Klimaschutz CO2-Grenzwerte für Pkw sollen EU-weit purzeln

Kompromiss im Streit um niedrigere CO2-Grenzwerte für Pkw: Autos europäischer Hersteller müssen ab 2020 geringere Grenzwerte einhalten, doch die sogenannten "Supercredits" bleiben vorerst. Während der Verband der deutschen Automobilindustrie den Kompromiss zunächst prüfen will, bezeichnen ihn Umweltverbände als zu lasch.

Die Europäische Union hat die CO2-Grenzwerte für Pkw weiter gesenkt. - © Foto: Marcus Führer/dpa

Die Verhandlungspartner in der EU haben sich auf neue Klimaschutz-Vorgaben für Autos geeinigt. Bis zum Jahr 2020 müssen europäische Autobauer den durchschnittlichen CO2-Austoß ihrer Flotte auf 95 Gramm pro Kilometer senken. Dies entspricht dem Vorschlag, den das EU-Parlament zuvor eingebracht hatte.

Die umstrittenen "Supercredits" wird es jedoch weiterhin geben. Mit ihnen können Hersteller Autos mit alternativen Antrieben mit derzeit 3,5-Facher Gewichtung auf ihren Flottenwert anrechnen lassen und müssen damit bei konventionellen Wagen weniger CO2 einsparen. Doch bis 2020 sollen Autos, die weniger als 50 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen, nur mehr doppelt auf die Klimabilanz angerechnet werden können. Ab 2023 sollen die Boni komplett wegfallen.

Die Supercredits hatte man vor Jahren eingeführt, um die Produktion von Elektroautos zu fördern. Zugleich erleichtert das Bonus-System Autoproduzenten es, die CO2-Zielvorgaben für ihre Flotte zu erreichen.

VDA: Enorme Herausforderung für Autohersteller

Das ursprünglich vom EU-Parlament geforderte langfristige Ziel, den CO2-Ausstoß ab 2025 auf 68 bis 78 Gramm pro Kilometer zu senken, wurde von den Verhandlungspartnern indessen fallengelassen. Die Unterhändler der Mitgliedstaaten konnten sich lediglich darauf einigen, dass Europa auch für die Zeit nach 2020 CO2-Zielwerte bestimmen will. Konkrete Zahlen wurden jedoch nicht genannt.

Der Verband der deutschen Automobilindustrie (VDA) kündigte an, den Kompromiss nun erst einmal zu prüfen. "Klar ist, dass das 95-Gramm-Ziel als weltweit schärfster Grenzwert eine enorme Herausforderung für die Automobilunternehmen und damit für Wertschöpfung und Beschäftigung in dieser Schlüsselbranche darstellt", kommentiert VDA-Präsident Matthias Wissmann die Grenzwerte. Es sei besonders besorgniserregend, dass es der Europäischen Union trotz der wirtschaftlichen Krise nicht gelinge, einen kraftvollen Impuls für Technologieentwicklung und den Markthochlauf alternativer Antriebe zu setzen.

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Zufrieden zeigte sich der Verband hingegen damit, dass keine über das Jahr 2025 hinausgehenden Grenzwerte festgelegt wurden. "Eine solche Zielmarke für 2025 wäre aus der Luft gegriffen. Realistische Vorgaben können erst in einigen Jahren gemacht werden, wenn absehbar ist, ob sich die Kunden verstärkt für alternativ angetriebene Fahrzeuge entscheiden", so Wissmann.

Grenzwerte als Chance für Innovationen

Der VDA hatte vor den Verhandlungen gegen niedrigere Grenzwerte gekämpft und Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem persönlichen Brief vor überzogenen CO2-Regulierungen gewarnt. Zu niedrige Grenzwerte träfen vor allem die deutschen Hersteller von Oberklassewagen, wie Audi, BMW oder Mercedes. Zudem hatte Wissmann gefordert, alternative Antriebe stärker auf die Flotte anzurechnen, das System der Supercredits also weiter zu stärken.

Das Handwerk sieht den niedrigeren Grenzwerten hingegen gelassen entgegen. Die neuen Regelungen treffen zwar primär die Automobilhersteller, doch für das Handwerk sei das eine Chance, mit neuen Ideen aufzuwarten. "Das Handwerk hierzulande ist ausreichend innovativ, um Lösungen für die Forderungen zu finden", sagt Gerd Kistenfeger von der Handwerkskammer Stuttgart. Bislang habe man alle Probleme gelöst. "Der Erfindergeist ist da". Für die Betriebe sei es eine Herausforderung zu beweisen, dass es ohne das Handwerk nicht geht.

VCD: Ergebnis ist enttäuschend

Umweltverbände bezeichnen Verhandlungsergebnis hingegen als zu lasch. "Das Ergebnis ist enttäuschend. Da wäre mehr drin gewesen", sagt Gerd Lottsiepen, Verkehrspolitischer Sprecher des ökologischen Verkehrsclubs Deutschland. Vor allem die Supercredits seien der falsche Ansatz, um Elektroautos zu fördern. Die Politik sei vor der deutschen Autolobby eingeknickt. "Die Bundesregierung hat sich zum Handlanger der Premiumhersteller BMW und Daimler gemacht und die Aufweichungen des Grenzwertes erreicht.

Merkel hatte vor den Verhandlungen dem VDA ihre Rückendeckung in Sachen Supercredits signalisiert. Deutschland konnte sich damit aber nicht vollständig durchsetzen.

Bis 2015 müssen europäische Autobauer den durchschnittlichen CO2-Ausstoß ihrer gesamten Flotte bereits auf 130 Gramm pro Kilometer senken. Das entspricht rund 6 Litern pro 100 Kilometer. Dem neuen Beschluss müssen nun noch die Botschafter der Mitgliedstaaten und das Plenum des EU-Parlaments zustimmen. sch/dpa