung von Startup-Projekten gelegt werden. 2019 stieg die Anzahl von Neugründungen in diesem Ge­schäftsfeld um 62 Prozent.

Dass die Schwelle zum Einsatz von KI in der Wirtschaft noch sehr hoch ist, zeigt eine aktuelle Studie des Branchenverbands Bitkom. So bewerten 73 Prozent der befragten Unternehmen KI zwar als entscheidende Zukunftstechnologie, jedoch haben bislang nur sechs Prozent von ihnen KI-Anwendungen im Einsatz. 22 Prozent planen KI-Investitionen für die Zukunft. Vor der Corona-Krise waren es hingegen nur neun Prozent.

Ganz oben auf der Liste der KI-­Anwendungen stehen personalisierte Werbung, automatisierte Buchungen im Zahlungsverkehr sowie automatisierte Antworten auf Anfragen und Reklamationen. In den nächsten Jahren könnte KI laut den Befragten auch verstärkt in der Planung von Transportrouten, der vorausschauenden Wartung und der Preisoptimierung genutzt werden.

Entlastung von Mitarbeitern

Als größter Vorteil von KI wird die Entlastung von Mitarbeitern genannt. Die Vermeidung von menschlichen Fehlern sowie schnellere und präzisere Problem­analysen sprechen aus Sicht der Unternehmen ebenso für den KI-Einsatz. Hingegen nennen nur 16 Prozent der Befragten Kosteneinsparungen als wichtigen Vorteil.

Speziell im Handwerk mit seinen von kleinen Betrieben geprägten Strukturen ist die Schwelle zum KI-Einsatz noch höher als in der Gesamtwirtschaft. Das zeigt der aktuelle "Digitalisierungsindex Handwerk" der Deutschen Telekom. Demnach halten 40 Prozent der befragten Handwerksbetriebe KI vorerst nicht für relevant. Weitere 30 Prozent sehen zwar eine Relevanz von KI, aber haben noch keine konkreten Absichten, die Technologie in ihre Geschäftsprozesse einzubinden.

Dass sich das Handwerk in den nächsten Jahren jedoch deutlich stärker mit KI beschäftigen wird, glauben die Hauptgeschäftsführer der Handwerksorganisation, die im Juli 2019 vom ZDH befragt wurden. 96 Prozent der Befragten sehen für das Handwerk mittelfristig deutliche Nutzungspotenziale von KI-Anwendungen. 91 Prozent der Hauptgeschäftsführer gehen zudem davon aus, dass Betriebe, die KI nutzen, einen Wettbewerbsvorteil haben werden.

Innovationsturbo KI im Handwerk

Künstliche Intelligenz (KI) hat sich zur Speerspitze der Digitalisierung entwickelt. In den letzten zehn Jahren haben alle erfolgreichen Handwerksbetriebe die erste Welle der Digitalisierung durchlaufen: Messwerte werden digital erfasst, Daten werden digital gespeichert, Information wird digital übertragen und verarbeitet. Derzeit rollt nun mit der KI eine zweite Welle der Digitalisierung auf das Handwerk zu, die als Innovationsturbo für Geschäftsmodelle, Betriebsprozesse und Kundenangebote wirkt.

Mit KI wird es nämlich erstmals möglich, auch die Inhalte digitaler Daten zu erkennen, zu analysieren und damit letztlich zur Wertschöpfung zu nutzen. Mit einem Smartphone kann der Handwerker über ein Video beim Kunden von einem KI-System einen seltenen, ihm bislang nicht bekannten Objektzustand direkt vor Ort und in wenigen Sekunden erkennen lassen und passende Handlungsempfehlungen abrufen. Durch maschinelles Lernen über sehr großen Mengen von Trainingsdaten übertreffen KI-Systeme oftmals die Leistungen selbst von Experten.

Wolfgang Wahlster

Durch das Internet der Dinge, die Cloud und Echtzeitkommunikation über 5G wird zukünftig für Handwerksbetriebe der Zugriff auf alle relevanten Sensordaten bei ihren Kunden möglich, so dass KI-Systeme zur Ferndiagnose, -wartung und -reparatur einsetzbar werden. Neue kostensparende Geschäftsmodelle wie die prädiktive Instandhaltung, bei der ein Handwerksbetrieb durch eine KI-Analyse von Sensordaten die Notwendigkeit einer Wartung als Ersatz für die routinemäßige vorbeugende Wartung ermittelt, werden mit den neusten Verfahren des "Deep Learning" praktisch umsetzbar. Mobile, kostengünstige Leichtbauroboter (sog. Cobots) können dem Handwerker bei seiner physischen Arbeit assistieren und ihn bei monotonen Arbeiten entlasten.

Roboter können aber Handwerker im Gegensatz zu Fabrikarbeitsplätzen auch langfristig nicht ersetzen. Der Begriff "Handwerk" betont ja die herausragende Bedeutung der sensor-motorischen Intelligenz des Menschen. Die Leistungen der menschlichen Sinne sind auch in den nächsten Jahrzehnten im Zusammenspiel mit dem universell einsetzbaren Werkzeug "Hand" nicht durch Roboter zu ersetzen, sondern lediglich zu ergänzen. Insgesamt hat die KI das Potenzial, Handwerksbetriebe zukunftssicherer, kundenfreundlicher und vor allem profitabler zu machen.

wahlster@dfki.de

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