Interview mit EuroSkills-Sieger Europameister Yannic Schlachter: "Fliesenleger zu sein, ich liebe das"

Yannic Schlachter ist Europas bester Fliesenleger, bei den EuroSkills 2021 in Graz holte er Gold für Deutschland. Im DHZ-Interview spricht der 22-Jährige über Entbehrungen und Rückschläge während der Vorbereitung, millimetergenaue Vorgaben im Wettkampf und sein nächstes Ziel, auf das er "richtig Bock" hat.

Monate des Eifers und Verzichts liegen hinter Fliesenleger Yannic Schlachter, als er die Arme nach oben reißt – die Deutschlandflagge fest im Griff. - © Michael Zanghellini / WorldSkills Germany

Als "unordentlich" würden ihn Freunde und Familie beschreiben, sagte Yannic Schlachter in einem Interview vor dem Wettkampf. Sobald der Fliesenleger Zahnspachtel und Fliesenschneider in die Hand nimmt, scheint von dieser Eigenschaft jedoch kaum eine Spur. Bei den EuroSkills, der Europameisterschaft der Berufe, zählen Präzision und sauberes Arbeiten zu den wichtigsten Fähigkeiten. Weicht das Werkstück nur um einen Millimeter ab, streichen die Prüfer Punkte.

Fehler hat sich der 22-Jährige beim diesjährigen Wettbewerb in Graz kaum geleistet. Mit Gold um den Hals reiste er zurück in seine Heimat im baden-württembergischen Albbruck. Die einzige Goldmedaille fürs deutsche Handwerk neben der von Simon Dorndorf, Anlagenmechaniker SHK.

Im Skill "Wall and Floor Tiling" setzte sich Schlachter gegen fünf weitere Nationen durch. "Leider nur fünf", sagt er. Ursprünglich hätten sich 15 Nationen angemeldet, Corona-bedingt jedoch absagen müssen, weil sie nicht ausreichend trainieren konnten. Ein kleiner Wehrmutstropfen für den ehrgeizigen Fliesenlegergesellen.

Schlachter lebt und liebt sein Handwerk. Längst wirbt er auch an Schulen für seine Leidenschaft und hofft, dass der Funke überspringt. "Im Handwerk kann es richtig schön sein", sagt er ihnen. Wer ihn reden hört, weiß, dass er aus Überzeugung spricht. Bei den Schülern kommt das an, "zwei oder drei" hätten sich schon zum Praktikum gemeldet. Spätestens mit dem EM-Titel wird auch keiner mehr daran zweifeln, was er ihnen außerdem zu vermitteln versucht: "Hier lässt sich richtig was erreichen."

Mit der DHZ spricht Schlachter über seinen Weg zu Gold, lüftet das Geheimnis der starken Österreicher und Russen und erklärt, was einen guten Fliesenleger ausmacht:

EuroSkills-Gewinner Yannic Schlachter im Interview

Mit welchem Ziel sind Sie zu den EuroSkills 2021 nach Graz gefahren?

Yannic Schlachter: Auch wenn es sich ein bisschen arrogant anhört: ich bin schon mit der Ambition dorthin gefahren, Gold zu holen. Wir haben 15 Wochen auf genau dieses Ziel hingearbeitet. Ich hatte ein ähnliches Training mit denselben Leuten wie Janis Gentner, der 2019 für Deutschland die WorldSkills gewonnen hat. Also dachte ich mir, das will ich auch schaffen.

Wie sah Ihre Vorbereitung, Ihr Trainingsalltag aus?

Ich war deutschlandweit an unterschiedlichen Trainingsorten – in Berlin, Augsburg, an der Nordsee. Die Einheiten waren immer für eine Woche angesetzt. Ein Tag An- und Abreise, ein Tag Vorbereitung, drei Tage Wettbewerbssituation. Wir haben mehr oder weniger die Wettkampf-Projekte der vergangenen Jahre nachgebaut. Meine drei Trainer haben mir über die Finger geschaut und mich angeleitet. 15 Wochen, 15 Werkstücke – das ist gegenüber den meisten Ländern ein Trainingsvorteil. Wobei die Russen beispielsweise beim Staat angestellt sind und ein Jahr lang nur darauf getrimmt werden, den Wettbewerb zu gewinnen.

In Ihrem Skill konnten Sie den russischen Teilnehmer auf den zweiten Platz verweisen, im Medaillenspiegel der EuroSkills 2021 hat Russland mit 13 Goldmedaillen hingegen klar die Nase vorne. Österreich folgt mit neun Mal Gold, Deutschland belegt mit vier Goldmedaillen den fünften Platz im Ranking. Bei den Russen spielte sicherlich die intensive Vorbereitung eine Rolle, was macht den Erfolg der Österreicher aus?

Die Österreicher waren mit richtig viel Mann dabei, hatten in fast jedem Skill einen Teilnehmer. Und klar: als Gastgeber waren sie sicherlich noch besser vorbereitet und noch motivierter als sonst. Das ganze Land schaut auf die Teilnehmer, da will man zeigen, was man kann.

Wie hat das mit der Vorbereitung neben dem Job geklappt?

Ich konnte unbezahlten Urlaub nehmen, habe teilweise meinen Jahresurlaub investiert. Das hat von Seiten meines Arbeitgebers gut funktioniert. Schließlich war es auch Werbung für den Betrieb.

"Man hat immer diese Ungewissheit: Wann findet der Wettkampf statt, findet er überhaupt statt? Das war schon hart."

Fliesenleger und EuroSkills-Gewinner Yannic Schlachter

Auf Freizeit verzichtet, dazu finanzielle Einbußen, kein Preisgeld: Die Teilnahme war schon mit Entbehrungen verbunden…

Das stimmt. Aber ich hatte meinen Spaß daran, sonst würde man das gar nicht machen. Komplett auf den Kosten bin ich zudem nicht sitzen geblieben. Wir wurden sehr gut unterstützt. Vom Fachverband Fliesen gab es eine Aufwandsentschädigung, Fahrgeld und die Übernachtungskosten wurden übernommen. Da sind wir deutschen Fliesenleger im Vorteil, der österreichische Verband ist da zum Beispiel nicht so dahinter.

Die EuroSkills sollten eigentlich schon 2020 stattfinden, wurden dann aufgrund der Pandemie zunächst auf Januar 2021 verschoben, dann ein weiteres Mal auf unbestimmte Zeit. Schließlich fiel die Entscheidung, die EuroSkills doch noch im September durchzuführen. Wie schwer war es, die Trainingsmotivation hoch zu halten?

Yannic Schlachter mit Werkstück EuroSkills 2021
© WorldSkills Germany / Frank Erpinar

Das waren beide Male riesige Rückschläge. Vor allem nach der erneuten Verschiebung hat meine Motivation schon gelitten. Ich war gerade im Training, als das verkündet wurde. Man trainiert so lange, hat aber immer diese Ungewissheit: Wann findet der Wettkampf statt, findet er überhaupt statt? Das war schon hart.

Was war Ihre Aufgabenstellung bei den EuroSkills?

Es waren zwei Wandmodule zu erstellen, die den Umriss von Österreich zeigen. In den mussten wir eine Österreich-Flagge und ein Euro-Zeichen einarbeiten. Die Rundungen vom Euro-Zeichen in die Fließen zu bringen, war relativ anspruchsvoll. Dann hatten wir noch einen Boden zu erstellen, inklusive Becken, Edelstahlschienen und Gehrungsschnitten. Das alles unter Zeitdruck. Wir hatten 18 Stunden auf drei Tage verteilt – das war sehr sportlich.

Wie sind Sie mit dem Zeitdruck zurechtgekommen?

Da hat sich das viele Training bezahlt gemacht. Ich konnte gut einschätzen, für welchen Arbeitsschritt ich wie lange brauche. Dadurch konnte ich entspannt an die Arbeit gehen und hatte im Vergleich zu den anderen die Ruhe weg.

Kaum simulieren lässt sich im Vorfeld die Kulisse. Stört es, wenn einem das Publikum so genau auf die Finger schaut?

Ich war komplett im Tunnel. Man weiß, dass man schnell sein muss und hat gar nicht die Zeit, das Drumherum zu beachten.

Ist auch etwas schiefgelaufen im Wettkampf?

Die drei Tage liefen perfekt. Ich war richtig im Flow. Im Training hatte ich öfters Mal zu viele Fehler, im Wettbewerb lief dann alles so, wie ich es mir vorgenommen hatte.

Nach welchen Kriterien wurde das Werk bewertet?

Zunächst, ob das Werk überhaupt fertig geworden ist. Und dann, ob alles richtig umgesetzt wurde. Wir hatten keinen Spielraum bei der Gestaltung, das war alles millimetergenau vorgegeben. Am Ende werden die Maße genommen, die Winkel geprüft, es wird nach Lot und Senkel geschaut.

Wie eng war es? Saß Ihnen der Zweitplatzierte im Nacken?

Im Nachhinein habe ich gehört, dass es ein souveräner Sieg gewesen sein soll. Selbst habe ich mich zuerst auf Platz zwei gesehen. Die Österreicher und Russen sind auch super Handwerker, deren Werkstücke sahen perfekt aus. Anscheinend waren meine Maße aber noch etwas genauer.  

"Wir sind immer noch in Feierlaune. Ich habe allein zwei Tage gebraucht, um alle Glückwünsche zu beantworten."

Fliesenleger und EuroSkills-Gewinner Yannic Schlachter

Ist dieser Erfolg mit irgendetwas vergleichbar, das Sie in Ihrem Leben erreicht haben?

Nein, definitiv nicht. Bei der Deutschen Meisterschaft 2019 bin ich leider nur Zweiter geworden, deshalb konnte ich den Erfolg nicht ganz so feiern. Der Sieg jetzt ist ein unglaubliches Gefühl, wir sind immer noch in Feierlaune. Ich habe allein zwei Tage gebraucht, um alle Glückwünsche zu beantworten.

Geht man mit der Goldmedaille um den Hals selbstbewusster an die Arbeit im Betrieb?

Man weiß ja, was man kann. Deshalb war ich vorher schon recht selbstbewusst. Wobei die Baustelle etwas ganz anderes ist als der Wettkampf – und ich kann auch nicht alles. Ich denke, dass vor allem die Anerkennung und der Respekt für meine Arbeit dadurch gewachsen sind.

Yannic Schlachter bei den EuroSkills 2021
© WorldSkills Germany / Frank Erpinar

Was nehmen Sie aus den Wettkämpfen in Ihren betrieblichen Alltag mit?

Im Wettkampf kommt es auf jeden Millimeter an. Ich habe gelernt, sehr genau zu arbeiten. Präzision ist das A und O. Das nehme ich jetzt natürlich mit auf die Baustelle.

Ganz generell: Welche Fähigkeiten braucht ein Fliesenleger, um erfolgreich zu sein?

Räumliches Denken, Fingerfertigkeit und Spaß daran, mit den eigenen Händen etwas zu erstellen. Man muss Lust darauf haben, der Rest ergibt sich von allein.

Was unterscheidet Sie von Fliesenlegern, die nicht zu den EuroSkills fahren?

Innungssieg, Landessieg, beim Bundeswettbewerb Zweiter, dann die Ausscheidung gewonnen – da gehört natürlich auch Glück dazu. Ich bin aber auch sehr fingerfertig und vor allem top motiviert. Fliesenleger zu sein, ich liebe das. Außerdem kenne ich das Handwerk schon seit meiner Kindheit. Mein Vater ist Fliesenleger, wir haben einen Betrieb zuhause.

Ist es Ihr Ziel, den elterlichen Betrieb einmal zu übernehmen?

Ich habe woanders gelernt und besuche jetzt aktuell die Meisterschule in Stuttgart. Danach habe ich schon vor, irgendwann in den Betrieb einzusteigen und ihn später einmal zu übernehmen.

Im kommenden Jahr finden die WorldSkills statt. Haben Sie die Ambition, dort ebenfalls anzutreten?

Ich hätte richtig Bock dort mitzumachen. Die Weltmeisterschaften in Shanghai sollen ein Riesen-Event sein. Meine Kollegen im Fliesenleger-Nationalteam wollen dort natürlich auch hin. Im April findet die Ausscheidung statt. Der Teilnehmer mit der besten Punktzahl darf nach China fahren. Wenn es für mich klappt, wäre das sensationell.