DHZ-Gespräch mit dem EVEU-Vorsitzenden Thomas Lohr "Energieausweis birgt Mängel"

Er wurde und wird viel kritisiert: seit rund zweieinhalb Jahren ist der Energieausweis Pflicht bei neuen Gebäude, teilweise auch bei älteren. Die DHZ hat den gerade wiedergewählten 1. Vorsitzenden des Europäischen Verbandes der Energie- und Umweltschutzberater (EVEU), Thomas Lohr, zum aktuellen Stand in Sachen Energieausweis und Energieeinsparverordnung befragt.

Julia Förder

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DHZ: Seit Mitte 2009 ist der Energieausweis (entweder in Form eines Bedarfs- oder Verbrauchsausweises) Pflicht bei neuen Gebäuden und zum Teil bei Verkauf oder Neuvermietung. Hat sich der Ausweis aus Ihrer Sicht bewährt?

Lohr: "Leider weist das gesamte System des Energieausweises erhebliche Mängel auf. Aus unserer Sicht hat er sich daher nur zum Teil bis gar nicht bewährt. Der erste Kritikpunkt ist schon die Unterteilung in verbrauchsbasierten und bedarfsbasierter Energieausweis.

Der deutlich günstigere Verbrauchsausweis dokumentiert lediglich den aktuellen und sehr individuellen Heiz- und Energieverbrauch der Bewohner, sagt aber nichts über den tatsächlichen Energiebedarf des Hauses aus. Wenn sie als Mieter oder Käufer Pech haben, bekommen sie den Verbrauchsausweis ihres Vornutzers vorgelegt, der den Winter von Oktober bis April im sonnigen Süden verberbringt und damit rund 70 Prozent der regulären Energie einspart.

Der zweite Knackpunkt: Der Energieausweis bezieht sich immer auf das Gesamtgebäude. Im Extremfall liegt der tatsächliche Energiebedarf für einzelne Wohnungen in exponierten Lagen -  zum Beispiel in der Wohnung unterm unsanierten Flachdach mit Nordost Ecke ohne Dämmung -  um 100 Prozent höher, als der im Energieausweis angegebene Wert.

Lediglich der bedarfsorientierte Energieausweis mit der Beratung eines Energieberaters vor Ort kann, wenn er korrekt ausgefüllt wird, ansatzweise valide Anhaltspunkte liefern. Durch zu viele vereinfachte und pauschale Annahmen bei der Berechnung ergibt sich jedoch auch hier sowohl bei Bestandsgebäuden als auch im Neubau zu häufig ein falsches Ergebnis in Hinblick auf den realen Verbrauch des Betreibers."

Thomas Lohr, 1. Vorsitzender des Europäischen Verbandes der Energie- und Umweltschutzberater EVEU. - © Fotostudio Solln
Thomas Lohr


DHZ: Die Bundesregierung hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt was die Senkung der C02-Emissionen, den Bedarf an Primärenergie und den Wärmebedarf im Bestand angeht. Denken Sie, dass wir hier schon auf dem richtigen Weg sind, auch was etwa Förderprogramme betrifft?

Lohr: "Nein, ganz und gar nicht, wir haben erheblichen Optimierungsbedarf. Die Ziele der Bundesregierung stehen auf einem Blatt, die Maßnahmen, um diese auch zu erreichen, leider auf einem anderen. Hier wird eher gebremst, als beschleunigt. Die Förderpolitik der Bundesregierung orientiert sich seit Jahren leider nicht an der Sinnhaftigkeit und Effizienz der Maßnahme oder Technologie, sondern ausschließlich an der aktuellen Kassenlage und Steuerschätzungen.

Man muss sich nur mal die Entwicklung in den letzten 24 Monaten ansehen. Von einer kompletten Streichung der Förderprogramme bis hin zur Anhebung der Fördersätze ist alles möglich. Das andauernde Auf und Ab und Hin und Her hat die Verbraucher stark verunsichert. Verlässlichkeit und Planungssicherheit waren Fremdwörter in der Förderpolitik der letzten Jahre. Wir brauchen endlich Kontinuität in der Energiepolitik und Förderprogramme mit einer Laufzeit von mindestens fünf bis zehn Jahren und dem klaren Bekenntnis der Bundesregierung, dass diese Versprechen dann auch eingehalten werden.

Außerdem sind die Förderprogramme bürokratisch überlastet. Wir als Europäischer Verband der Energie- und Umweltschutzberater (EVEU) fordern seit längerem eine Vereinfachung der Förderprogramme im Bereich Gebäudesanierung und regenerative Energien und haben dazu im Sommer ein eigenes Förderkonzept vorgelegt. Kernpunkt unseres Vorschlags: Die unzähligen Förderprogramme für einzelne Technologien oder Energieträger, wie Wärmepumpen oder Solar, sollen durch einfache Pauschalbeträge abgelöst werden.

Wer beispielsweise die Heizung austauscht, soll 2.500 EUR Förderung erhalten, wer das Dach saniert 1.500 EUR. Maßgeblich für die Höhe der Förderung ist die energetische Effizienz der Maßnahme und damit am Ende die eingesparte Energie und nicht die Technologie, mit der die Energie eingespart wird. Wir wollen ein langfristiges, leicht verständliches und gerechtes Förderkonzept. Ziel muss es sein, die Austausch- und Sanierungsquote drastisch zu erhöhen. Bei einer Quote von rund einem Prozent werden wir noch 30 oder 40 Jahre sanieren, um die ehrgeizigen Klimaschutzziele der Bundesregierung zu erreichen. "

DHZ: Die Energieeinsparverordnung 2009 sieht einige Verschärfungen ab Januar 2012 vor, zum Beispiel bezüglich der Dämmung von Geschoss- und Kellerdecken. Was genau kommt auf Bauherren und das Bauhandwerk im neuen Jahr zu? 

Lohr: "Dies ist eine energetisch sinnvolle, sehr effektive und kostengünstige Sanierungsmaßnahme. Wir begrüßen es, dass diese Nachrüstpflicht jetzt endlich mit Frist umgesetzt wird. Sie betrifft jedoch nicht Geschossdecken allgemein, sondern die 'bisher oberste, ungedämmte Geschoßdecke beheizter Räume' zum Kaltdach. Für die Kellerdecke gibt es damit keine Nachrüstpflicht."

DHZ: Es ist eine weitere Neuerung der Energieeinsparverordnung (EnEV 2012) geplant, die die europäische Richtlinie für energieeffiziente Gebäude von 2010 umsetzt und voraussichtlich 2013 in Kraft treten wird. Ist schon absehbar, mit welchen Verschärfungen in den Vorschriften Bauherren und das Bauhandwerk rechnen müssen? 

Lohr: "Dieser Punkt wird in Fachkreisen heftig diskutiert. Es gibt mehrere veröffentlichte Forschungsarbeiten zu diesem Thema, alle mit ähnlichem Ergebnis: Wir können technologisch besser dämmen, aber mit der EnEV 2009 haben wir derzeit ein wirtschaftliches und energetisches Optimum erreicht. Neu in der EnEV 2012 wir die Berechnungssystematik sein. Die älteren Normen 4108-6 und 4701-10 werden von einer aktualisierten Version der DIN V 18599/2011 abgelöst, die eigentlich schon vorliegend sollte. "