Chaos bei der EEG-Reform: Die Aufbruchstimmung in Vorreiterkommunen wie Wildpoldsried wird getrübt. Viele Handwerksbetriebe haben volle Auftragsbücher, aber alle leiden unter steigenden Strompreisen.
Barbara Oberst

In Wildpoldsried macht sich Frust breit. Das "Energiedorf" am Rande der Allgäuer Alpen gilt weltweit als Vorzeigemodell für eine gelungene Energiewende. Sieben Windräder haben die Bürger selbst finanziert, es gibt Biogas und Biomasse, Wasserkraft, Photovoltaik, die Straßen werden mit stromsparenden LED-Leuchten erhellt, in den meisten Haushalten wurden alte Heizungspumpen durch Hocheffizienzpumpen ersetzt.
Zentralheizungs- und Lüftungsbauer Christian Höbel hat nicht zuletzt durch diese Heizungserneuerung reichlich Aufträge an Land gezogen: "Wir haben immer viel zu tun", freut sich der Wildpoldsrieder und auch seine Kollegen aus anderen Gewerken seien gut ausgelastet. Sogar neue Betriebe haben sich in der 2.500-Seelen-Gemeinde angesiedelt. Der Wirtschaftsstandort am Alpenrand blüht, gerade wegen der Energiewende.
Befürworter und Gegner
Doch jetzt droht Stagnation. "Wir haben zusammen mit drei Nachbargemeinden nochmal zehn Windräder geplant", berichtet Bürgermeister Arno Zengerle. Die Planungen inklusive Änderungsverfahren für den Flächennutzungsplan sind weit gediehen: "Die Bürger der betroffenen Gemeinden haben das positiv begleitet – aber das alles steht jetzt sehr in Frage", bedauert Zengerle.
Grund ist nicht nur die geplante Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), wonach künftig weniger Windkraftanlagen gebaut werden sollen und die Förderung zurückgefahren wird. Auch das Bundesamt für Flugsicherung will am Ort keine weiteren Anlagen mehr erlauben.
Für Reinhold Faulhaber kommt das gerade recht. Der Vorsitzende der Initiative Landschaftsschutz Kempter Wald und Allgäu ärgert sich nicht nur über den Anblick der weit über 100 m hohen Windkraftanlagen in seiner Heimat.
Er kritisiert auch deren Finanzierung: "Hier in Süddeutschland haben wir weniger Wind als im Norden. Die Anlagen müssen deswegen höher sein und damit auch teurer. Die Kosten werden bisher aus der EEG-Umlage gedeckt. Das ist zwar sozial, aber volkswirtschaftlich Unsinn", kritisiert Faulhaber. Überdies produziere Wildpoldsried regelmäßig über den eigenen Bedarf hinaus. Für den eingespeisten Strom bekomme es aber die fixe Einspeisevergütung, die deutlich über dem Marktpreis für Strom liege. "Letztlich bezahlen wir das alle."
Steigende Kosten
Durch die auf Jahre garantierte hohe Einspeisevergütung sind die Kosten der Energiewende explodiert. Das gefährdet die Konkurrenzfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland. Jeder vierte Industriebetrieb erwägt laut Deutschem Industrie- und Handelskammertag, Teile seiner Produktion ins Ausland zu verlagern. Auch das Handwerk leidet, zumal selbst energieintensive Kleinbetriebe nicht von der EEG-Umlage befreit sind. Sie können auch nicht auf günstigeren Strom direkt von der Strombörse zurückgreifen, wie manche Industriekonzerne.
Trotzdem sieht das Handwerk die Energiewende als Chance, von der der Wirtschaftsstandort profitieren kann. Wenn der Strom nicht mehr in großen Kraftwerken, sondern dezentral in vielen kleinen Anlagen erzeugt wird, bringt das Aufträge. Noch mehr Potenzial steckt für das Handwerk allerdings in der energetischen Sanierung von Gebäuden.
Doch anders als in Wildpoldsried wird bundesweit derzeit bei höchstens einem Prozent der Wohnungen der Energieverbrauch optimiert. "Dieser Wert müsste auf mindestens zwei Prozent steigen, damit wir die Klimaschutzziele erreichen", kritisiert Alfred Kailing, Leiter des Geschäftsbereichs Beratung und Recht in der Handwerkskammer für Schwaben und Experte für Energiethemen. "Die Säule der Energieeffizienz ist viel zu stark vernachlässigt worden. Bisher fehlte der Masterplan, der die Wende koordiniert."
Erneuerbare Energien regional
Einen Überblick über den Fortgang der Energiewende in den verschiedenen Bundesländern gibt das Internetportal unter www.foerderal-erneuerbar.de. Hier werden neben den gewohnten Daten und Fakten auch Best-Practice-Beispiele vorgestellt, die der Nutzer nach Bundesländern filtern kann.
"Der dezentrale Charakter ist einer der großen Pluspunkte der Energiewende", sagt Philipp Vohrer, Geschäftsführer der Agentur für Erneuerbare Energien, die die Internetseite betreibt. So könne jedes Land sich mit seinen individuellen Voraussetzungen an der Transformation des Energiesystems beteiligen.
Unter www.foederal-erneuerbar.de finden sich 250 Datensätze über den Ausbau der erneuerbaren Energien, die kontinuierlich gepflegt werden.