Für die energetische Gebäudesanierung bedarf es 100.000 zusätzlicher Fachkräfte in Ausbaugewerken. Sonst sei die Energiewende nicht zu stemmen, warnt das Öko-Institut.
Ulrich Steudel

Von den Klimazielen für 2020 hat sich die neue Bundesregierung schon verabschiedet. Eine Verringerung des CO2-Ausstoßes um 40 Prozent gegenüber 1990 sei nicht mehr zu schaffen, gestanden sich CDU und SPD in den Koalitionsverhandlungen ein. Zudem fehlt es dem erforderlichen Netzausbau an Tempo. Und jetzt wird noch ein weiteres Problem offenkundig: Es fehlen Handwerker für die energetische Gebäudesanierung.
Förderprogramme drohen ins Leere zu laufen
Wie das Freiburger Öko-Institut errechnet hat, sind etwa 50 Prozent mehr handwerkliche Fachkräfte nötig, um die Sanierungsquote von jährlich zwei Prozent bei bestehenden Gebäuden bis 2050 zu meistern. Demnach werden ab sofort rund 100.000 zusätzliche Beschäftigte für Fensterbau, Heizungsinstallation, Maler- und Stuckateurarbeiten gebraucht.
„Mehr Fachkräfte für die Energiewende im Gebäudebereich zu gewinnen, muss die Hauptaufgabe der Politik in den nächsten Jahren sein. Andernfalls werden die Klimaziele für den Gebäudebestand nicht erreicht und Förderprogramme laufen ins Leere“, sagt Tanja Kenkmann, die am Öko-Institut mit Schwerpunkt Klimaschutz im Gebäudebereich forscht.
Dass dem Handwerk Fachkräfte fehlen und viele Betriebe keine geeigneten Lehrlinge mehr finden, ist allseits bekannt. Dies bestätigt auch eine Studie, für die das Öko-Institut im vergangenen Oktober rund 350 sanierungswillige Eigentümer von Ein- und Zweifamilienhäusern befragt hat.
Wenig Angebote für Sanierungswillige
Alle hatten innerhalb der vergangenen fünf Jahre energetische Sanierungen beauftragt oder Angebote eingeholt. 42 Prozent gaben an, dass es schwierig war, Handwerksbetriebe zu finden. Jeder zwölfte Befragte habe überhaupt kein geeignetes Angebot erhalten, jeder dritte weniger bekommen als angefragt. Die Gründe dafür werden in der hohen Auslastung der Handwerksbetriebe vermutet.
Das spiegeln auch die Konjunkturdaten des Zentralverbandes des deutschen Handwerks (ZDH) für das vergangene Jahr wider. 92 Prozent der Betriebe im Bauhaupt- und 94 Prozent im Ausbaugewerbe bewerten ihre Geschäftslage als gut oder befriedigend. „Manche Betriebe können schlichtweg keine Aufträge mehr annehmen, weil sie einfach nicht das Personal haben, um sie abzuarbeiten“, klagte ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer in einem Interview mit dem Handelsblatt.
Sanierung konkurriert mit Neubau
Verschärft wird die Situation vom boomenden Wohnungsneubau, der vom anhaltenden Zinstief profitiert. So entsteht quasi eine Konkurrenzsituation zur energetischen Sanierung im Bestand. Wenn aber die Altbauten künftig 80 Prozent weniger Treibhausgase verursachen sollen als 1990, so hat das Öko-Institut errechnet, dann müssten jährlich zwischen 40 und 50 Milliarden Euro in die Sanierung fließen. Gleichzeitig stagniert seit 2010 die Zahl der Beschäftigten in den für Sanierungsarbeiten besonders wichtigen Gewerken Fensterbau, Maler, Stuckateure und Heizungsinstallation.
Als Fazit ihrer Studie haben die Wissenschaftler des Öko-Instituts Empfehlungen veröffentlicht, wie die Politik gegensteuern kann. Wichtigste Voraussetzung sei eine Energiepolitik, die den Unternehmen des Ausbaugewerbes langfristige Planungssicherheit bei eigenen Investitionen bietet. Mit der steuerlichen Absetzbarkeit von Sanierungsmaßnahmen greift das Öko-Institut dabei auch eine Forderung auf, die zum Beispiel die Bundesvereinigung der Bauwirtschaft schon seit Jahren erhebt.