Untersuchung zum Arbeitsschutz Fachkräftemangel gefährdet die Gesundheit von Handwerkern

Der Fachkräftemangel hat negativen Einfluss auf die Gesundheit und Sicherheit von Mitarbeitern. Das zeigt eine Untersuchung des Instituts für Arbeitsschutz. Die Folgen spüren die Baubranche oder das Fleischerhandwerk schon heute.

Im Baugewerbe fehlt es an Fachkräften. Der Mangel an Personal hat aber nicht nur wirtschaftliche Folgen. Auch die Gesundheit der Beschäftigten leidet. - © weerasak - stock.adobe.com

Im Handwerk fehlen aktuell 65.000 Fachkräfte. Das hat nicht nur wirtschaftliche Folgen, sondern birgt auch Risiken für ein gesundes und sicheres Arbeiten, wie eine aktuelle Untersuchung des Instituts für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) zeigt. Demnach ist der Fachkräftemangel in 33 von 42 untersuchten Branchen, darunter auch solche außerhalb des Handwerks, absehbar ein Risiko für die dort arbeitenden Beschäftigten.

"Wenn Belegschaften schrumpfen, erhöht das in der Regel den Druck auf die, die bleiben. Stress ist eine mögliche Folge", sagt Dietmar Reinert, Direktor des IFA. Um dem zu begegnen, fänden sich in der Arbeitswelt immer mehr Fachfremde oder gar Ungelernte. "Beides – Stress und mangelndes Fachwissen – lässt die Wahrscheinlichkeit für Fehler – und damit für Arbeitsunfälle – steigen."

Die Untersuchung zeigt, dass der Fachkräftemangel etwa im Gebäudereingerhandwerk, Elektrohandwerk, Fleischerhandwerk, Sanitär-, Heizung- und Klima-Handwerk sowie Hochbau ein hoher Risikofaktor ist.

Fleischerhandwerk: Fachkräftemangel führt zu hoher Arbeitsbelastung

Inwiefern sich der Fachkräftemangel auswirkt, zeigt sich am Beispiel des Fleischerhandwerks. Laut IFA-Experten sind fehlende Fachkräfte hier der Faktor, der die Gesundheit und Sicherheit der Beschäftigen am stärksten beeinträchtigt. Es fehlt seit Jahren an Auszubildenden, der Anteil an älteren Mitarbeitern in den Handwerksbetrieben nimmt zu. Etwa zwei Drittel der Beschäftigten sind älter als 50 Jahre.

Gleichzeitig herrscht ein großer Zeitdruck. 750 Millionen Tiere werden pro Jahr in Deutschland geschlachtet. Vor allem in der Fleischindustrie sind taktgebundes arbeiten an den Schlacht- und Zerlegebahnen sowie Schichtbetrieb an der Tagesordnung. Körperliche und psychische Ermüdungen sind programmiert.

Ein weiterer Risikofaktor sind dem IFA zufolge die vielen ausländische Beschäftigten in der Branche (mehr als 30 Prozent). Eingeschränkte Deutschkenntnisse könnten es erschweren, dass Präventionsbotschaften verstanden und umgesetzt werden. Als weitere Risiken für die Gesundheit nennen die Experten aber auch scharfe Werkzeuge und gefährliche Maschinen sowie einseitige körperliche Belastungen bei der Arbeit und prekäre Arbeitsverhältnisse. Ein Grund, warum der Gesetzgeber Werkverträge in der Fleischindustrie erst kürzlich verboten hat.

Fazit: Für 2019 nennt das IFA 13.255 meldepflichtige Arbeitsunfälle in der Fleischwirtschaft. Das seien mehr als doppelt so viele wie im branchenübergreifenden Durchschnitt.

Hochbau: Ältere Mitarbeiter fallen häufiger aus

Ein weiteres Beispiel für den Einfluss des Fachkräftemangels auf die Gesundheit zeigt sich im Hochbau. Die IFA-Experten sprechen von einem Teufelskreis. Nachwuchs sei aufgrund des schlechten Branchenimages abgeschreckt, gleichzeitig werden auch die Mitarbeiter im Hochbau immer älter. Der Anteil der über 50-Jährigen betrug im Jahr 2017 bereits 31,4 Prozent. Diese Altersklasse verkrafte die Schwerarbeit schlechter – und falle dementsprechend schneller aus. Zudem ist auch hier der Anteil an ausländischen Beschäftigen groß, was zum Beispiel zu Sprachbarrieren führt.

Andere Risikofaktoren kommen hinzu: Neben klassischen Themen wie Lärm oder einseitigen körperliche Beanspruchungen zählt dazu eine zunehmende Arbeitsverdichtung und eine hohe Arbeitslast für den Einzelnen.

Auch alternde Gesellelschaft und Migration spielen eine Rolle bei der Gesundheit

Wie die Beispiele deutlich machen, birgt nicht nur der Fachkräftemangel Risiken. Andere gesellschaftliche und technologische Entwicklungen haben ebenfalls Einfluss auf die Sicherheit und den Gesundheitsschutz bei der Arbeit. Das spiegele sich laut der IFA-Experten auch in den anderen Branchen wieder. Risikofaktoren haben demnach zunehmend ihre Ursachen in Entwicklungen wie einer alternden Gesellschaft, Migration und Digitalisierung. Klassische Arbeitsschutzthemen wie Lärm oder Gefahrstoffe spielten zwar weiterhin eine Rolle, doch seien nicht mehr die dominierenden Herausforderungen.

Im Rahmen der aktuellen Befragung wurden 42 Branchen in den Fokus genommen. Dabei bewerteten 800 Aufsichtspersonen der Berufsgenossenschaften und Unfallkassen im Durchschnitt 40 Entwicklungen pro Branche. Die Grafik zeigt, welche Themen von den Branchen am häufigsten als Risikofaktoren genannt wurden:

Präventionsangebote müssen erweitert und optimiert werden

Aus den gewonnenen Erkenntnissen schließt IFA-Direktor Reinert, dass die klassischen Instrumente des Arbeitsschutzes nicht mehr ausreichen, um diesen Herausforderungen zu begegnen. Es erscheine umso wichtiger, dass Arbeitsschutzinstitutionen hier auch andere Wege beschreiten: "Gerade bei Themen wie Fachkräftemangel oder auch Demografie können Berufsgenossenschaften und Unfallkassen über ihre Selbstverwaltung in den politischen Raum hineinwirken und Maßnahmen befördern, von denen mittelbar auch der Arbeitsschutz und damit die Betriebe und die Beschäftigten profitieren", sagt der Experte.

In umfassenden Branchenbildern hat das IFA die Situation der einzelner Branchen näher dargelegt und Ansatzpunkte für den Arbeitsschutz der Zukunft erarbeitet. Für den Hochbau, in dem viele ausländische Beschäftigte arbeiten, empfehlen die Experten zum Beispiel zielgruppengeeignete Informationen und Medien. So könne das Bewusstsein und Verständnis für Gefährdungspotenzialen gefördert werden. Aber auch Abbruchroboter oder intelligente PSA zum Schutz vor Gefahrstoffen könnten den Arbeitsschutz hier zukünftig weiter verbessern.

Arbeitsschutz der Zukunft: Tipps für Arbeitgeber im Handwerk

Welche Themen beeinflussen in Zukunft die Arbeitssicherheit und -gesundheit in einzelnen Branchen? Das hat das IFA sowohl beispielhaft in einer Broschüre, als auch in umfassenden Branchenbildern zusammengefasst. Hier finden auch Arbeitgeber im Handwerk nützliche Tipps, wie sie (zukünftigen) Risikofaktoren entgegentreten und den Arbeitsschutz weiter verbessern können:

>>> Hier geht es zum Download der Broschüre des IFA: Arbeitswelten.Menschenwelten: Prioritäten für den Arbeitsschutz von morgen

>>> Zu den Downloads der umfassenden Branchenbilder geht es hier: Branchenbilder A-Z