Reach-Verordnung Wenn Gesundheitsschutz zur Gefahr für Instrumentenbauer wird

Durch die europäische Chemikalienverordnung Reach könnten wichtige Metalle für den Bau von Blechblasinstrumenten verboten werden. In Zusammenarbeit mit einem Forschungsinstitut suchen Handwerker nach Alternativen.

Tommi Kaiser prüft Trompete
Metallblasinstrumentenmachermeister Tommi Kaiser bei der Qualitätskontrolle einer Trompete in der Meisterwerkstatt Jürgen Voigt. - © Andreas Wetzel

Im Vogtland spielt die Musik. Nirgendwo sonst konzentrieren sich Manufakturen von Instrumentenbauern derart dicht wie rund um Markneukirchen, das als Wiege des Orchesterinstrumentenbaus gilt. Die 130 Betriebe der Kleinstadt könnten bis auf Schlagwerk und Harfe ein ganzes Sinfonieorchester ausstatten. Doch in jüngster Zeit mischen sich Misstöne in die Stimmung der Handwerker. Grund ist ein Regelwerk der EU, wonach bestimmte Metalle nicht mehr verwendet werden dürfen.

Die sogenannte Reach-Verordnung soll eigentlich die Gesundheit von Menschen schützen. Für Instrumentenbauer kann sie aber zur Gefahr werden, befürchtet nicht nur Kerstin Voigt. Daher sucht die Inhaberin eines der größten Betriebe im vogtländischen Musikwinkel gezielt die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft. "Wir Handwerker brauchen die Hilfe von Forschungseinrichtungen. Allein wären wir so komplexen Themen wie Reach gar nicht gewachsen", glaubt Voigt, deren Familie seit Generationen vom Musikinstrumentenbau lebt.

30.000 verschiedene Artikel

Die heutige Meisterwerkstatt für Metallblasinstrumente trägt den Namen ihres Vaters Jürgen Voigt, der 1988 sein eigenes Unternehmen gegründet und sich vor allem mit seinen Posaunen einen erstklassigen Ruf in der Fachwelt erarbeitet hat. Was kurz vor der Wende mit einer kleinen Werkstatt im Eigenheim begann, ist nicht zuletzt dank der hohen Qualität selbst entwickelter Modelle zu einem modernen Unternehmen mit eigenem Werkzeugbau gewachsen. Mittlerweile fertigen gut 40 Mitarbeiter rund 30.000 verschiedene Artikel, darunter Zulieferteile und Baugruppen für andere Instrumentenmacher sowie Schalmeien. Rund 20 Prozent steuern die klassischen Metallblasinstrumente zum Umsatz bei. Sie sind das Aushängeschild des Familienbetriebes.

Bei Reach handelt es sich um eine Chemikalienverordnung, in der zum Beispiel Nickel, Blei und Chrom als gefährliche Stoffe eingestuft sind. Alle drei Metalle werden beim Bau von Instrumenten verwendet, meist in Legierungen. Bei den Posaunen, Trompeten oder Flügelhörnern der Marke Jürgen Voigt findet sich Nickel vor allem im Neusilber, das wegen seiner Korrosionsbeständigkeit gegen Handschweiß oder Speichelsäure unverzichtbar ist.

Andererseits kann Nickel Allergien auslösen. „Deshalb soll das Metall überall dort verboten werden, wo Menschen dreimal pro Woche länger als zehn Minuten mit ihm in Berührung kommen“, erklärt Kerstin Voigt. Noch ruht das Verfahren, aber die Instrumentenbaumeisterin möchte handeln, bevor es zu spät ist.

Problemfall Neusilber

Bei der Suche nach einer Lösung vertraut Voigt auf die Unterstützung durch das Institut für Musikinstrumentenbau (IfM) im nahegelegenen Zwota. Deren Leiter Holger Schiema kennt die Problematik seit Jahren. "Bis jetzt ist es nicht gelungen, einen Ersatz für Neusilber zu finden", gesteht Schiema. In Kooperation mit der TU Bergakademie Freiberg versucht das IfM, zukünftig neue Legierungen für den Instrumentenbau zu entwickeln. "Aber die Forschung steht hier noch in den Anfängen", sagt Schiema. Aktuell werden verschiedene alternative Materialien charakterisiert. Dabei geht es um akustische Eigenschaften, aber auch die Produktionstechnik müssen die Wissenschaftler im Auge behalten. Wie verhält sich das Material beim Biegen, Löten oder Zerspanen?

Nicht zuletzt spielt die Akzeptanz der Kunden eine wichtige Rolle. "Gerade Profimusiker sind da sehr sensibel", weiß Kerstin Voigt, die neben der Forschung auch auf Lobbyarbeit setzt. "Als Einzelkämpfer lässt sich nicht viel erreichen. Wir Handwerker müssen unsere Kräfte bündeln und mit einer Stimme sprechen", sagt Voigt, die sich daher im Vorstand des Bundesinnungsverbandes der Musikinstrumentenhersteller engagiert. Dass sich solcher Einsatz lohnt, zeige das Beispiel der Orgelbauer, die für Blei eine Ausnahmeregelung erkämpfen konnten.

Beim Blei steht den Metallblasinstrumentenbauern mit der Legierung Ecobrass inzwischen eine Alternative zur Verfügung, bestätigt Holger Schiema. Das Schwermetall Blei wird in Weichloten oder als Legierungselement verwendet, damit bei der Bearbeitung von Messing die Späne brechen. Ein ähnlicher Erfolg für Nickel im Neusilber ist derweil nicht in Sicht. Das liegt auch an den geringen Mengen, die im Musikinstrumentenbau benötigt werden. Aufwändige Entwicklungen würden unweigerlich drastische Preissteigerungen nach sich ziehen, die am Markt nicht durchsetzbar wären.

Nach Gehör und Messkurven

Die Zusammenarbeit mit dem IfM pflegt die Firma Voigt schon seit Jahren. So steht den Handwerkern zur Qualitätskontrolle ein werkstatttauglicher Messplatz zur Verfügung, um die Akustik der Instrumente nicht nur nach Gehör, sondern zusätzlich anhand objektiver Messkurven zu prüfen. Auch im Kampf gegen den Zinkfraß, der aufgrund von Korrosion die Messingteile eines Blasinstruments porös werden lässt, vertraut Voigt auf die Expertise der Wissenschaft. Egal, ob durch angepasste Legierungen oder alternative Biegeverfahren, immer gilt es zwei Fragen zu klären: Ist die angedachte Lösung umsetzbar und welche Folgekosten entstehen?

Bei einem Problem, das die Me­­tallblasinstrumentenbauer gegenwärtig ebenfalls beschäftigt, können die Forscher des IfM allerdings nicht helfen: die Corona-Krise. Konnte die Manufaktur den Einbruch durch die Pandemie im vergangenen Jahr mit dem Abarbeiten des Auftragsvorlaufs weitgehend abfedern, so erwartet Kerstin Voigt für 2021 einen Umsatzrückgang von bis zu 50 Prozent. Viele Mitarbeiter mussten in Kurzarbeit geschickt werden. "Wegen der ausgefallenen Messen konnten unsere Kunden keine Instrumente ausprobieren. Die Musikschulen durften anderthalb Jahre lang keinen Nachwuchs ausbilden. Die langfristigen Auswirkungen dieser Einschnitte lassen sich noch gar nicht absehen", meint Kerstin Voigt, die aber nicht schwarzmalen möchte. Die Freude am Musizieren könne keine Pandemie den Menschen nehmen, bleibt die Instrumentenbaumeisterin optimistisch.

Institut für Musikinstrumentenbau

Am IfM forschen acht Mitarbeiter, unterstützt von Studenten, auf den Gebieten Akustik, Werkstoffe und Technologie für den Musikinstrumentenbau. Gegründet 1951 als Prüfdienststelle des Deutschen Amtes für Material- und Warenprüfung der damaligen DDR, ging es 1959 als Forschungseinrichtung an die Musik- und Kulturwarenindustrie über. Das als gemeinnütziger Verein geführte Institut ist Teil der Zuse-Gemeinschaft, unter deren Dach bundesweit 77 Institute praxisorientierte Forschung für mittelständische Unternehmen bieten. "Beim IfM liegt der Schwerpunkt auf Materialforschung und dem Erhalt von Kulturgütern. Damit besitzt es innerhalb unseres Verbundes ein Alleinstellungsmerkmal", sagt Klaus Jansen, Geschäftsführer der Zuse-Gemeinschaft.