Familie und Beruf Frauen in der Corona-Krise: Spagat zwischen Familie und Beruf

Bereits zu Beginn der Krise im vergangenen Jahr war zu lesen, dass Frauen durch Corona mehr belastet sein sollen als Männer. Während Frauen in der Praxis diesen Punkt zumindest nicht eindeutig verneinen, zeigen Studien ein differenziertes Bild.

Noch immer fordert die Pandemie uns allen alles ab. Rückblickend könnte sich jedoch herausstellen, dass Frauen in dieser Zeit am stärksten belastet waren durch Beruf, Kinderbetreuung und Homeschooling. - © bella - stock.adobe.com

Dennoch: "Ich würde das schon so sehen, dass Frauen stärker betroffen sind als Männer", sagt Christiane Zieher, Unternehmensberaterin der Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald. "Es kommt auf die familiäre Situation an. Bei einer selbstständigen und alleinerziehenden Friseurin oder Kosmetikerin kann es jetzt schon um die Existenz gehen, weil die Einnahmen komplett weggebrochen sind."

Beruflich vom Lockdown betroffen

Im Handwerk arbeiten Frauen besonders häufig in Berufen, die vom Lockdown betroffen sind: Friseurinnen, Kosmetikerinnen, Maßschneiderinnen, Goldschmiedinnen, etc. "Ich hatte einige Telefonate mit Frauen, die verzweifelt sind. Die Miete muss ja trotzdem bezahlt werden. Manche Vermieter lassen mit sich reden und stunden die Miete, andere jedoch nicht", erzählt Christiane Zieher.

Während die große Zahl männlicher Handwerker in Gewerken wie Bau oder Ausbau arbeitet und einigermaßen krisensicher durch die Pandemie kommt, sind viele Handwerkerinnen in „typischen“ Frauenberufen in ihrer Selbstständigkeit bedroht. "Die Frauen wollen ihre Selbstständigkeit nicht aufgeben. Sie haben sie sich schwer erarbeitet", sagt Christiane Zieher. Existenzgründerinnen träfe es besonders hart, da sie auch nicht in jedem Fall Corona-Hilfen erwarten könnten. Wer jedoch in die Meisterausbildung und die Eröffnung eines Ladens investiert hat, steht jetzt mitunter nach einem Jahr Pandemie mit dem Rücken zur Wand.

Für Margret Mahr, 1. Vorsitzende der Unternehmerfrauen im Handwerk Stuttgart, ist eine Unternehmerfrau in vielen Fällen auch Ansprechpartnerin im Betrieb, wenn es um Mitarbeiter geht. Im Außendienst und im Kundenkontakt seien durch Corona viele Fragen aufgekommen: Wie man sich verhalten und wie man sich schützen muss.

Informationen zu Beginn schwer zu bekommen

Niemand hatte ja Erfahrung mit dieser Situation. Deshalb war es zu Beginn der Pandemie für Unternehmen auch schwer, Informationen zu bekommen. Häufig war unklar, welche Behörde oder welches Amt der richtige Ansprechpartner ist. Den Unternehmerfrauen fiel dann die Aufgabe zu, die sich ständig verändernden Regeln auf dem neuesten Stand zu halten. Schutzkonzepte und -maßnahmen mussten erarbeitet und im Betrieb umgesetzt werden. "Oft ist man sich ja unsicher, wie man mit einer Situation umgehen soll. Das sind sensible Themen, um die sich in vielen Fällen die Unternehmerfrau kümmert", sagt Margret Mahr.

Mit der beruflichen Situation vermischt sich die private Komponente. "Für Frauen spielt immer das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine wichtige Rolle", weiß Christiane Zieher. Schon ohne Corona-Krise keine leichte Aufgabe, die nun durch Distanzunterricht und Kinderbetreuung noch erschwert wurde. "Berufstätige Frauen, die sich auch um Kinder und Haushalt kümmern, sind sicherlich stärker belastet als Frauen ohne Kinder", sagt Margret Mahr.

Passend dazu fragte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) in einer Studie, wie die Sorgearbeit (Kinderbetreuung und Haushalt) in einer klassischen Familie – Vater, Mutter, Kind(er) bis etwa zwölf Jahre – aufgeteilt ist. Die Befragung zur Situation im ersten Lockdown ergab ein differenziertes Bild: Einerseits hat sich der Anteil der Familien, in denen die Mutter alles übernimmt, von acht auf 16 Prozent verdoppelt. In 27 Prozent der Familien ist Hausarbeit fast vollständig allein Frauensache (vorher 22 Prozent). Andererseits ist der Anteil der Familien, in denen sich die Eltern die Arbeit schon vor der Pandemie einigermaßen gleich geteilt haben, stabil geblieben. "Das ist eine gute Nachricht, weil diese Paare eine Aufteilung gefunden haben, die krisenfest ist", fasst Katharina Wrohlich, Leiterin der Forschungsgruppe Gender Economics, zusammen. "Die schlechte Nachricht ist: In den Familien, in denen sich die Väter nur wenig beteiligen, sind die Frauen offensichtlich ins traditionelle Rollenbild gerutscht."

Vor dieser Entwicklung warnte schon früh in der Pandemie die Soziologin Jutta Allmendinger und auch Unternehmensberaterin Christiane Zieher befürchtet: "Ich sehe schon die Gefahr, dass Frauen in traditionelle Rollenbilder zurückfallen, obwohl sie das gar nicht möchten."

Fehltage aufgrund psychischer Belastung

Bleibt die Frage, ob sich am Krankenstand die Belastung der Frauen nachvollziehen lässt. Die Krankenkasse DAK meldet, dass Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen im vergangenen Jahr einen Höchststand erreicht haben und davon fast ausschließlich Frauen betroffen seien.

Dieses Ergebnis deckt sich jedoch nicht mit den aktuellen Zahlen der Innungskrankenkasse IKK classic. In deren Analyse belegen psychische Erkrankungen (13,8 Prozent) hinter Muskel- und Skeletterkrankungen (35,4 Prozent) sowie Verletzungen und Vergiftungen (16,6 Prozent) den dritten Platz.

Damit haben sie im vergangenen Jahr zwar um 0,4 Prozentpunkte zugelegt, doch kann diese Zunahme nicht allein der Corona-Krise geschuldet sein. "Das ist eine Tendenz, die wir schon seit einigen Jahren mit Sorge beobachten", sagt Michael Förstermann, Pressesprecher der IKK classic. Der Krankenstand bei Versicherten im Handwerk lag 2020 mit 5,5 Prozent nur leicht über Vorjahr. "Viele Menschen haben zu Hause gearbeitet und ihre Kinder betreut, andere Arztbesuche aus Angst vor Ansteckungen zurückgestellt. Und im Homeoffice meldet man sich bei einer Erkrankung des Kindes vielleicht auch seltener krank", so Michael Förstermann.